Erfolgs-Duo: Kilian Albrecht ist seit Jahren der Manager von US-Skistar Mikaela Shiffrin.

© GEPA pictures/ Christian Walgram

Sport Wintersport
02/17/2021

Shiffrin-Manager Albrecht: "Die Situation ist eine Katastrophe"

Der ehemalige Slalomläufer Kilian Albrecht sieht schwere Zeiten auf den Skisport zukommen und erklärt, wieso ein österreichischer Läufer niemals Weltruhm erlangen kann.

von Christoph Geiler

Kilian Albrecht hat aus vielen Perspektiven Einblick in den Skisport gewonnen. Er war erfolgreicher Slalomläufer, er ist der Manager von Superstar Mikaela Shiffrin und vermietet zudem Appartements in Warth.

KURIER: Dass die Skigebiete offen sind, löste in den vergangenen Wochen sehr kontroversielle Diskussionen aus: Wie erleben Sie die Debatte?

Kilian Albrecht: Ich nehme Covid sehr ernst, aber das ist so ein Witz. Ich persönlich war fast jeden Tag Skifahren, und ich sehe nicht, wo da eine Gefahr sein sollte. Es findet im Freien statt, alle tragen brav Masken und in Wahrheit sind die Skigebiete ja sowieso fast leer. Das ist für die Liftbetreiber auch kein Geschäft, sondern in erster Linie ein Service am Bürger. Alle, die das Skifahren jetzt so kritisieren, sollen froh sein, dass die Leute im Freien sind und nicht daheim in den Städten herumhocken und sich dort mit fünf anderen Parteien treffen. Offensichtlich tun die Menschen nämlich genau das, sonst wären die Infektionszahlen nicht so hoch.

Werden also die Falschen kritisiert?

Man sollte nur nicht vergessen, wer dafür verantwortlich war, dass der Wohlstand in unsere Bergtäler gekommen ist: Die Liftkaiser. Und gegen die geht’s jetzt. Diese Neidgesellschaft ist so typisch österreichisch. Ohne die Liftkaiser würde es den Menschen in den Tälern heute nicht so gut gehen, und die Steuereinnahmen wären um ein Vielfaches niedriger. Die jetzt zu vernadern und als Böse darzustellen, ist nicht okay.

Sie haben aber auch nicht die klügsten Entscheidungen getroffen. Stichwort Ischgl.

Natürlich ist es damals in Tirol schlecht gelaufen. Das steht ja außer Frage, dass die Tiroler Politiker nicht die klügsten Entscheidungen getroffen haben. Bei der zweiten Welle kann Ischgl jetzt aber wirklich nichts mehr dafür. Mir geht’s aber auch gar nicht nur um den Tourismus, ich sehe da noch viele andere Probleme auf uns zukommen.

Nämlich?

Was diese Zeit und diese Lockdowns mit der Psyche der Menschen anstellen: Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Leute im letzten Jahr depressiv geworden sind. Und genau deshalb wäre der Sport im Allgemeinen ja so wichtig.

Als Ventil?

Genau. Gerade jetzt sollten sich die Leute doch bewegen und austoben. Das kennt ja jeder von sich selbst: Wenn es einem schlecht geht, dann tut Sport einfach gut. Und zwar nicht nur dem Körper, sondern vor allem auch der Seele. Aber das checken unsere Politiker überhaupt nicht, dieses Problem wird nicht einmal erwähnt. Stattdessen wurde alles zugesperrt.

Laut einer Umfrage der Stiftung von Felix Neureuther verbringt jeder vierte deutsche Jugendliche mittlerweile acht Stunden am Tag vor dem Bildschirm.

Wundert’s, wenn die Kinder eingesperrt werden? Die können ja nichts anderes tun. Die konnten lange nicht in die Schule, zugleich sind die Eltern überfordert mit dem Homeoffice. Die sollten selbst arbeiten, und dann sollten sie zugleich auch noch die Kinder unterrichten. Das funktioniert nicht. Und Online-Unterricht ist für die Kinder sowieso eine einzige Katastrophe, viele kommen da nicht mit. Deshalb fürchte ich, dass die Schere noch viel weiter auseinandergehen wird.

Wechseln wir das Thema: Es gibt aktuell nur Geisterrennen, auch die WM findet ohne Publikum statt. Haben die Rennen für den TV-Zuseher dadurch an Reiz verloren?

Beim Skisport ist es relativ wurscht, ob im Ziel jetzt Leute stehen oder nicht. Natürlich kriegt man auch als TV-Konsument die Stimmung mit, gerade in Kitzbühel, Adelboden oder Schladming. Aber grundsätzlich ist Skifahren ein wunderbarer Fernsehsport. Es fehlen jetzt halt die Bilder, wenn die Kamera ins Publikum schwenkt.

Manche Abfahrer waren gar nicht so unglücklich darüber, dass heuer in Kitzbühel keine Zuschauermassen waren.

Das kann ich gut verstehen. Für die Läufer ist es so definitiv ruhiger und angenehmer, wenn es keine Termine gibt und im Ziel weniger Journalisten warten. Aber man sollte nicht vergessen: Es geht ja um den Skisport als Ganzes. Der muss ja auch verkauft werden. Für den Sport und die Athleten ist die Situation schon eine Katastrophe. Ich fürchte, das werden wir erst in Zukunft merken.

Was kommt denn auf den Skisport zu?

Die meisten Läufer leben praktisch von der Skiindustrie und von Unternehmen, die unmittelbar aus dem Skisport kommen. Darauf sind sie angewiesen. Man braucht sich ja nur einmal die Kopfsponsoren der Athleten anschauen: Da sind extrem viele Skigebiete darunter oder skinahe Firmen. Und das wird über kurz oder lang halt ein großes Problem werden. Denn all diese Unternehmen leiden gerade ohne Ende. Der Tourismus liegt am Boden – aber gerade der hat den Skisport getragen und mitfinanziert. Wenn du deine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken musst, wo sparst du als erstes ein? Natürlich beim Marketing und im Sponsoring. Das sind die ersten Budgets, die gestrichen werden.

Also stehen dem Skiweltcup frostige Zeiten bevor?

Auch wenn der Weltcup trotz Covid in diesem Winter eigentlich gut läuft: Die Auswirkungen werden uns noch lange begleiten. Man wird kreativ sein müssen, um das zu bewältigen. In Wahrheit sollte der Aufwand, der hier betrieben wird, geringer sein.

Woran denken Sie?

Eigentlich ist’s ein Wahnsinn, wie dieser ganze Tross quer durch die Welt fliegt. Allein die Sommertrainings in Südamerika und Neuseeland, das muss man schon hinterfragen, ob das in dieser Form notwendig ist.

Reden wir über Typen im Skisport: Ihr Schützling Mikaela Shiffrin ist in den USA ein Star mit Top-Bekanntheitswerten. Sehen Sie jemanden, der wie sie das Zeug hat, international für Schlagzeilen zu sorgen?

International gesehen ist das wirklich schwierig. Denn dafür ist der Skisport einfach zu begrenzt. In Wahrheit musst du schon aus Amerika oder Deutschland kommen, das sind die zwei wichtigsten Märkte. Und dazu musst du auch noch richtig gut sein und mehrere Jahre hintereinander Erfolge feiern. So wie das eben Mikaela geschafft hat. Nur so kommst du aus der Skiblase heraus. Wenn heute zum Beispiel CNN einmal über den Skisport berichtet, dann nur wegen ihr.

Sind die österreichischen Skistars also nur weltberühmt im eigenen Land?

Als Österreicher ist es halt grundsätzlich schwierig. Ja, bei uns ist der Skisport alles, aber der Markt ist eben überschaubar. Und dann kommt natürlich heute dazu, dass die Konkurrenz einfach viel größer ist als früher, wo jeder Skirennen geschaut hat. Da hat sich sehr viel verändert.

Apropos Veränderung. Peter Schröcksnadel tritt im Sommer als ÖSV-Präsident ab. Was sagen Sie dazu?

Grundsätzlich sind Neuanfänge ja immer auch Chancen. In der Situation, in der wir uns jetzt gerade befinden, ist es aber alles andere als leicht, dieses Amt zu übernehmen. Ich möchte nicht unbedingt der Nachfolger sein, weil es eine große Herausforderung sein wird, jetzt Gelder aufzutreiben und diesen Verband in der bisherigen Form am Laufen zu halten. Ich glaube, dass auch der ÖSV in Zukunft kleinere Brötchen wird backen müssen.

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