Hirscher erweiterte am Sonntag seine ohnehin üppige Trophäensammlung. 

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Sport | Wintersport
03/18/2019

Hirscher: "Man findet viele Headlines. Sucht euch eine aus"

Über die Zukunft des Ski-Superstars wird am Ende einer Saison schon traditionell gerätselt. Er hält sich wie immer bedeckt.

Es ist die Frage, die er seit Wochen bei jedem Pressetermin gestellt bekommt, und die Ski-Star Marcel Hirscher auch am Sonntag in Soldeu nicht beantworten konnte. Aufhören oder weitermachen? "Ich möchte das aber so schnell wie möglich entscheiden", sagte Hirscher zum Saisonende. Der achtfache Gesamtweltcup-Sieger freut sich jetzt erst einmal auf seine Familie und aufs private Skifahren.

Ob ein für Dienstag um 11 Uhr (Live-Stream auf KURIER.at) angesetzter Medientermin Aufschlüsse darüber geben wird, ob wir uns auch künftig über seine Triumphe freuen dürfen, sei fraglich. Bereits nach der Saison 2017/'18 und dem Gewinn seiner siebenten großen Kugel ging man davon aus, dass Hirscher vor Presseleuten seinen Rücktritt erklären wird. Doch dazu kam es nicht, Hirscher schob seine Entscheidung bis zum Sommer auf und machte dann doch weiter. Ein ähnliches Szenario ist auch diesmal denkbar. 

"Plus-Saison"

Diese Saison sei unter dem Zeichen "Plus-Saison" gestanden. "Grundsätzlich wäre letztes Jahr der perfekte Zeitpunkt zum Aufhören gewesen. Die Extrasaison hat noch einmal so gut funktioniert", erinnerte Hirscher an u.a. neun Siege im Weltcup und den WM-Titel im Slalom. Der Zeitpunkt zum Aufhören sei schon so oft perfekt gewesen, er hoffe, er verpasse ihn nicht. "Aber da ist die Freude am Rennfahren, ich mache das gern. Aber der ganze Wahnsinn drumherum, den mache ich nicht gern. Und es wird immer mehr."

Wenn er die Geschehnisse der jüngsten beiden Wochen ausblende, dann sei er sehr, sehr happy und überglücklich. "Am meisten freue ich mich auf meine Familie, dass ich Zeit für daheim habe und nicht immer gleich wieder auf Achse bin und von A nach B springen muss."

"Das ist Teil der Rechnung, die ich zu zahlen habe"

Die Tage in Soldeu mit den Rängen sechs im Riesentorlauf und 14 im Slalom hätten die Entscheidungsfindung nicht beeinflusst. "Man kann es auslegen, wie man will. Man kann sagen, jetzt wird es Zeit, dass ich aufhöre, weil jetzt merkt man, wie sie mich herbrennen, die Jungen. Auf der anderen Seite kann man sagen, daraus schöpft Hirscher neue Motivation. Man findet viele Headlines. Sucht euch eine aus."

Die Saison war lang und die Erkrankung zum ungünstigen Zeitpunkt rund um die WM raubte viel Energie. "Das hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. Normal bleibst im Bett, wenn es keine WM ist. Wenn du mit so einer Grippe da drüber gehst, kostet das sehr viel Kraft und Substanz. Das ist Teil der Rechnung, die ich zu zahlen habe. Solange das keine größere ist, ist das völlig okay", meinte der 30-Jährige.

In mehreren der vielen Kugelzeremonien am Sonntag nach den letzten zwei Saisonrennen von Damen und Herren war Hirscher auf dem Bild zu sehen, er hielt das große Kristall für den Gesamtweltcup in die Höhe, das kleine für die Slalomwertung sowie hatte maßgeblichen Anteil am Gewinn des Nationencups und der Herrenwertung für Österreich. Als Wertungssieger für den Riesentorlauf war er bereits am Samstag ausgezeichnet worden.

Marcel Hirschers Karriere:

Marcel Hirscher wurde am 2. März 1989 in Hallein geboren, als erstes Kind von Ferdinand und Sylvia Hirscher.

Von Kindesbeinen an wird Marcel von seinem Vater Ferdinand (re.), einem staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrer, betreut. Im Trainer-Team seines Sohnes gilt er als eine Art "Supervisor", der auch bei Video-Analysen dabei ist. Der um sieben Jahre jüngere Bruder Leon (Mi.) wollte in die Fußstapfen seines Bruders treten, eine schwere Hüftkrankheit bremste ihn aus. 

Stets an seiner Seite: Mit Laura Moisl war Marcel zehn Jahre liiert, bis sich das Paar im vergangenen Sommer endlich dazu entschloss, eine Ehe zu schließen.

Im Oktober bekamen sie einen Sohn. Seitdem habe der Ski-Star andere Prioritäten, sagte er kurz nach der Geburt.

Bereits in der Jugend ließ der 173 cm große Fahrer sein Talent aufblitzen. Als 14-Jähriger wurde er dreifacher österreichischer Schülermeister, als 15-Jähriger kam er nach Erreichen des Alterslimits bei FIS-Rennen zum Einsatz. Bei der Junioren-WM 2007 gewann er die Goldmedaille im Riesenslalom und die Silbermedaille im Slalom.

Sein Weltcup-Debüt feierte der in Annaberg/Salzburg lebende Ausnahmeathlet am 17. März 2007.

In Lenzerheide kam er damals - zum Start war er als Juniorenweltmeister berechtigt - als Drittletzter auf Rang 24 mit einem Rückstand von 3,17 Sekunden auf Sieger Aksel Lund Svindal.

Seinen Durchbruch im Weltcup erlebte Marcel Hirscher im olympischen Winter 2009/2010. In Val d'Isère carvte er in seiner Paradedisziplin Riesenslalom zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Am 12. Dezember 2010 feierte Hirscher, wieder in Val-d’Isère, seinen ersten Slalom-Sieg im Weltcup.

Im Jänner 2012 gelang ihm beim Schladminger Nachtslalom der erste Sieg auf österreichischem Boden. 

Und der Höhenflug hielt an. 

Es folgten 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19), die letzte große Kugel...

... erhielt er beim Saison-Finale am 17. März in Soldeu (Andorra). 

Hirscher ist zudem sechsmaliger Riesentorlauf-Weltcupsieger (2011/'12, 2014/'15, 2015/'16, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) und hat ebenso...

... viele Slalom-Weltcupsiege (2012/'13, 2013/'14, 2014/'15, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) bislang verbuchen können.

Der Salzburger triumphierte im vergangenen Dezember in Alta Badia erstmals auch im Parallel-Riesentorlauf und egalisierte mit dem 62. Weltcupsieg die ÖSV-Bestmarke der österreichischen Jahrhundert-Sportlerin Annemarie Moser-Pröll. Inzwischen hält er bei 67.

Nach dem Sieg in Saalbach ist er die alleinige Nummer eins. 

Auch bei den Weltmeisterschaften hagelt es Medaillen für Hirscher. 2013 gewann er in Schladming bei seinem ersten Antreten, dem Mannschaftsbewerb, die Goldmedaille mit dem österreichischen Team. Im Riesenslalom gewann er seine erste WM-Einzelmedaille, eine silberne.

Nach der WM in Åre hält er bei 13 Medaillen. Dank Gold im Slalom am letzten WM-Tag übertraf der 29-Jährige mit nun sieben Gold- und vier Silbermedaillen Landsmann Toni Sailer (7/1/0) in der Allzeit-WM-Bestenliste der Herren.

Bei Olympia sammelte er drei Medaillen: Gold im Riesenslalom und Kombination (Pyeongchang) sowie Silber im Slalom von Sotschi. 

Nachfolger-Frage

"Das ist alles eine riesengroße Erleichterung. Ich bin sehr dankbar und sehr froh darüber, dass es jetzt vorbei ist. Die letzten paar Rennen waren wirklich nicht mehr das Gelbe vom Ei. Auch wenn ich sehr bemüht und alles probiert habe, das ist schon der einzige kleine Punkt, der mir zu denken gibt", betonte Hirscher. Platz 14 zum Saisonausklang will Hirscher nicht so einfach hinnehmen. "Wenn es (für mich/Anm.) weitergeht, muss man das schon sehr ernst nehmen." Gewonnen hatte der 21-jährige Franzose Clement Noel.

"Ich will mich mit Champions messen, mit den Besten, und Marcel ist der Beste. Es ist eine Freude, mit ihm Rennen zu fahren. Das wäre wirklich traurig für den alpinen Skisport, wenn er aufhört", sagte Noel. "Es will mich ja nur jeder schlagen, das ist die Wahrheit, und sie sehen, dass es einfacher wird in Zukunft", meinte Hirscher lachend. Die Jungen würden brillant und technisch sauber fahren, das sei eindrucksvoll.

Tritt der Athlet mit dem Kugel-Abonnement ab, gibt er den Weg für andere frei. "Alexis ist mehr als bereit für den Gesamtweltcup. Ich denke, es wird ein harter Fight zwischen Alexis und Henrik. Vielleicht auch mit Paris, wenn er etwas mehr Riesentorlauf trainiert in Zukunft, das könnte wirklich interessant werden." Hirscher holte sich die Gesamtwertung mit 1.546 Punkten vor dem Franzosen Alexis Pinturault (1.145), dem Norweger Henrik Kristoffersen (1.047) und dem Südtiroler Dominik Paris (950).

Kochgelüste

Hirscher hat ein großes Team um sich, auch deshalb will er möglichst zeitnah festlegen, ob er die Karriere fortsetzt. "Ich bin nur so gut wie mein Team, wenn ich sagen würde, wir trainieren um Mitternacht, würden sie es tun. Großartig, diese Leute an meiner Seite zu haben", sprach der 30-Jährige einen großen Dank aus.

Fix ist, dass er einen neuen Pressebetreuer braucht, denn Stefan Illek gibt diesen Job ab. "Ich verstehe seine Entscheidung, er hat zwei Kinder daheim, so viel reisen macht da keinen Spaß, er soll es genießen." Und wenn er selbst, Vater eines Sohnes, aufhört? "Dann trage ich im ersten Jahr das Baby herum und koche. Kaiserschmarren kann ich gut."