Emotionaler Triumph: Wer die Aigner-Familie zu Doppel-Gold führte
Große Emotionen bei Veronika Aigner und Lilly Sammer nach Gold.
Es waren turbulente Tage für Veronika Aigner. Kurz vor den Paralympics musste Schwester und Guide Elisabeth (27) verletzungsbedingt absagen, es begann die mühsame Suche nach einem Ersatz. „Ich habe sehr viel herumtelefoniert“, erzählt die 23-Jährige: „Für die Psyche war es sehr hart.“ Schließlich fiel die Wahl auf Lilly Sammer. 16 Jahre jung und eigentlich Guide für Michael Scharnagl.
Das jüngste Mitglied des österreichischen Teams meisterte die Aufgabe aber mit Bravour, das zusammengewürfelte Duo sicherte sich Gold in der Abfahrt. Der Jubel war dementsprechend groß.
Kurz danach legte Bruder Johannes Aigner nach, er fuhr mit Guide Nico Haberl ebenfalls zu Abfahrtsgold. Der 20-Jährige peilt wie schon in Peking fünf Medaillen in fünf Bewerben an.
Sieg für die Schwester
Was bei Johannes Aigner fast schon erwartet wurde, war bei Veronika ob der Umstände dann doch nicht selbstverständlich. Ihr und Sammer fiel eine riesige Last von den Schultern. „Wir können heute beruhigt schlafen gehen, weil die letzte Nacht war das nicht der Fall“, erzählt Aigner, „Da sind wir mit 130 Puls im Bett gelegen.“ Man habe allerdings „von Anfang an im Gespür gehabt, dass das ein Lauf für uns ist“. Sie widmete den Erfolg dann auch ihrer verletzten Schwester Elisabeth: „Damit ich ihr zeige, wo sie mich hingebracht hat.“
Elisabeth Aigner umarmt Schwester Veronika Aigner.
Die beiden Schwestern fahren seit 2017 gemeinsam, das Verhältnis ist ein ganz besonderes. Umso bitterer war dann der Ausfall sowie der spontane Wechsel. Denn der Guide erfüllt für die sehbehinderten Skifahrer (Aigner hat nur acht Prozent Sehkraft) eine zentrale Rolle. Auf und abseits der Strecke. Guide und Fahrer sind im Rennen mit einem Funk-Headset miteinander verbunden, vom Start weg werden stets Kommandos gegeben. „Links, rechts, hopp, hopp. Vertikale, Haarnadel, langer Schwung, Welle.“
Gefährliches Schweigen
Jedes Hindernis, jede Passage wird an die Athleten, die wenige Meter hinter dem Guide fahren, weitergegeben. Im Gegenzug kommt ein „Jetzt“ bei jedem Tor zurück, damit der Guide einschätzen kann, wie groß die Distanz zwischen den beiden ist. Der Abstand darf weder zu groß, noch zu klein sein. „Schweigen bedeutet im Rennen eigentlich nur, dass was passiert ist.“
Dieses Zusammenspiel haben die Aigners mit ihren Guides lange trainiert. Einen konkreten Zeitplan dafür, wie lange es braucht, um volles Vertrauen aufzubauen, gebe es allerdings nicht, meint Johannes: „Das ist eher situationsbedingt. Das merkt man schon, wenn man das erste Mal gemeinsam frei fährt.“ Für Veronika sind beim Guide „Humor und Gelassenheit voll wichtig“, sagt sie. Dazu müsse man sein Gegenüber gut verstehen: „Es bringt nichts, wenn du beim Lift aufhörst, miteinander zu reden, oder ins Zimmer kommst und nichts mehr miteinander sprichst.“
Das sei bei Lilly Sammer gegeben, auch, wenn diese naturgemäß sehr nervös gewesen sei. Immerhin absolvierte die 16-Jährige in Cortina die allererste Abfahrt ihrer Karriere. „Beim ersten Training haben meine Beine schon extrem gezittert“, gibt sie zu. Aigner gab ihr in diesen Tagen aber die nötige Ruhe. Auch für sie eine neue Rolle, normalerweise übernahm Schwester Elisabeth diesen Part.
Wichtig sei, so Veronika „jede Kleinigkeit miteinander zu besprechen, was man auf der Piste besser machen kann“. Und einen Vorteil zur großen Schwester brachte Sammer auch mit: Die Körpergröße. „Lily ist klein und kompakt. So schaut sie für mich aus, als würde sie die ganze Zeit in der Hocke sein“, erklärt Veronika Aigner. die dann auch selbst eher diese Position einnimmt und damit schneller ist.
Lilly Sammer und Veronika Aigner auf der Tofana.
Am Montag bietet sich für die Aigner-Geschwister die nächste Medaillen-Chance. Dann steht der Super-G auf dem Programm. „Wir werden definitiv nicht langsamer fahren“, verspricht Aigner.
Hinweis: Die Reise zu den Paralympics in Cortina erfolgte auf Einladung des ÖPC.
Kommentare