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10.02.2017

Sarah Schleper: "Ich liebe Surfen, Sex und Skifahren"

Rasende Mutter: Die 37-Jährige startet für Mexiko.

Als der Zielraum schon fast leer ist, stapft Sarah Schleper einsam durch die Mixed-Zone. Mit 8,59 Sekunden Rückstand war sie im Abfahrtstraining Letzte geworden. Es freut sie offensichtlich, dass auch sie noch von einem Journalisten angesprochen wird. Sie stellt ihre langen Rossignol-Skier in den Schnee und nimmt sich Zeit für ein Gespräch.

"Hier kann ich machen, was ich will", sagt sie. "Bei einer WM bekommt jedes Land für jedes Rennen mindestens einen Startplatz – also starte ich in allen Disziplinen."

Lange Karriere

Schleper (bald 38) könnte die Mutter so mancher Konkurrentin sein. Ihr erstes FIS-Rennen fuhr sie 1995. Es folgten 186 Weltcup-Rennen für die USA, ein Sieg (2005 im Slalom von Lenzerheide) und vier Olympische Winterspiele, bis sie am 29. Dezember 2011 in Lienz ihr vermeintlich letztes Rennen fuhr. Mit einem kurzen Rock und mit dem dreijährigen Sohn Lasse auf dem Arm.

Zwei Jahre widmete sie ihren (mittlerweile zwei) Kindern, doch dann kam die Lust aufs Skifahren wieder. "Einen Abfahrtslauf zu fahren, ist manchmal schon Furcht einflößend", sagt sie. "Aber es ist ein großartiges Gefühl, es ist ganz nahe dran an Sex. Ich liebe Surfen, Sex und Skifahren. Und der Abfahrtslauf ist die beste Art, Ski zu fahren. Die Dynamik in den Kurven zu spüren, über diese Sprünge zu fliegen, diese Herausforderung zu haben. Ich bin verrückt danach."

Schnelle Lösung

Doch der Weg zurück in den Spitzensport war mühsam, für eine Qualifikation für das starke US-Team reichte es nicht. Die Lösung war sowohl naheliegend als auch kurios: Schleper startet seit Mai 2014 für Mexiko, das Heimatland ihres Mannes Federico Gaxiola.

Eine Entscheidung, die seit wenigen Monaten auch eine politische Dimension hat. "Wir haben so viele Mexikaner in Colorado. Und ich bin immer so gerne in Mexiko. Das Essen ist fantastisch, ich gehe dort so gerne surfen. Wir sollten aufhören, Mauern zu bauen und Menschen zu trennen." Ihr Mann sei es, der sie daran erinnere, sich auf den Job zu konzentrieren – das Skifahren.

Das tut sie nun dieser Tage in St. Moritz, wo sie neben Macarena Simari-Birkner (ARG) die einzige Mutter im Starterfeld ist. Doch ihre sechsten Ski-Weltmeisterschaften begannen mit einer sportlichen Katastrophe: Mit sechs Gepäckstücken hatte sie sich von Denver auf den Weg nach Zürich gemacht, angekommen ist kein einziges davon. Nur die Skischuhe hatte sie im Handgepäck. "Ich habe nur noch geheult, ich dachte schon, alles war vergebens – auch der ganze finanzielle Aufwand."

Große Hilfsbereitschaft

In ihrer Verzweiflung schrieb sie ihre Geschichte auf Facebook – und wurde von einer Welle der Hilfsbereitschaft überrollt. Die Italienerin Karen Putzer borgte ihr für den Super-G Brille und Handschuhe, der Australier Harry Laidlaw gab ihr seine Skier und die vor zwei Jahren zurückgetretene Andrea Dettling borgte ihr Stöcke und den alten Schweizer Rennanzug. Nur einen Helm musste sie kaufen, ihr Sponsor wollte sie nicht mit dem Schriftzug der Konkurrenz sehen.

So konnte Sarah Schleper am Dienstag starten. In ihrem ersten von fünf WM-Rennen erreichte sie das Ziel. Sie wurde 37. und damit Drittletzte. "Der Schweizer Anzug war fantastisch", scherzt sie. "Der war etwas enger als mein mexikanischer. Meine Rückseite hat damit großartig ausgeschaut."