Sport | Wintersport
25.03.2018

Viel Wind um die Zukunft der österreichischen Skispringer

Kein Sieg in dieser Saison, nur ein Österreicher im Weltcup in den Top 20. Wie geht’s mit den ÖSV-Skispringern weiter?

Wenn im letzten Wettkampf nicht noch ein Wunder passiert, dann endet heute in Planica (10 Uhr, live ORFeins) für Österreichs Skispringer eine Saison, die reich war an Enttäuschungen und Ernüchterungen. Und arm an Glücksgefühlen und Erfolgen. Erstmals seit 2000/’01 droht ein Weltcupwinter ohne österreichischen Sieg.

Der Teambewerb auf der Flugschanze in Planica spiegelte die Leistungen der vergangenen Monate wider. Vorbei die Zeiten, in denen Österreich im Skispringen die Lufthoheit hatte, aktuell sind die ÖSV-Springer nichts weiter als Flugbegleiter für die übermächtigen Überflieger aus Polen und Norwegen. Mit einer Ausnahme: Stefan Kraft (sieben Podestplätze) war auch im Mannschaftsfliegen als einziger heimischer Weitenjäger auf der Höhe. Am Ende lagen die Österreicher als Sechste 221,5 (!) Punkte hinter dem souveränen Sieger Norwegen. Das sind umgerechnet 184 Meter.

Schuldfrage

Was läuft da nur schief? Wie konnte die Skisprung-Großmacht so tief sinken, dass im Gesamtweltcup nur mehr ein ÖSV-Athlet unter den besten 20 aufscheint? Und kann man im Adlerhorst nach einem Winter wie diesem und knapp ein Jahr vor der Heim-WM in Seefeld so einfach zur Tagesordnung übergehen?

Zumindest für die Öffentlichkeit scheint die Schuldfrage längst geklärt. Seit Wochen werden die Verantwortlichen des ÖSV mit Mails bombardiert, in denen die Ablöse von Cheftrainer Heinz Kuttin gefordert wird. „Wir sind doch hier nicht beim Fußball“, polterte Präsident Peter Schröcksnadel bei den Winterspielen in Korea. „Wir werfen beim ÖSV während der Saison keine Leute raus.“

Und wie ist es jetzt nach der Saison?

Anfang April treffen sich in Innsbruck die Skisprung-Trainer und die Führungsriege rund um Hans Pum (ÖSV-Direktor) und Ernst Vettori (Nordischer Direktor) zur obligaten Klausur, bei der zwei Tage lang die Leistungen der vergangenen Saison analysiert und Weichen für die Zukunft gestellt werden.

Endet dann die Ära von Kuttin, der eigentlich noch einen Vertrag bis 2019 hat?

Abwärtstrend

Anton Innauer hält nicht viel von Aktionismus und Entscheidungen, die in erster Linie aus der Emotion getroffen werden. „Muss man immer gleich den Trainer tauschen“, fragt sich der langjährige Nordische Direktor des ÖSV. Nach Ansicht von Innauer hat der Abwärtstrend schon vor Jahren begonnen.

Bis heute hätte das österreichische Skispringen die Abgänge von Werner Schuster (deutscher Chefcoach) und Alexander Stöckl (norwegischer Chefcoach) weder verkraften, geschweige kompensieren können. Beide Trainer hatten als Betreuer im Nachwuchs und im Skigymnasium Stams wertvolle Basisarbeit geleistet.

Schuster und Stöckl hatten den ÖSV seinerzeit verlassen, weil sie für sich hierzulande keine große berufliche Aufstiegschance sahen. Jetzt, wo sich eine Tür zurück zum ÖSV auftun könnte, stehen beide im Ausland unter Vertrag. Das ist aktuell das Dilemma des ÖSV – und möglicherweise auch das Glück für Heinz Kuttin. Denn Skisprungtrainer ist ein Minderheitenjob, es gibt im Grunde kaum eine Alternative zum Kärntner. Und zurecht erinnert dieser Tage so mancher Funktionär daran, dass Kuttin es war, der Stefan Kraft zum Weltklasseskispringer geformt hat, der noch vor einem Jahr alle Titel und Trophäen abgeräumt hat.

„Ich weiß nicht, wie’s weitergeht“, sagt Ernst Vettori, der Direktor der Nordischen. Der Olympiasieger von 1992 rätselt aber nicht über die Zukunft von Heinz Kuttin, sondern spricht von sich. Vettori ist keiner, der an seinem Amt hängt und auch keiner, der gerne in der Öffentlichkeit steht oder unpopuläre Entscheidungen trifft. Deshalb denkt der Absamer ein Jahr vor der Heim-WM ernsthaft über seinen Abgang nach.

Wunschkandidat

Die Rücktrittsgedanken von Vettori sind auch der Grund, weshalb sich ÖSV-Direktor Hans Pum zuletzt in Norwegen mit Alexander Stöckl traf. „Es stimmt, dass ich mich mit ihm länger unterhalten habe“, sagt Pum. Allerdings ging es in diesem Gespräch nicht um eine mögliche Nachfolge von Heinz Kuttin. Vielmehr sehen viele in Stöckl, der in Norwegen bis 2022 unter Vertrag steht, einen künftigen ÖSV-Direktor.