Der Ski-Pensionist: Aksel Lund Svindal wird auch nach der Karriere nicht fad. Beteiligungen, ein Hotel und viele Pläne halten den 37-Jährigen auf Trab.

© APA/EXPA/JOHANN GRODER

Sport Wintersport
01/25/2020

Svindal: "Hoffentlich muss ich da nie im Leben runter"

Der norwegische Skistar a. D. über den Zirkus von Kitzbühel, die Herausforderung Streif und sein leichtes und doch intensives Leben nach der Karriere.

von Christoph Geiler

Aksel Lund Svindal erlebt seine ersten Hahnenkammrennen als Ski-Pensionist. Der KURIER durfte den Norweger für das offizielle Kitz Race Magazin interviewen.

KURIER: Was fällt Ihnen zu Kitzbühel als Erstes ein?

Aksel Lund Svindal: Zirkus.

Zirkus?

Ja, der Zirkus, der hier herrscht. Das Gesamtpaket macht Kitzbühel so faszinierend und auch so einzigartig. Du hast hier die Streif, eine der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste Piste der Welt. Das allein ist schon besonders, und dann kommt noch das ganze Rundherum dazu. Das gibt es in dieser Form sonst nirgends im Skisport. In Kitzbühel ist alles größer, alles eine Stufe höher. Aber bei mir löst Kitzbühel noch etwas aus ...

Was denn genau?

Dieses spezielle Gefühl, das jeder Rennläufer hat, wenn er am Montag oder am Dienstag nach Kitzbühel hineinfährt und das erste Mal wieder die Streif sieht. Das ist so eine Mischung aus Nervosität, Aufgeregtheit, aber auch ein bisschen Vorfreude. Ab diesem Zeitpunkt weißt du: Jetzt geht’s los.

Klingt fast so, als würde Ihnen dieses Gefühl ein wenig abgehen.

Ich vermisse dieses Gefühl ganz bestimmt nicht. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich nicht mehr hier herunterfahren muss.

Dabei erhielt der Sieger heuer das Rekordpreisgeld von 100.000 Euro. Wäre das kein Anreiz gewesen?

Das ist bestimmt kein Grund, wieder anzufangen. Man kann alle fragen: Keiner fährt in Kitzbühel, weil er viel Preisgeld verdienen kann. Sondern weil er dieses Rennen gewinnen und die Streif besiegen will. Ich bin dafür nicht mehr bereit. Auf der Streif kannst du nur bestehen, wenn du zu hundert Prozent überzeugt bist. Sonst wird es gefährlich.

Können Sie sich an Ihr erstes Streif-Erlebnis erinnern?

Ich kannte Kitzbühel natürlich vom Fernsehen, aber richtig hier war ich das erste Mal im Jänner 2000. Ich war 17 und bin einige FIS-Rennen in Österreich gefahren. Deshalb haben wir die Gelegenheit genützt, um uns Kitzbühel anzusehen. Ich kann mich noch gut erinnern, was mir durch den Kopf gegangen ist.

Dass Sie einmal auf der Streif gewinnen wollen?

Nein, ganz im Gegenteil: Ich habe auf den Hang hinaufgeschaut und nur gedacht: ,Hoffentlich muss ich da nie im Leben runter.‘

Sie haben später hier den Super-G gewonnen. Was war Ihr schönster Kitz-Moment?

Eigentlich habe ich sogar zwei schönste Momente: Die sind irgendwie gleich und trotzdem ganz unterschiedlich. Darf ich erzählen?

Nur zu.

Ich erinnere mich immer noch gern daran, wie ich im Super-G mit einer deutlichen Bestzeit ins Ziel gekommen bin und mir die Tausenden Leute zugejubelt haben. So einen Moment vergisst man nie. Andererseits…

…andererseits?

Andererseits gab es dann auch einmal einen Super-G, bei dem das Ziel oberhalb des Hausbergs war. Das war brutal komisch, weil da oben natürlich keine Zuschauer hingekommen sind. Du kommst ins Ziel, und kein Mensch ist da, der jubelt. Du siehst auch keine Anzeigetafel, hörst keinen Sprecher und hast keine Ahnung, ob du schnell warst. Das war ein Weltcuprennen im berühmten Kitzbühel, aber die Emotion war wie bei einem Kinderrennen.

Sie haben in Kitzbühel nie die Abfahrt gewinnen können. Ist das ein Makel in Ihrer Karriere?

Das ärgert mich weniger, als viele vielleicht glauben. Ich hatte die Gelegenheit, viele Rennen gewinnen zu dürfen, die Abfahrt in Kitzbühel war leider nicht dabei.

Würden Sie denn einen Ihrer Olympiasiege oder WM-Titel gegen einen Triumph auf der Streif eintauschen?

Eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen würde keiner eintauschen. Ich glaube, nicht einmal ein Österreicher, obwohl für die das Rennen das wichtigste im Jahr ist. Einen WM-Titel würde ich wahrscheinlich für einen Sieg in Kitzbühel hergeben. Wobei objektiv betrachtet natürlich Olympia und Weltmeisterschaften in unserem Sport das Wichtigste sind. Emotional gesehen kann man einen Sieg in Kitzbühel sicher mit einem WM-Titel vergleichen.

Lassen Sie uns das Thema wechseln: Wie ist das Leben als Skipensionist?

Die vielen Verletzungen in den letzten Jahren hatten auch einen Vorteil: Dadurch konnte ich schon einige Projekte vorbereiten und starten. Seit dem Karriereende ist das noch intensiver geworden.

Was schreiben Sie heute bei einem Fragebogen in die Rubrik Beruf?

Gute Frage. Ich habe in viele Start-up-Unternehmen im Bereich Software und nachhaltige Technologie investiert und sitze bei diesen Firmen auch im Aufsichtsrat. Dann habe ich ein Buch geschrieben, das auch auf Deutsch übersetzt wird. Im Dezember hat mein Hotel im Hemsedal eröffnet, dann gibt’s noch die eigene Bekleidungsfirma Greater than A, langweilig wird mir also nicht.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für den Sport?

Unbedingt. Wenn ich nicht aktiv bin, funktioniert nämlich mein Kopf auch nicht. Nach einem Tag mit vielen Meetings bin ich froh, dass ich mir daheim einen Fitnessraum eingerichtet habe. Ich bin auch sehr viel mit dem Rad unterwegs. Der Riesenunterschied zu früher ist: Ich kann jetzt im Training das machen, was mir Spaß macht. Die Kniebeugen lasse ich inzwischen aus.

Was gönnen Sie sich sonst? Naschen Sie vielleicht mehr Süßigkeiten?

Ich esse jetzt weniger als früher.

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Sie essen weniger?

Genau. Während meiner Karriere hatte ich im Schnitt 104 Kilogramm. Bei meiner Größe und Statur war dieses Gewicht notwendig in der Abfahrt und im Super-G. Es hat nie gereicht, so viel zu essen, bis ich satt bin. Ich musste immer mehr essen, als ich eigentlich konnte. Jetzt esse ich wieder normal und wiege gleich um acht Kilo weniger.

Haben Sie heute einen anderen Blick auf den Skisport?

Wenn man einen Schritt zurück macht, sieht man alles relaxter und nimmt es nicht mehr so ernst. Der Skisport ist für mich immer noch wichtig, hat aber nicht mehr die oberste Priorität. Als Skifahrer musst du anders denken, du musst am Start stehen und das Gefühl haben, dass es die wichtigste Sache im Leben ist. Nur dann bringst du deine Leistung, eine andere Einstellung wäre auch respektlos gegenüber den Zuschauern, den Medien und Sponsoren.

Sie waren immer auf der Jagd nach Hundertstelsekunden. Hat Zeit heute für Sie eine andere Bedeutung?

Egal, was wir als Mensch machen, ob wir fleißig sind oder nichts tun: Die Ressource Zeit wird nicht mehr, sondern immer weniger. Für mich bedeutet das, dass ich versuchen will, die Zeit optimal auszunutzen und sinnvoll zu verwenden. Ich habe noch genug Ideen und will Sachen erleben. Im Skisport stehst du allein im Starthaus, jetzt will ich eher mit mehreren Leuten zusammenarbeiten.

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