Erste Chance für Österreich: Wer holt sich die Krone in der Olympia-Abfahrt?
Marco Odermatt, Dominik Paris, Franjo von Allmen, Vincent Kriechmayr und Giovanni Franzoni. Oder doch ein Außenseitersieg?
116 Medaillen werden vergeben, so viele wie nie zuvor bei Winterspielen. Doch der König wird bereits am ersten Tag gekürt, die erste Goldmedaille ist aus heimischer Sicht gleich die allerwichtigste. Denn wer in Österreich Olympiasieger in der Abfahrt der Männer wird, dessen Leben wird auf den Kopf gestellt. Sie alle wurden Sporthelden.
Erinnert sei an Toni Sailer (1956), Egon Zimmermann (1964), Franz Klammer (1976), Leonhard Stock (1980), Patrick Ortlieb (1992), Fritz Strobl (2002) und Matthias Mayer (2014). Kann sich heuer wieder ein Österreicher in die Liste der Sieger eintragen?
Vorgabe 18 Medaillen
Realistischerweise wäre das achte Abfahrts-Gold für Rot-weiß-rot eine kleine Sensation. Denn in der Königsdisziplin wurden die Österreicher in den letzten Saisonen oft zum Fußvolk degradiert. Seit 1.060 Tagen wartet das ÖSV-Team nunmehr bereits im Weltcup auf einen Abfahrtssieg.
Mit Vincent Kriechmayr gibt es zumindest einen österreichischen Abfahrer, dem am Samstag auf der Pista Stelvio in Bormio (11.30/ORF 1) zugetraut werden kann, den großen Coup zu landen. Doch die Favoriten kommen vor allem aus der Schweiz und aus Italien (siehe unten).
Nach den illustren Olympia-Erfahrungen 2018 in Korea („da war ich noch frisch und kein Favorit“) und 2022 in China („eine irre Zeit“) kann Routinier Kriechmayr seinen ersten Spielen in Europa viel abgewinnen. „Da haben wir Publikum und eine Strecke, die wir kennen.“
Mit der Abfahrt erfolgt am Samstag mit einem Paukenschlag der Startschuss zur österreichischen Medaillenjagd, die einen fetten Ertrag bringen sollte. Die Vorgabe von ÖOC-Präsident Horst Nussbaumer lautet 18 Medaillen, das Ergebnis von Peking 2022.
Vor vier Jahren hatte Langläuferin Teresa Stadlober mit dem dritten Platz im Skiathlon gleich am ersten Tag den Medaillenreigen eröffnet. Die Salzburgerin ist heute im Skiathlon (13 Uhr) im Einsatz, auch Skispringerin Lisa Eder zählt auf der Normalschanze zu den Medaillenhoffnungen (18.45 Uhr).
Die Favoriten bei der Olympia-Abfahrt 2026
Doch wer sind nun die großen Favoriten auf Gold in der Abfahrt der Männer?
- Marco Odermatt (SUI)
Der Schweizer Superstar ist es mittlerweile gewohnt, dass er in jedes Rennen als Topfavorit startet. Dieser immense Druck hat Marco Odermatt in der Vergangenheit nicht gebremst, vielmehr hat er entschlossen die Erfolge eingefahren, die er sich zum Ziel gesetzt hat. Im letzten Winter wollte er unbedingt die WM-Goldmedaille in der Abfahrt. Und natürlich hat der 28-Jährige in Saalbach-Hinterglemm abgeliefert. Bei den Winterspielen in Bormio steht für Odermatt der Olympiasieg in der Königsdisziplin über allem. Drei Saisonsiege sind gute Vorzeichen, dass dieser Plan wieder aufgehen könnte.
- Dominik Paris (ITA)
Der Kraftlackl aus dem Ultental darf sich mit Fug und Recht Signore Stelvio nennen. Es gibt wohl keinen Abfahrer, der so einen Hang zu diesem steilen Hang in Bormio hat wie Dominik Paris. Es war kein Zufall, dass er gerade hier 2012 seinen ersten Weltcupsieg feierte. Seit damals dienen die waghalsigen Läufe des Südtirolers der Konkurrenz als Anhaltspunkt. Mittlerweile hält der 36-Jährige auf seiner Lieblingsabfahrt bereits bei sechs Siegen. Die Stelvio ist für Dominik Paris also der ideale Ort, um seinen Olympiafluch zu beenden: Auf Edelmetall bei Olympia wartet er nämlich noch.
- Franjo von Allmen (SUI)
Der gelernte Zimmermann aus dem Kanton Bern ist genau aus dem Holz geschnitzt, aus dem die Champions und Publikumslieblinge sind. Unbeschwert, waghalsig, sauschnell und praktisch immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Bei den Beliebtheitswerten kann es Von Allmen bereits mit seinem Teamkollegen Marco Odermatt aufnehmen. Sportlich ist der 24-Jährige auf der Überholspur unterwegs: In seiner ersten Weltcupsaison raste er gleich aufs Podest, bei seiner ersten WM wurde er Abfahrtsweltmeister. Es wäre folglich also nur logisch, wenn er jetzt in Bormio bei seiner Olympiapremiere ...
- Vincent Kriechmayr (AUT)
Auch ohne den Blick durch die rot-weiß-rote Brille darf man den Oberösterreicher in der Abfahrt in den Kreis der Mitfavoriten heben. Dafür reicht allein schon ein Blick in die Ergebnislisten der Bormio-Rennen der vergangenen Jahre: Vincent Kriechmayr fährt auf die Stelvio ab, gleich sechs Mal war der 34-Jährige auf der Olympia-Piste schon in den Top 3 zu finden, 2022 gewann er die Abfahrt. Der Routinier präsentierte sich in den letzten Tagen in Bormio auffallend unbeschwert und zeigte sich extrem zuversichtlich. Das ist bei Vincent Kriechmayr erfahrungsgemäß kein schlechtes Zeichen.
- Giovanni Franzoni (ITA)
Wer am Lauberhorn in Wengen (Super-G) und auf der Streif in Kitzbühel (Abfahrt) gewinnt, der bringt alles mit, um Olympiasieger zu werden. Gerade auf der Stelvio kommen die hohen skitechnischen Qualitäten des 24-jährigen Italieners voll zur Geltung. Giovanni Franzoni ist nicht nur der Aufsteiger dieses Winters, der charismatische Lockenkopf vom Gardasee raste auch direkt in die Herzen der Skifans. In den italienischen Gazetten drehte sich vor der Abfahrt alles um den neuen Helden der Ski-Nation. Bislang scheint die enorme öffentliche Erwartungshaltung an Franzoni abzuprallen.
- Oder doch ein Überraschungsmann?
Was haben Leonhard Stock (1980), Patrick Ortlieb (1992), Tommy Moe (USA/1994), Jean Luc-Cretier (FRA/1998) und Matthias Mayer (2014) gemeinsam? Sie alle feierten ihren ersten Sieg gleich bei Olympia. Überraschungssieger in der Abfahrt haben Tradition. In Bormio sind es vor allem die italienischen Lokalmatadore, die den Favoriten heute die Show stehlen können: Mattia Casse beeindruckte im zweiten Training mit der Bestzeit, auch seinem Teamkollegen Florian Schieder liegt die Stelvio. Und der US-Amerikaner Ryan Cochran-Siegle ist mehr als nur ein gefährlicher Außenseiter.
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