Sport | Wintersport
06.02.2017

Kammerlanders abenteuerliche Ski-Karriere

Der Pitztaler Simon Breitfuss Kammerlander führt das bolivianische Skiteam an.

Falls Donald Trump immer noch der Ansicht ist, der Klimawandel wäre eine Erfindung der Chinesen, dann sollte er sich einmal mit den Breitfuss Kammerlanders unterhalten. Von Simon und seinem Vater Rainer könnte er dann zum Beispiel erfahren, dass das einst höchste Skigebiet der Welt, am berühmten Chacaltaya in Bolivien, 5395 Meter über dem Meeresspiegel, heute auf Eis liegt – Schneemangel. Er würde mitkriegen, dass die beiden in ihrer neuen Skiheimat in den Anden mittlerweile 6000 Meter hoch hinaus müssen, wenn sie auf Skiern zu Tal fahren wollen. "Was wir erleben, das glaubt ja keiner", sagt Simon Breitfuss Kammerlander.

Die Geschichte klingt so schon abenteuerlich genug: Ein Skifahrer aus dem Pitztal, der in jungen Jahren seine Liebe zu Südamerika entdeckt, in La Paz heimisch wird und heute bei der Eröffnungsfeier in St. Moritz als Fahnenträger das bolivianische Skiteam anführt. Genau genommen ist Simon Breitfuss Kammerlander das Skiteam von Bolivien. "Ich bin der Einzige", erzählt der Tiroler.

Im Wohnmobil

Es war naheliegend, dass es Simon Breitfuss Kammerlander einmal ins ferne Südamerika verschlagen würde. Sein Vater, ein ehemaliger Rennläufer, der in den 1980er Jahren in Japan Profiwettkämpfe fuhr, betreute jahrelang den Ski-Nachwuchs von Argentinien. "Ich war als Kind schon viel in Südamerika", erinnert sich der Filius, "irgendwann hat sich dann die Gelegenheit mit Bolivien ergeben. Ich hab’ gar nicht lange überlegt und gesagt: ,dann gehen wir halt nach Bolivien.‘"

Bis Breitfuss Kammerlander endlich den Reisepass des 10-Millionen-Einwohnerlandes ausgehändigt bekam, vergingen mehrere Jahre. "In dieser Zeit habe ich den Draht zum Sport verloren und war praktisch nie Ski fahren", erinnert sich der 24-Jährige.

Umso umtriebiger ist der Tiroler Bolivianer dafür heute auf der Piste. Simon Breitfuss Kammerlander startet wann und wo immer es möglich ist. Im Wohnmobil tingelt der 24-Jährige seit Monaten von Rennen zu Rennen, immer an seiner Seite: Papa Rainer, der Coach, Servicemann und Manager in Personalunion ist. In diesem Winter waren die beiden bereits bei den Weltcupbewerben in Sölden, Levi, Val d’Isère, Alta Badia, Madonna, Zagreb, Adelboden, Wengen, Kitzbühel und Schladming. Von der ersten Qualifikation für einen Finaldurchgang war der Technik-Spezialist aber bisher ungefähr so weit entfernt wie das Pitztal von La Paz. Im Riesentorlauf von Adelboden hatte Breitfuss Kammerlander als Letzter des ersten Durchgangs mehr als zehn Sekunden Rückstand, in Alta Badia konnte er immerhin den Albaner Erjon Tola hinter sich lassen.

Der Bolivianer lässt sich aber nicht unterkriegen. "Das ist meine erste echte Saison", gibt der 24-Jährige zu bedenken. Außerdem hat er zwei Knieoperationen hinter sich, und auch bei der Materialabstimmung gibt’s noch Nachholbedarf. "Wir testen praktisch immer nur im Rennen."

Zu Fuß

Simon Breitfuss Kammerlander fühlt sich selbst gar nicht einmal so sehr als Exote. Er sieht sich vielmehr als Botschafter und als Entwicklungshelfer. Wenn er in El Alto, wo er die Sommermonate verbringt, mit Einheimischen ins Gespräch kommt, ist er erstaunt, "wie gut sich die Leute im Skifahren auskennen. Der Chacataya ist vielen Bolivianern ein Begriff, als noch Schnee lag, tummelten sich bis zu 5000 Menschen am berühmten Skiberg des Landes, wo einst ein Österreicher aus einem VW-Motor den ersten Skilift gebastelt hatte.

Heute gibt’s für Breitfuss Kammerlander nur mehr eine Gelegenheit, in Bolivien zu trainieren. Auf einem Gletscher, 6000 Meter über dem Meeresspiegel. Die letzten 800 Höhenmeter muss er dabei zu Fuß bewältigen, und die Piste selbst präparieren.

Der 24-Jährige beschwert sich nicht über sein Leben. Beharrlich verfolgt er seinen Traum von einem Start bei Olympia und den ersten Weltcuppunkten. "Es ist nicht immer leicht, aber ich ziehe das jetzt durch."