Sport | Wintersport
20.01.2019

Marc Girardelli: „Ich siegte immer mit Schlafdefizit“

Der Vorarlberger holte 13 Medaillen – für Luxemburg. In der Schweiz wohnhaft, gehört ihm Bulgariens Skistation.

Er galt als Abtrünniger. Weil er, der Vorarlberger aus Lustenau, nicht für Österreich, sondern für Luxemburg in allen Weltcup-Disziplinen triumphierte. Von Gegnern wurden Marc Girardelli und sein unbequemer Papa ebenso gefürchtet wie von Medienvertretern. Weil Marc Girardelli für Kritiker, die ihm das Outsider-Image umhängen wollten, selbst nach Siegen oft unansprechbar war. Aus dem vermeintlich Unnahbaren ist ein selbstbewusster, auskunftsfreudiger Businessman geworden. Wie er im KURIER-Interview beweist.

Marc Girardelli, 55, gesteht, dass er trotz seiner fünf Weltcup-Gesamtsiege unter dem One-Man-Team-Status litt; dass er oft körperlich am Ende war. Girardelli glaubt zu wissen, weshalb es – speziell bei den Damen – so viele Verletzte gibt. Und warum Marcel Hirscher weiterhin nicht zu stoppen sein wird. Girardelli verrät, was er von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hält. Der 13-fache Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gibt Einblicke in seine vielen aktuelle Geschäfte und spricht über seinen privaten Status, auch mit Selbstironie.

KURIER: Wissen Sie, was vor 30 Jahren im Skirennlauf geschah?

Marc Girardelli: Da werde ich vermutlich bei den Klassikern in Wengen und Kitzbühel gewesen sein.

Sie waren nicht nur dort, sie waren der Beste. Sie haben innerhalb einer Woche die Abfahrten von Kitzbühel und Wengen gewonnen.

Das ist dem Franz Klammer und dem Harti Weirather ja auch gelungen.

Stimmt. Aber Sie, der Beute-Luxemburger, hatten in ihrer Karriere auch den Slalom-Weltcup, den Abfahrtsweltcup und in allen vier Disziplinen Rennen gewonnen. Das gelingt heutzutage niemandem mehr.

Hermann Maier hat es oft immerhin in drei Bewerben geschafft. Und auch Benjamin Raich holte in drei Disziplinen Medaillen. In der Abfahrt, als viertem Ziel, wollte es der Benni mit Brachialgewalt ebenfalls erreichen. Mühe und Aufwand blieben leider unbelohnt. Inzwischen ist es bei den Herren schon eine Leistung, in zwei Disziplinen zu gewinnen. Wie das Marcel Hirscher mit bewundernswerter Konstanz demonstriert.

Wie begründen Sie Hirschers Überlegenheit?

Kein anderer Läufer ist so perfekt durchtrainiert wie Hirscher. Deshalb können auch keine anderen – selbst Henrik Kristoffersen nicht – das Tempo so voll bis zum letzten Tor durchziehen.

Hirscher hat den fünffachen Gesamtweltcupsieger Girardelli übertroffen. Er hält schon bei sieben Gesamtweltcupsiegen en suite. Inzwischen gewann er 67 Weltcup-Rennen. Trauen Sie ihm zu, dass er auch Stenmark überholt, der 86 Mal gewann?

Wenn Marcel noch zwei Jahre weiterfährt, dann knackt er auch den Stenmark- Rekord.

Dann wird Hischer so alt sein wie seinerzeit ein gewisser Girardelli, als der zum letzten Mal siegte. Warum traten Sie ab, obwohl Sie noch viel Geld hätten verdienen können?

Ich bin die letzten zwei Saisonen nur noch mit Schmerzen gefahren. Ich habe die Knorpelentzündung nicht weggekriegt.

Bedauern Sie es nachträglich, nie das Teamgefüge im Schoße des ÖSV genossen zu haben?

Ganz ehrlich? Ein funktionierendes Mannschaftsgefüge ist allein schon psychologisch wichtig. Zudem fehlte mir der interne Vergleich bei den Zeitläufen im Herbst. Deshalb habe ich die ersten zwei Weltcup-Wochen meistens verschleudert. Ich dachte, ich bin schnell, ich war’s aber nicht. Es war nicht einfach für mich, wenn man jahrelang nur ein, zwei Ansprechpartner hat. Irgendwann waren meine Reserven erschöpft.

Im Gegensatz zu etlichen Ihrer Konkurrenten hat man Sie nie beim abendlichen Feiern nach Siegen geschweige denn vor Rennen irgendwo an der Bar gesehen. Hatten Sie sich im Gegensatz zu Ihrem Papa, den enorme Steherqualitäten auszeichneten, so gut versteckt?

Nein. Ich war einfach ständig im Stress. Als Mini-Team mussten mein Vater oder ich selbst dem Team-Captains-Meeting beiwohnen. Und nach dem Abendessen verbrachte ich noch Stunden im Skiraum. Ich hab’s mir einmal ausgerechnet: Auf mehr als sechs Stunden Schlaf bin ich nie gekommen. Das war viel zu wenig.

Als multiaktiver Mittfünfziger und Businessman werden Sie jetzt erst recht unter einem Schlafdefizit leiden. Zumal Sie auch Buch-Autor sind und ein Unternehmen für Sportbekleidung betreiben. Haben wir etwas vergessen?

Ja. Ich bin ein bissel stolz auf das Touristenmagazin Alpin aktuell, mit dem wir eine Auflage von 250.000 erreicht haben. Bei der Bemer Group, die zum Wohle vieler Patienten auf Geräte in der physikalischen Gefäßtherapie spezialisiert ist, arbeite ich auch aus voller Überzeugung mit.

Und Bulgarien? Stimmt es, dass Sie Bansko, die größte Skistation am Balkan, gekauft haben, die von den Weltcuprennen her bekannt geworden ist?

Ich habe ärgerlicherweise soeben eine Sitzung mit dem bulgarischen Ministerpräsident versäumt, weil ein Sofia-Flug gecancelt wurde. Richtig ist, dass ich im Dezember in Bansko als Hauptaktionär eingestiegen bin.

Sind Sie somit, salopp formuliert, der bulgarische Schröcksnadel? Was halten Sie vom österreichischen Skipräsidenten, der ganze Skiberge sein Eigen nennt? Und sie offensichtlich auch versetzen kann?

Peter Schröcksnadel ist das Beste für den ÖSV. Der Sport steht für ihn an erster Stelle. Ich schätze ihn sehr. Peter ist ein unglaublicher Geschäftsmann. Aber ich bin froh, dass ich mit ihm keine Geschäft machen muss. Da wäre ich der Verlierer.

Haben Sie nicht schon einmal viel Geld verspielt?

Ja. Ich hatte in Bottrop im Ruhrgebiet in eine neue Skihalle investiert. Das rentierte sich nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber die Halle steht noch.

SKI WELTCUP IN KITZBÜHEL / "KITZCHARITYTROPHY": GIRARDELLI

Es gibt eine Girardelli-Sportswear. Besteht denn nicht die große Gefahr, mit Skibekleidung gegen übermächtige Sportartikelkonzerne unterzugehen?

Wir konzentrieren uns abseits vom Kaufhausmarkt nur auf Skiklubs, auf Skischulen, Seilbahnpersonal, auf kleinere Gruppen, aber auch auf Freunde und Helfer. So freue ich mich, dass wir zum Beispiel die Unterwaltersdorfer Feuerwehr in Niederösterreich ausrüsten. Und die Zürcher Kantonspolizei. Ab zehn Stück kann man sich übrigens unter www.marc-proteam.com sein eigenes Design kreieren lassen, sich dazu auch noch die Farbe selbst aussuchen und das dann bestellen.

In Ihrer Rennzeit gab’s Neider, die behaupteten, Sie hätten – von ihrem One-Man-Team-Status profitierend – Unsummen kassiert. Wie viel verdienten Sie wirklich?

So ein bissel mehr als eine Million pro Saison. Aber das waren nur wenige Jahre. Außerdem darf man nicht vergessen, dass mich mein Vater ganzjährig intensiv betreute und so für ihn ein anderer Beruf unmöglich war.

Als Sie mit 14 schon Vorläufer im Wengener Weltcup-Slalom waren, haben die damaligen Rennstars, unter ihnen Franz Klammer, prophezeit, dass der Vorarlberger Bua seinem strengen Papa mit 18 die Skier auf den Schädel hauen und sie an den Nagel hängen werde. Es kam bekanntlich anders. Wie ist heute das Verhältnis zu Ihrem Vater, der aus Sicht von Konkurrenz und Medien zur Konfliktbereitschaft neigte?

Wieder sehr gut. Der Papa ist mittlerweile 79 und fährt nach einer einjährigen verletzungsbedingten Pause auch wieder Ski. Mit dem kleinen Sohn meines Bruders. Das freut mich sehr.

Und wie viele Kinder haben Sie?

Vier – soweit ich informiert bin (lacht).

FILES-SKI-TOURISM-MARC GIRARDELLI

Die Sicherheitsvorkehrungen werden immer umfangreicher. Trotzdem gibt es nicht weniger Verletzte, sondern in diesem Winter sogar mehr. Nur eine Momentaufnahme? Nur Zufall?

Nein. Es fällt auf, dass sich Athleten gerade ab einem gewissen Alter oft verletzen, ohne gestürzt zu sein. Speziell bei den Damen. Bei Lindsey Vonn und Anna Veith zeichnete sich ab, dass der Körper die Belastungen nicht aushält. Nur wenige Rennläufer waren oder sind so kompakt wie ein Didier Cuche und ein Hermann Maier. Über die zwei hätt’ ein Panzer drüberfahren und sie trotzdem nicht umbringen können.

Macht es Sinn, dass Anna Veith nach ihrer neuerlichen schweren Knieverletzung auf die Rennpiste zurückkehrt?

Die Frage ist berechtigt. Das wahre Problem sind neben den Kreuzbandrissen die vielen kleinen Verletzungen, die die vielen Schläge auf eisigen Piste und die jahrelang zu ertragende Kälte verursachen. So büßt der Rennläufer-Body zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr 30 Prozent seiner Leistungsfähigkeit ein. Anna wird im Juni 30.

Wie oft sind Sie auf dem Operationstisch gelandet?

18 Mal. Das 19. und vorerst letzte Mal zähle ich nicht dazu, weil das nichts mit dem Skifahren zu tun hat. Ich habe im vergangenen August einen Blinddarmdurchbruch erlitten. Ungünstigerweise an einem Sonntag. Da stand ich haarscharf an der Kippe.

Haben Sie als Vorarlberger noch den Luxemburger Pass?

Ich besitze nur den Luxemburger Pass. Doppelstaatsbürgerschaft ist in Österreich nicht erlaubt.