Sport | Wintersport
27.10.2017

Shiffrin: Entscheidungen mit Kopf, Herz und Bauch

Die Gesamtweltcupsiegerin startet als große Favoritin in die neue Saison - auch, weil viele ihrer Gegnerinnen auf Eis liegen.

Die neue Saison im alpinen Skiweltcup hat noch nicht einmal begonnen, da ist sie für eine ganze Reihe von Assen auch schon wieder vorbei. Allen voran die Slowenin Ilka Stuhec, die ebenso einen Kreuzbandriss zu beklagen hat wie der Schweizer Carlo Janka. Doch im Gegensatz zur Abfahrtsweltmeisterin hat der Riesenslalom-Olympiasieger noch kleine Hoffnungen: Janka versucht, um eine Operation herumzukommen und doch noch zu den olympischen Winterspielen nach Südkorea fahren zu können.

Gesamtweltcup-Titelverteidigerin Mikaela Shiffrin ist von Blessuren bislang weitgehend verschont geblieben, von einem Innenbandriss im rechten Knie im Dezember 2015 einmal abgesehen. Und weil sowohl Anna Veith als auch Eva-Maria Brem noch nicht weit genug sind, um in Sölden zu starten, und weil auch die Schweizer Vorjahressiegerin Lara Gut nach ihrem Kreuzbandriss noch einen weiten Bogen um den Rettenbachferner herum macht, ist Mikaela Shiffrin am Samstag in der Favoritenrolle. Wobei es ganz so einfach auch nicht ist: Die Italienerin Sofia Goggia war schon im vergangenen Winter in Topform, und die 22-Jährige hat sich über den Sommer keineswegs verschlechtert.

Drei Nächte wach

Im Training auf der Ötztaler Weltcuppiste glänzte Mikaela Shiffrin in der vergangenen Woche mit Top-Zeiten trotz des Jetlags ("ich war die drei ersten Nächte in Europa wach"), und überhaupt war sie den Sommer über viel unterwegs. Trainingscamps in Neuseeland und Chile hat die Amerikanerin absolviert, "ich habe aber auch viel Zeit in Europa verbracht", und das mit einem guten Grund: Sie ist nämlich mit dem französischen Riesenslalom-Ass Mathieu Faivre liiert, der bei der Ski-WM in St. Moritz auch als Skiverleih für Hubertus von Hohenlohe engagiert war. Freilich bleibt für Shiffrin noch viel zu tun, denn "Mathieus Englisch ist wesentlich besser als mein Französisch", und das ist nur eine von vielen Baustellen, die die 22-Jährige aus dem US-Bundesstaat Colorado heuer zu beackern hat.

"Manchmal ist mein Gefühl auf den Skiern wirklich gut, aber manchmal bin ich auch ein bisschen nervös – und dann fehlt mir die Konstanz", sagt die 25-fache Siegerin von Weltcup-Slaloms. Im Riesenslalom hat sie es bislang zu zwei Erfolgen (und WM-Silber in St. Moritz) gebracht, zudem lag der Trainingsschwerpunkt in Südamerika auf den schnellen Disziplinen. "Aber ich bin noch nicht reif dafür, alle Disziplinen zu fahren", gesteht Shiffrin, "außerdem ist der Terminkalender in diesem Winter schwierig".

Ein Beispiel gefällig? Am Neujahrstag wird in Oslo der Parallelbewerb für Damen und Herren ausgetragen – und am 3. Jänner fahren die Damen in Zagreb Slalom. Und so wird Mikaela Shiffrin zumindest vorläufig um die Abfahrt wohl noch einen Carvingschwung fahren.

Reine Nervensache

Im letzten Winter hat sich die begehrte Werbeträgerin eine Mentalbetreuerin in ihr Team geholt. "Ich war so nervös und unruhig, auch, weil die Medien und die Fans angefangen haben, zu erwarten, dass ich gewinne – ich habe einige Zeit gebraucht, um mit dieser Situation umgehen zu können. Und da hat mir das Mentaltraining wirklich sehr geholfen."

Die Pläne ihrer Landsfrau Lindsey Vonn, eine Herren-Abfahrt zu bestreiten, sieht Shiffrin mit gemischten Gefühlen: "Ihr und unserem Sport bringt das in den USA viel Publicity, der Skirennlauf ist dort ja nicht so populär, aber es wäre von der Logistik her schon sehr anspruchsvoll." Doch die 22-Jährige wäre nicht sie selbst, wenn sie sich nicht längst eigene Gedanken zum Thema Geschlechtervergleich gemacht hätte. "Ein Mixed-Rennen mit je 15 Frauen und Männern, das wäre doch eine lustige Sache – wenn der Bewerb nicht für den Weltcup zählt."

Für das Tiroler Nein zu Olympia 2026 hat die junge Dame aus Eagle-Vail durchaus Verständnis: "Olympia-Gastgeber zu sein, das ist eine Riesenaufgabe", weiß Shiffrin, "ich verstehe, wenn die Leute sagen, dass es zu viel ist." Aber eine Kandidatur von Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, die würde sie unterstützen. "Denn dort ist ja schon alles vorhanden, was es an Infrastruktur braucht."