Sport | Wintersport
18.01.2013

Wengen: Marathon mit 160 km/h

Lang, schnell und wider die FIS-Regeln - der Abfahrtsklassiker auf dem Lauberhorn.

Auf der längsten Rennstrecke, die nicht mehr den FIS-Regeln entspricht, wird mit den bisher höchsten Geschwindigkeiten gerechnet. ÖSV-Hoffnungsträger Max Franz wagt trotzdem ein Comeback.

Noch zu Wochenbeginn hatten bei einer Online-Umfrage des Zürcher Blick zwei Drittel dafür gestimmt, einen Feuerwehrmann (= Cheftrainer) aus dem östlichen Nachbarland zu holen, "weil’s die Österreicher besser können".

Am Freitag war erstmals in diesem Winter ein Schweizer besser. Carlo Janka schaffte am Lauberhorn in der Super-Kombination nicht nur den Sprung aufs Podest, er hatte zuvor in der Kombi-Abfahrt mit 158,8 Stundenkilometer auch einen (inoffiziellen) Tempo-Weltrekord erzielt.

Am Samstag wird bei der Spezialabfahrt in Wengen mit einer Fortsetzung der Schweizer Wiederauferstehung, mit 30.000 Besuchern und (am Haneggschuss) sogar mit Geschwindigkeiten über 160 km/h gerechnet. Aber: Die Rennläufer sind gegenüber Hermann Maiers Zeiten nicht um so vieles schneller, sondern die Verantwortlichen des Weltskiverbandes FIS vielmehr endlich ehrlicher geworden.

In der Vergangenheit hatte die FIS ihren Tempomat nicht an der schnellsten Stelle platziert – vielleicht, um sich höhere Versicherungsprämien zu ersparen, vielleicht auch, um rekordlüsterne Veranstalter einzubremsen. So hatte die FIS schon in den 90er-Jahren verhindern wollen, dass Hubert Neuper die beim Kitzbüheler Zielsprung erzielten Weiten ermittelt. Neuper wurde mit seinen Anzeigetafeln aus der Piste hinauskomplimentiert.

Regelwidrig

Auf der Kitzbüheler Streif findet am nächsten Wochenende die letzte Abfahrt vor der WM in Schladming statt. Beide österreichischen Abfahrtspisten sind kürzer als als der "Jurassic-Park" auf dem Lauberhorn, der an einigen Passagen längst nicht mehr den FIS-Normen entspricht und auch deshalb so einzigartig ist.

Am Hundsschopf müssen die Rennfahrer zwischen einem Felsdurchlass in die Tiefe springen, vor dem Brüggli (= Brücke) mit 100 km/h die Skier querstellen, im Tunnel unterhalb der Wengenalp-Bahn ganz nah an altem Gemäuer vorbeirasen. Fast alle 4415 Abfahrtsmeter umweht ein Hauch von Nostalgie und gerade Österreicher waren immer wieder Hauptdarsteller in dem alpinen Wechselspiel von Triumph und Tragödie.

Am Lauberhorn haben von Schranz über Klammer, Maier bis Eberharter alle österreichischen Allzeitgrößen gesiegt.

Am Lauberhorn blieb Armin Assinger nach einem Sturz mit Kreuzbandrissen in beiden Knien liegen.

Am Lauberhorn ist 1991 Gernot Reinstadler auf dem Zielhang verblutet.

Am Lauberhorn hat Pepi Strobl im Jänner 2000 den Ton angegeben, obwohl er die Nacht vor dem Sieg schlaflos auf einer Matratze im Hotelgang verbracht hatte, weil ihm ein Zimmer über einem Party-Zelt mit Blasmusik zugewiesen worden war.

Und am Lauberhorn hat vor drei Jahren Klaus Kröll, 32, dominiert. Der Steirer zählt heute erneut zu den Favorits. Auch Bormio-Gewinner Hannes Reichelt, dem der zweite Platz in die Kombi-Abfahrt zusätzlich Zuversicht verlieh, ist ein Wengen-Sieg zuzutrauen, der mit 26.000 Euro und einem Hubschrauber-Flug quer durch die faszinierende Jungfrau-Region belohnt wird.
Problematisch

Die große, etwas bange lautet, wie Max Franz im Abfahrts-Marathon 49 Tage nach einer schwere Gehirnerschütterung durchhält. Bis zu seinem Super-G-Sturz in Beaver Creek galt der 23-jährige Kärntner als heißeste Speed-Aktie. Doch die härteste alpine Ausdauerprüfung ist nicht die ideale Gelegenheit für ein Comeback.