© KURIER/Jeff Mangione

Flüchtlingshilfe
06/06/2016

Kampfkunst: "Denn sie wissen, was sie tun"

Ronny Kokert trainiert mit Flüchtlingen, um Konflikte zu überwinden und für einen Wettkampf.

von Johanna Hager

Radebrechendem Deutsch, fließendem Arabisch, Paschtu und Somali folgt im Nu Ruhe. Ein Gong. Stille. Neun junge Männer im Schneidersitz atmen tief. Zählen leise von null bis zehn. Stimmen sich ein auf das, was kommt: Ein eineinhalb Stunden Training der anderen Art.

Anders, weil Kampfsportweltmeister Ronny Kokert sie in Shinergy instruiert. Der von ihm kreierten Methode, die die Zen Philosophie mit asiatischer Kampfkunst und westlicher Sportwissenschaft verbindet. Anders, weil die neun Männer zwischen 17 und 40 aus Somalia, Syrien, Afghanistan und dem Irak geflohen sind, in Wien von den Johannitern und der Caritas betreut werden. Anders, weil die Übungen voraussetzen, dass man sich verbeugt. Wer das nicht tut, also dem Gegenüber Respekt zollt, ist nicht Teil des Teams. Ebenso verhält es sich, wenn sie unpünktlich sind oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Anders, weil es darum geht, Aggression abzubauen, Selbstbewusstsein aufzubauen, innere Ruhe zu finden. Wer in sich ruht, kann alles schaffen, so Kokerts Philosophie.

Traumatisierung

"Jeder von uns hat mit Ängsten, Frustration, Druck und auch Aggressionen zu kämpfen. Jeder äußere Widerstand ist immer ein Spiegelbild eines inneren Widerstands", sagt Ronny Kokert. Es liege an jedem selbst, diese Widerstände aufzulösen. "Wir sind nicht Gefangene der Umstände. Auch die Flüchtlinge sind es nicht." Trotz Traumatisierungen, Ängsten, Aggressionen.

Bestes Beispiel ist der Jüngste im Team. Soker ist 17, Syrer und hätte am liebsten "sieben Tage pro Woche" statt ein Mal Training. Dass er aus einem Kriegsgebiet kommt, jetzt Kampfkunst lernt, stellt weder für ihn noch die anderen einen Widerspruch dar. Im Gegenteil. Und genau darum geht es Ronny Kokert. "Es geht darum, Menschen in schwierigen Situationen Mut zu machen." Mut, an sich zu glauben, sich den Herausforderungen der jeweiligen Lebenssituation zu stellen. Es gehe darum, sich der inneren Konflikten und Ängsten bewusst zu sein und diese letztendlich zu überwinden. "Kämpfen zu können, bedeutet, nicht mehr kämpfen zu müssen. Nicht gegeneinander kämpfen sondern miteinander üben – das ist das Ziel."

Traum

Damit das gelingt, geht es nach der Meditation im Trainingsraum buchstäblich Schlag auf Schlag. Schritt für Schritt. Unter der Anleitung von Kokert, der die Truppe auf Trab hält. "Konzentriert Euch!", "Fokussiere Dich!", "Geh nicht wie ein Elefant sondern wie ein Tiger. Bist Du ein Tiger?" Mohamad, mit 40 der Älteste im Team, trainierte bereits in Somalia und macht in der Zweier-Formation den Anfang. Mit dem Fuß kickt er in den Handschlagpolster seines Vis-à Vis’. Die acht Anderen tun es ihm gleich, denn sie wissen – nach wenigen Einheiten – was sie tun. Ganz gemäß ihrem Credo "Rebels with a Cause" (in Anlehnung an den James Dean-Klassiker "Rebel without a Cause"/"Denn sie wissen nicht, was sie tun"). Im April 2017 will Kokert mit seinem Team an Wettkämpfen teilnehmen. "Mein Traum ist es, dass sie eine Medaille für Österreich gewinnen."

Ronny Kokert (Jg.1970) wird nach einer Knochenmarkserkrankung im Alter von 13 seitens der Ärzte damit konfrontiert, nie mehr Sport treiben zu dürfen – er beschließt, „ein Krieger zu werden“. Er wird jüngster Tae-Kwon-Do-Staatsmeister, US Open Medaillist und holt sich den Titel Open Taekwondo World Champion. 1999 kreiert Kokert Shinergy (Shin japan. für Geist, Herz, Emotion) und verbindet die Zen Philosophie asiatischer Kampfkunst mit moderner Sportwissenschaft. Kokert leitet ein Trainingscenter in Wien und unterrichtet seit 2002 als Lehrbeauftragter an der Universität Wien. www.shinergy.com

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