"Meditieren? Ich poste eher auf Facebook"

Hirschers Markenzeichen: Die grüne Haube. © Bild: REUTERS

Der KURIER traf Marcel Hirscher zu einem Gespräch über Ehrgeiz, Familie – und grüne Hauben.

"Vielleicht so wie im alten Rom, ein Gladiator."
... wer viel gewinnt, der kriegt auch viele Punkte. Hirscher baute seinen Vorsprung im Gesamtweltcup gegenüber Verfolger Svindal… © Bild: EPA

Er kommt vom Mannschaftstraining direkt ins Grand Prix Hotel Spielberg. Die ÖSV-Slalomläufer sind auf dem Weg nach Zagreb. Marcel Hirscher schleppt zwei Skischuhtaschen, kommt dann in die Lobby und lässt sich in einen Fauteuil fallen.Inzwischen sind 10 Tage vergangen: Hirscher hat in Zagreb gewonnen und zwei Mal in Adelboden. Die Fans stehen Kopf, Interviews gibt er nur noch schriftlich. Im KURIER-Gespräch ist der 22-Jährige, den sie "Superstar" nennen, erfrischend ungekünstelt und sympathisch eigensinnig, bleibt schon bei der Begrüßung konsequent beim "Du". In Holland, wo seine Mutter herkommt, ist das üblich. Seinen Vater Ferdinand, der einige Räume weiter mit dem Servicemann am Material arbeitet, nennt er "Ferdl". KURIER: Als du jetzt nach dem Training aus dem Bus gestiegen bist, war vom "Superstar" wenig zu spüren. Du hast erschöpft ausgesehen und zwei Taschen geschleppt. Ist der Star sein eigener Packesel? Marcel Hirscher: Mitunter ja. Ich hab’ Hilfe von meinen Vater und vom Servicemann, aber ich kann meinen Rucksack auch selber tragen.Das heißt, der Superstar ist manchmal auch Mensch? Immer ... Ausnahme ist das Rennen.Was bist du da? Was bin ich da? Das ist eine gute Frage (denkt nach). Vielleicht so wie im alten Rom, ein Gladiator. Und die anderen haben ihre Freude, dabei zuzuschau’n ...... und kommen in Massen zu Heimrennen. Du hast in den USA gewonnen, in Alta Badia, aber nicht in Flachau. Ist der Druck daheim größer? Eigentlich ist es mir lieber, wenn wir daheim fahren.Weil ...? Weil’s einfach super ist! Wenn keiner deine Interviews liest, wär das doch auch nicht toll? Wenn ich in Amerika gewinne, interessiert das keinen – in Relation gesehen. Rennen in Österreich sind mit nichts zu vergleichen, die Begeisterung, die die Leute hier haben, die spürst du, die treibt dich den Berg hinunter.

Fußball ein Teamsport? Aber geh!

"Das ist kein Ziel, das ist ein Traum."
© Bild: dapd(c) AP

Und was ist der Preis für deinen Erfolg? Der Preis ist hoch. Einerseits der große Zeitaufwand, andererseits musst du einen riesigen Ehrgeiz haben. Die Höhen und Tiefen, die du da erlebst, sind wahrscheinlich nirgendwo so zu finden.Woher beziehst du deinen Ehrgeiz? Gute Frage. Ich wollt’ immer der Beste und Schnellste sein (er schmunzelt). Überall.Wann hat das angefangen? Schon ganz früh ... O.k., ich glaub’, das dauert jetzt doch länger, bis ich zum Schlafen komme, oder (grinst)? Heißt das, ich raub’ dir gerade deine Mittagspause? Das passt schon, ich hab’ Kraft, ich bin noch nicht so alt (bestellt einen Espresso).Du wolltest immer der Beste, Schnellste sein. Worin noch, außer im Skifahren? Beim Fußball, Laufen, Radfahren, bergauf und bergab. Fußball ist doch ein Teamsport? Aber geh! Nicht in jungen Jahren, da musst du den Ball holen und dich durchsetzen.Und im Skiteam, gibt’s da so was wie Zusammenarbeit? Um sich die Zeit zu vertreiben schon. Aber dass ich einem sage, wie oder was er tun soll? Sicher nicht. Da kommt jeder selber drauf.Ziele für 2012? Es ist nicht mein Ding, dass ich mir Ziele stecke. Schnell im Ziel sein ist mein Ziel. Und im Prinzip gibt es keine Ziele. Wenn ich jetzt sag: Ich will den Gesamtweltcup gewinnen ...... wäre das eine Option! Na sicher. Aber das ist kein Ziel, das ist ein Traum.

Kopfzeug-Sprüche

Ski fahren tut man nicht mit dem Kopf? "Nein, mit den Füßen."
© Bild: EPA

Andere sagen: "Der halbe Sieg ist im Kopf. Man muss nur an den Erfolg glauben." Das sind Kopfzeug-Sprüche. Es gehört schon mehr dazu als daran zu glauben ... Ski fahren tut man nicht mit dem Kopf? Nein, mit den Füßen (grinst). Du meditierst also nicht zwischen den Durchgängen? Das gibt’s bei mir nicht. Ich poste eher auf Facebook.Vor knapp einem Jahr hast du dir das Kahnbein gebrochen. War das dein tiefstes Tief bisher? Sagen wir ... ja. Es war das erste Mal so, dass ich mit Ehrgeiz und Fleiß nichts reparieren konnte. Wenn ich sonst schlecht drauf bin, beiß’ ich die Zähne zusammen und tu’ noch mehr als sonst. Aber da war ich machtlos. Das war eine große Lehre.Lehre mit "h"? Das kann man sehen, wie man will (lacht) – eine Lehre und eine Leere. Plötzlich war ich nicht mehr fähig, das auszuüben, worauf ich immer hingearbeitet hab’. Daheim zu sehen, wie die Kollegen die WM-Medaillen holen, wenn du selbst eine Medaillenhoffnung bist, das war nicht cool. Andererseits hab’ ich extrem viel gelernt. Die Werte im Leben haben sich für mich völlig neu positioniert. Und ich hab’ die Berichterstattung verfolgt. Was ich da gesehen hab’, hat mir getaugt. Du hast den Skizirkus als Außenstehender betrachtet? Ja. Was hinter den Kulissen passiert, seh’ ich eh jeden Tag, aber nicht das Rundherum. Alles wird zur Normalität, wenn du’s ständig erlebst. Und plötzlich hab ich bemerkt: Wow! Jede Zeitung schreibt darüber, jeder Fernsehsender berichtet. Ich hab’ mir gedacht: Da muss ich wieder hin. Unbedingt.

Ein Haus am See, mit Familie und fünf Hunde

"Golfer brauchen gar nichts können!"
© Bild: EPA

Du sagst, deine Werte haben sich neu positioniert. Was ist dir neben dem Sport wichtig? Gesundheit, Familie, Freundin, Freunde. Es gibt auch andere Dinge, die klass sind im Leben, nicht nur um jeden Preis Erster zu werden.Der Bruch ist verheilt, die Veränderung geblieben? Für mich hat sich sicher dauerhaft was geändert. Von der Einstellung her. Die Ärzte haben gesagt, es könnte sein, dass das nie wieder zusammenwächst, weil die Durchblutung an der Stelle schlecht ist. Da macht machst du dir schon Gedanken. Kannst du seither leichter mit dir selbst zufrieden sein? Ja, weil ich gemerkt hab’: Irgendwann hört das Skifahren auf. Ich werde nicht bis 80 Weltcup-Rennen fahren.Sondern? Was wird sein? Ich werd’ ein Haus am See haben, mit Familie und fünf Hunden ...Welche Rolle spielt die Familie bei deinem Erfolg? Die Menschen, die mir am nächsten stehen, sind voll wichtig. Wenn’s die nicht gäbe, gäb’s relativ wenig. Aber das typische Eltern-Kind-Verhältnis haben meine Eltern und ich nicht mehr. Sie müssen mir nicht mehr sagen, was ich tun soll, sie sind nahe Bezugspersonen. Dein Vater ist dein engster Betreuer. Belastet die Zusammenarbeit das Familienleben, wenn’s nicht so läuft? Sicher ist das nicht immer einfach. Aber irgendwann ist eine Linie erreicht, hinter der der Sport nichts mehr verloren hat. Dann geht die Haustür zu.Hast du das Gefühl, dass die Hemmschwelle, deinen Frust rauszulassen, beim Vater niedriger ist als bei anderen Betreuern? Das ist mir wurscht, die kriegen alle Beton (lacht)! Ich hab’ teilweise schon Auszucker gegenüber meinem Umfeld, aber das ist verständlich, mein Herzblut, meine ganze Energie steckt da drin. Wieso ist ausgerechnet Skifahren dein Sport? Weil ich in den Bergen aufgewachsen bin. Sonst wär’s Surfen. Mir taugen viele Sportarten, vor allem die, die ich selber ausprobiert hab’.Zum Beispiel? Naja, ich hab immer gesagt: "Golfer brauchen gar nichts können!"Was würde Tiger Woods sagen, wenn er das hört? Ja eben, jetzt muss ich die Kurve kriegen. Also: Ich hab’ immer geglaubt, da haust’ die Kugel rein, und das war’s. Dann hab’ ich’s probiert und gemerkt: Das ist im Kopf total anstrengend, nach fünf Löchern hab’ ich mich kaum noch konzentrieren können.

Nie die Papp’n aufreißen

"Weil’s die einzige war, die anders war als die anderen. Punkt."
© Bild: EPA

Mit der Selbsterfahrung kam der Respekt? Ja, auch beim Boxen. Ich hab beim Sport gelernt: Nie die Papp’n aufreißen, wennst nicht weißt, wie’s geht (lacht). Beim Skisport redet auch ganz Österreich mit ... Leider haben die wenigsten eine Ahnung, was das Skifahren wirklich ausmacht, warum’s sooo schwer ist, WIE wichtig das Material ist. Dann erklär es den Leuten! Tu’ ich eh, taugt mir auch. Oft reicht eine winzige Veränderung im Set-up, und du bist chancenlos, stehst da wie der Vollidiot, dann ist’s, wie wenn du mit vier aufgestochenen Reifen Auto fahren willst. Du giltst als extremer Tüftler, der unter 80 Paar Skiern und 15 Paar Skischuhen die perfekte Abstimmung sucht. Ja, die Dichte ist so hoch, dass immer vier oder fünf das perfekte Set-up erwischen. Und wenn du da nicht dabei bist, kannst du nicht gewinnen. In der Formel 1 sagt man: "Ah, falsche Reifen erwischt, der Fahrer kann nichts dafür." Bei uns heißt es: "Alles vorbei, der kann nicht mehr Ski fahren." (Er reißt sich die grüne Haube vom Kopf) Da wird mir heiß, weil ich so einen Zorn krieg`! Ein Zehntelmillimeter Veränderung an der Kante kann ausschlaggebend sein für Sieg oder Ausfall. (Er lässt sich in den Sessel zurück fallen und setzt die Haube wieder auf) Warum hast du die grüne Haube als Markenzeichen? Weil’s die einzige war, die anders war als die anderen. Punkt. Und jetzt kann ich sie nicht mehr weggeben ... ..., weil in jedem zweiten Artikel über dich steht: "Der mit der grünen Haube und der Spiegelbrille". Was davon ist wichtiger fürs Image? Derzeit noch die Haube. Aber nach der Karriere sicher die Spiegelbrille. Kennst du das Lied "I Wear My Sunglasses Night"? (lacht) Ja, sicher, von Corey Hart. Das muss 1984 rausgekommen sein. Was? (Er lacht noch lauter.) Da bin ich noch nicht einmal auf der Welt gewesen!

Die EINE im Freibad

"Dann haben wir uns verliebt."
© Bild: Stefan Sigwarth

Du bist jetzt 22. Anton Innauer sagte in einem Interview im KURIER-Sport über seinen Erfolg und die Tausenden Interviewfragen in jungen Jahren: "Für mich war das damals sozial eine völlige Überforderung. Ich hatte die Fertigkeiten und Erfahrungen nicht, woher auch?" – Wie erlebst du den Medienansturm. Ist es so schwierig? Na logisch! Aber ich hab’ Gott sei Dank immer so geredet, wie ich denke, sag’ meine Meinung und fahr’ damit gut. Ich glaub’, wennst in einem Gymnasium 18-, 19-Jährigen Fragen stellst, für die man nichts auswendig lernen kann, stehen die auch komisch da, vor allem, wenn es persönliche Fragen sind.Zurück zum Gesamtweltcup: Wann gewinnst du ihn? Heuer, nächstes, übernächstes Jahr oder gleich drei Mal? Wenn’s nie ist, ist es mir auch wurscht. (Pause) Ja! Wirklich! Ich möchte super Ski fahren, und was sich ergibt, ergibt sich.Wo steht die Kugel, wenn es sich ergibt? Dann kann ich mir ein Haus bauen, und dort werd’ ich einen Platz finden.Wie wichtig ist dir Luxus? Luxus relativiert sich immer (lacht). Wo fängt er an, wo hört er auf? Wenn er bei einer Yacht aufhört, find ich’s untertrieben, aber wenn er bei einer Yacht anfängt, dann musst du richtig Kohle haben, so viel kann man mit Skifahren nicht verdienen.Weibliche Fans – macht das Druck? Wo? (Er schüttelt sich vor Lachen.) Im Kopf?Na im Internet – Liebesbriefe via eMail, Heiratsanträge auf Facebook ... Krieg’ ich nicht. Die wissen, dass ich eine Freundin habe.Wie lange bist du mit Laura zusammen? Um die vier Jahre.Ihr wohnt jetzt zusammen. Ist es schwierig, wenn einer ständig weg ist oder fördert das die Begeisterung bei jedem Wiedersehen? Also ich bin immer begeistert von ihr. Und ich glaube ... sie auch von mir, weil sonst hält man’s nicht aus. Sonst hält man mich nicht aus und hält man auch das Leben mit mir nicht aus. 200 Tage weg, dann 165 Tage daheim, das ist extrem.Wo habt Ihr einander kennengelernt? Na auf partnersuche.de, hahaha! Nein, ich hab’ mir im Internet Bewerberinnen für ein Misswahl ang’schaut und dann genau DIE EINE im Freibad gesehen. Da war klar: Jetzt aber! War zach, weil sie nicht reagiert hat am Anfang. Dann haben wir uns verliebt, und – passt super.Wer gewinnt den Slalom von Kitzbühel? (Schmunzelt, hebt den rechten Arm und drückt den Zeigefinger an die Brust.)Du? Das wär’ gut! Das Rennen ist ein Klassiker, echt was Besonderes. Du fährst unten im Trog und über dir stehen die Leut’, teilweise ganz nah, das ist so cool. Aber: Wer gewinnt Kitzbühel? Um die Frage jetzt ehrlich zu beantworten: Ich weiß es nicht. Ich sage sicher nicht: "Ich gewinne!" Ich möcht’s nur gern.

Spaß

"Der Hermann ist der Hermann."
© Bild: EPA

Viele Kommentatoren sehen in dir den "neuen Hermann Maier". Wie geht es dir mit dem Vergleich? Ich hör’ ihn dauernd, er ist nett gemeint, aber er hinkt total. Der Hermann ist der Hermann. Der Marcel ist der Marcel. Der Hermann hat eine Jahrtausendkarriere hinter sich. Ich hab’ grad mal angefangen.Welche Frage, die ich dir nicht gestellt habe, würdest du noch gern beantworten? (Denkt nach, dann kräuseln sich die Mundwinkel, er grinst.) Ob ich jetzt gerade, in der letzten Stunde, Spaß gehabt hab’.Und, hast du? Hab ich gehabt, ja (lacht).

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Erstellt am 16.03.2012