Sportlich plant Iraschko-Stolzin Sotschi den olympischen Höhenflug.

© APA/PATRICK SEEGER

Vorreiterin
10/06/2013

Homosexuelle Iraschko-Stolz im Fokus

Vor den Olympischen Spielen in Sotschi sorgen die restriktiven Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland für Aufregung.

von Günther Pavlovics, Christoph Geiler

Daniela Iraschko ist mit ihrem offenen Umgang mit ihrer Homosexualität eine Vorreiterin, zu ihrer Hochzeit kam die Skispringerin allerdings zu spät. „Der Friseur hat so lange gebraucht. Zehn Minuten vor unserem Termin auf dem Standesamt war ich noch in Jeans. Dafür bin ich dann hupend in die Innsbrucker Altstadt reingefahren“, erzählt die 29-Jährige, die vor einem Monat ihrer Partnerin das Ja-Wort gab und seither den Doppelnamen Iraschko-Stolz trägt.

Die Steirerin („mir war immer schon wurscht, was die anderen von mir denken“) war verblüfft, dass derORFeigens ein Kamerateam zu ihrer Hochzeit geschickt hatte. „So interessant bin ich ja eigentlich gar nicht.“ Weniger überraschend ist das aktuelle Interesse russischer Medien an Daniela Iraschko-Stolz. Die restriktiven Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland machen die homosexuelle Skispringerin vor den Winterspielen in Sotschi zu einer begehrten Interviewpartnerin. „Witzig, dass so viele Anfragen aus Russland kommen. Aber ich blocke das ganz bewusst ab. “

KURIER: Ganz bewusst?
Daniela Iraschko-Stolz:
Es gibt eben nur wenige Sportler, die offen mit der Homosexualität umgehen und noch aktiv sind. Ich habe das Gefühl, man sucht und braucht jetzt halt irgendwen, den man vorne hinstellen kann. Wenn ich jetzt eine Politikerin wäre, dann wäre es vielleicht etwas Anderes, dann würde ich in der Verantwortung stehen. Aber ich fahre als Sportlerin zu den Olympischen Spielen. Ich bin zum Skispringen dort, da wird mir auch keiner dreinreden.

Was halten Sie denn von den Anti-Homosexuellen-Gesetzen?
Jeder, der mich und meine Einstellung kennt, weiß, dass kein Mensch mit so einem Gesetz zufrieden sein kann. Ich bin damit nicht einverstanden. Nur: Ich werde dieses Gesetz nicht ändern können. Schade ist halt, dass dadurch der olympische Ursprungsgedanke verloren geht. Aber sich jetzt darüber aufzuregen, finde ich genauso schlecht.

Wie meinen Sie das?
Entweder ich vergebe die Olympischen Spiele erst gar nicht an ein Land, in dem es solche Gesetze gibt, oder ich darf mich dann im Nachhinein nicht darüber beschweren und auf die Barrikaden steigen. Das bringt nichts. Ich finde das sogar unfair dem Veranstalter gegenüber.

Unfair?
Ja. Denn diese Gesetze hat es vorher ja auch schon gegeben. Nur hat das offenbar niemanden gestört und keinen davon abgehalten, Olympia dort zu veranstalten. Russland hat die Spiele gekriegt, wie auch immer, und sie werden sich auch bemühen, dass sie gut über die Bühne gehen. Und noch einmal: Ich werde als Sportler dort sein, nicht als Privatmensch, und daher wird es für mich in Sotschi nur um das Skispringen gehen. Uns Athleten ist es während Olympia sowieso verboten, politische Botschaften abzugeben. Außerdem. . .

... außerdem?
Außerdem bin ich nicht in der Position, dass ich mich da aufregen kann. Wir Skispringerinnen sind das erste Mal dabei. Da werde ich jetzt nicht groß motzen. Wenn ich schon sieben Goldmedaillen hätte, wäre es etwas Anderes. Dann hätte ich ein Standing, und mein Statement hätte auch Gewicht, aber so...

Einige Institutionen fordern gar einen Boykott der Olympischen Spiele.
Aber doch nicht ich als Sportler. Solche Sanktionen müssen gefälligst andere Institutionen machen. Politiker vielleicht. Aber da geht’s dann wahrscheinlich um zu viel Geld und um Interessen der Wirtschaft. Man muss ja nur schauen, welche Länder die Olympischen Spiele kriegen. Dann weiß man eh Bescheid. Und wenn’s nach dem geht, dann hätten auch nie Spiele in China stattfinden dürfen. Ich persönlich finde: Man sollte den Russen auch eine Chance geben.

Eine Chance geben, sich zu einer toleranteren Gesellschaft zu verändern?
Homosexuelle werden in Russland ja nicht eingesperrt, die müssen sich im Moment noch in der Öffentlichkeit ein bisschen verstecken. Das ist natürlich zach, aber es dauert vermutlich noch einige Jahre, bis dort die Gesellschaft so weit ist. Diese Zeit muss man Russland auch geben. Man braucht ja nur nach Österreich schauen: Vor 20 Jahren wäre es bei uns auch nicht möglich gewesen, sich als Sportler zu outen, geschweige zu heiraten. Das hat bei uns auch einige Zeit gedauert. Die Skandinavier waren uns damals zwei Jahrzehnte voraus und haben Österreich deshalb auch nicht boykottiert.

Themenwechsel: Wie sehr spukt Ihnen Olympia jetzt schon durch den Kopf?
Es ist zwar noch lange hin, aber Sotschi ist bei mir sehr präsent. Für uns alle geht dort ein Traum in Erfüllung, wir Springerinnen haben lange dafür kämpfen müssen, dass wir dabei sein dürfen. Ohne Olympia würde ich heute vermutlich nicht mehr springen.

Weil Ihnen die Ziele ausgegangen wären?
Weil mir das Geld ausgegangen wäre. Früher hast du 250 Euro für einen Sieg gekriegt, da haben sie dir dann aber noch etwas abgezogen. Da bist du die beste Springerin der Welt und kannst dir nichts kaufen. Es war oft beschämend, wenn ich mit 25 der Mama sagen hab’ müssen: ,Du, ich brauch’ Geld.‘

Und heute, vier Jahre später?
Heute steht das Damen-Skispringen richtig gut da. Es gibt Weltmeisterschaften, wir haben einen eigenen Weltcup, der Sport ist in den Medien. Seit zwei Jahren habe ich das Leben, das ich immer haben wollte. Ich kann Profiskispringerin sein, ich kann davon leben. Ich wäre eigentlich blöd, wenn ich nach Olympia aufhören würde.

Das umstrittene Gesetz

Kreml-Chef Wladimir Putin hat das umstrittene Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ unterschrieben, das seit dem 30. Juni Äußerungen über Homosexualität im Beisein von Jugendlichen verbietet. Bei Verstößen drohen Geldstrafen zwischen umgerechnet rund 120 und 23.000 Euro oder bis zu 15 Tage Haft. Ausländer können des Landes verwiesen werden. Das Anti-Homosexuellen-Gesetz wird nicht für Olympioniken gelten, das versichert das IOC. Gleichzeitig droht es freilich, Athleten auszuschließen, die sich zur Causa äußern.

Es wird sogar über einen Boykott diskutiert. „Ich finde, Sport hat nichts zu suchen in Ländern, in denen Menschen nicht Menschen sein dürfen, also etwa in Russland, wo Lesben nicht lesbisch und Schwule nicht schwul sein dürfen“, sagt die offen lesbisch lebende deutsche Entertainerin Hella von Sinnen. Der britische Premierminister David Cameron bezweifelt den Sinn eines Boykotts: „Ich bin der Meinung, dass wir Vorurteile besser infrage stellen können, wenn wir teilnehmen.“

Ein Boykott wäre nichts Neues. So verzichteten nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan die USA und zahlreiche westliche Länder auf die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen von Moskau 1980.

Die Niederlande als Vorreiter

Homosexualität und Fußball? Gibt es nicht. Geht doch nicht. Ist kein Thema. Niemand will einen schwulen Fußballer kennen, auch wenn statistisch in jeder Mannschaft zumindest einer zu finden sein sollte. „Ich würde es mir da auch fünf Mal überlegen, ob ich mich outen soll, wenn du in vielen Fußballstadien immer noch häufig Sachen wie ,schwule Sau‘ oder ,schwuler Schiri‘ hörst“, sagt Skispringerin Daniela Iraschko-Stolz, die als Torfrau von Wacker Innsbruck auch Einblick in die Fußballszene hat.

Zum großen Vorreiter im Kampf um mehr Respekt und Toleranz zählt der niederländische Fußballverband, der auch heuer wieder mit einer prominenten Abordnung an der berühmten Schwulenparade in Amsterdam („Gay Pride“) teilnahm. „Homosexuell, da ist nichts Seltsames dabei“, lautete die Botschaft von Teamchef Louis van Gaal, der von den Ex-Profis Aaron Winter, Brian Roy, Ronald de Boer, Pierre van Hooijdonk und Patrick Kluivert begleitet wurde.

In Deutschland ist man noch nicht so weit. Immerhin hat der DFB aber in diesem Jahr eine 28-seitige Broschüre zum „richtigen“ Coming-out aufgelegt. Dabei liest sich das Heftchen stellenweise wie ein Lehrbuch aus dem Sexualkundeunterricht, meinen Kritiker.

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