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Sport Wintersport
03/06/2019

Dürr-Geständnis: Bis zuletzt Blutdoping betrieben

Der am Dienstag festgenommene Langläufer wurde noch in den Abendstunden wieder enthaftet, bleibt aber im Visier.

"Es bleibt mir nichts anderes über, als mich bei allen zu entschuldigen, bei meiner Familie, bei meiner Frau. Ich bin auf der anderen Seite froh, dass das ein Ende hat" - Reumütig gab sich der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr nach dem Dopingskandal bei Olympia 2014. Von einem Ende kann aber offenbar keine Rede sein. Fünf Jahre später findet sich Dürr wieder mitten im Dopingsumpf.

Bei den Olympischen Spielen in Sotschi war Dürr am Schlusstag (23. Februar) aufgeflogen. Wenige Stunden vor seinem geplanten Einsatz über 50 km Skating, in dem der Niederösterreicher als Medaillenkandidat galt, war bekanntgeworden, dass der ÖSV-Langläufer einen positiven Dopingtest auf das Blutdopinghormon Erythropoietin (EPO) abgegeben hatte.

Dürr war damals nach seinem ersten Einsatz (Platz 8 über 30 km) zum Training nach Obertilliach gereist und erst zwei Tage vor seinem geplanten, zweiten Olympiaeinsatz nach Krasnaja Poljana zurückgekehrt. In Osttirol fand am 16. Februar 2014 auch die verhängnisvolle Dopingkontrolle statt.

Die Chronologie

 Bis dahin hatte er stets betont, dass er für einen neuen, sauberen Weg des durch die Dopingvorfälle lange Jahre so schwer belasteten österreichischen Langlaufs stehe. Denn bereits 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin hatte die von Markus Gandler geleitete nordische Sparte des ÖSV durch Doping-Skandale bei Olympia für weltweite Negativschlagzeilen gesorgt.

Nicht kooperativ

Dürr gestand noch am selben Tag und wirkte gebrochen, als er am Flughafen in Sotschi gegenüber dem ORF Stellung nahm. "Es ist in jeglicher Hinsicht das Schlimmste, was ich in meinem Leben gemacht habe", sagte er damals.

Der Göstlinger wurde von der FIS für zwei Jahre gesperrt und vom ÖSV ausgeschlossen. Seine anfängliche Zusicherung, umfassend mit den Behörden zu kooperieren, setzte er aber offenbar nicht um. Er soll sich speziell zu seinen Kontakten und Hintermännern in Bezug auf die bezogenen Dopingmittel bedeckt gehalten haben.

Strafrechtlich kam Dürr aber glimpflich davon. Das Verfahren gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft Wien wegen Dopingbetrugs wurde diversionell erledigt, wobei eine Probezeit von zwei Jahren festgelegt wurde. Außerdem wurde ihm die Weisung erteilt, der Staatsanwaltschaft in halbjährlichem Abstand nachzuweisen, dass er keine im Sinne des Anti-Doping-Gesetzes verbotenen Substanzen nimmt. Laut Staatsanwaltschaft hat Dürr auch Schadensgutmachung geleistet.

Danach wurde es lange Zeit ruhiger um den Zollbeamten in Innsbruck, dessen Ehe mit der Südtirolerin Miriam Ende November 2015 scheiterte. Am 26. Februar 2016 lief die FIS-Sperre von Dürr ab, den lebenslangen Ausschluss aus dem ÖSV bekämpfte er auf dem Rechtsweg und wurde im November 2016 nach einer außergerichtlichen Einigung wieder als Verbandsmitglied geführt.

OLYMPISCHE WINTERSPIELE SOTSCHI 2014: LANGLAUF / DÜRR (AUT)

Ab dem Jahr 2018 arbeitete Dürr an einem Comeback im Leistungssport und sammelte im Sommer 2018 via Crowdfunding laut Website 40.000 Euro, um den Wiedereinstieg finanzieren zu können. Sein Ziel war, sich auch ohne Unterstützung des ÖSV für die nordische Heim-WM 2019 in Seefeld zu qualifizieren. Parallel arbeitete er mit Autor Martin Prinz an einem Buch, das unter dem Titel "Der Weg zurück" kurz vor der Seefeld-WM erschien.

Wieder im Visier

Doch mehr Aufmerksamkeit erhielt er abseits der Loipen. Im Vorfeld der WM ließ Dürr mit einer Beichte in einer am 17. Jänner ausgestrahlten ARD-Dokumentation aufhorchen. Dabei gestand der mittlerweile 31-Jährige, vor Olympia neben EPO- auch Eigenblutdoping betrieben zu haben.

Am Weg zurück scheiterte Dürr klar. Bei FIS-Rennen im Februar kam er nicht unter die besten 45 und konnte sich daher auch nicht für die WM qualifizieren. Und das offenbar trotz Doping. Denn im Zuge der "Operation Aderlass", die während der WM in Seefeld den nächsten Dopingskandal aufdeckte und am 27. Februar in Seefeld und Erfurt zur Festnahme von neun Personen führte, geriet auch Dürr wieder ins Zwielicht. Dabei hatten erst Dürrs Aussagen in der ARD-Dokumentation die Dopingermittlungen ins Rollen gebracht.

Er soll von den aufgeflogenen ÖSV-Langläufern Max Hauke und Dominik Baldauf belastet worden sein und wurde am Dienstag, eine Woche vor seinem 32. Geburtstag, in Innsbruck wegen des Verdachts des Sportbetrugs festgenommen. Im Zuge der Einvernahme gestand Dürr laut Staatsanwaltschaft Innsbruck, dass er selbst bis vor kurzem Eigenblutdoping betrieben habe und sich dabei vom Erfurter Sportmediziner Mark S., der im Zentrum des aktuellen Skandals steht, behandeln ließ. Dabei soll es sich laut Medienberichten im zweiten Halbjahr 2018 um mindestens drei Behandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz handeln.

Am späten Dienstagabend wurde Dürr wieder enthaftet.

Dopingfälle im österreichischen Sport

Die Dopingaffäre in Seefeld, rund um die beiden Leichtathleten Max Hauke und Dominik Baldauf, ist nur der aktuellste derartige Vorfall in Österreich. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es regelmäßig Sportlerinnen und Sportler, die erwischt und/oder gesperrt wurden. Ein (nicht vollständige) Rückblick:

Juli 1993: Österreichs Sprint-Staffel

Die österreichische Sprint-Staffel mit Andreas Berger, Franz Ratzenberger, Thomas Renner und Gernot Kellermayr wird kollektiv des Anabolika-Dopings mit Metandienon überführt. Berger, Hallen-Europameister von 1989 über 60 m, gibt im TV im Namen seiner Kollegen Doping zu und beendet seine Karriere.

Februar 2002: Die "Blutbeutel"-Affäre

In einem von ÖSV-Langläufern genutzten Privathaus während der Olympischen Spiele in Salt Lake City werden Geräte zur Durchführung von Bluttransfusionen gefunden. ÖSV-Sportdirektor Walter Mayer wird bis 2010 von Olympia ausgeschlossen.

November 2004: Hans Knauß

Ski-Ass Hans Knauß liefert im Anschluss an die Weltcup-Abfahrt in Lake Louise eine positive Dopingprobe mit leicht erhöhtem Nandrolon-Wert, den er auf ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel zurückführt. Der Steirer wird vom Internationalen Skiverband (FIS) für 18 Monate gesperrt.

Februar 2006: Doping-Razzia in Turin

Bei den Olympischen Spielen in Turin führen italienische Carabinieri in den Quartieren der Biathleten und Langläufer Doping-Razzien durch. Im April 2007 sperrt das IOC-Exekutivkomitee die ÖOC-Sportler Wolfgang Rottmann, Wolfgang Perner, Martin Tauber, Jürgen Pinter und Johannes Eder lebenslänglich für Olympia. Die FIS verhängt gegen Tauber, Eder und Diethart jeweils zweijährige Sperren, Pinter wird für vier Jahre gesperrt. Die IBU sperrt Rottmann und Perner.

Dezember 2007: Elmar Lichtenegger

Hürdensprinter und Ex-FPÖ-Politiker Elmar Lichtenegger stolpert zum zweiten Mal über eine Dopingkontrolle. Dem Kärntner wird bei einer Kontrolle am 22. November - so wie schon 2003 - die verbotene Substanz Nandrolon nachgewiesen. Er wird lebenslang gesperrt.

Oktober 2008: Bernhard Kohl

Radprofi Bernhard Kohl wird nach Platz drei bei der Tour de France nachträglich positiv auf die Substanz EPO CERA getestet.

November 2009: Christian Pfannberger

Radprofi Christian Pfannberger wird als Doping-Wiederholungstäter lebenslang gesperrt. Er war im März positiv auf EPO getestet worden.

Dezember 2009: Christian Hoffmann

Skilangläufer Christian Hoffmann wird in einem erst abgeschlossenen Verfahren wegen Anwendung einer verbotenen Methode für zwei Jahre gesperrt.

Juni 2010: Stephanie Graf

Die frühere Leichtathletin Stephanie Graf wird wegen Anwendung einer verbotenen Methode für zwei Jahre gesperrt.

April 2013: Susanne Pumper

Langstreckenläuferin Susanne Pumper wird als Doping-Wiederholungstäterin (ihr wurde bereits 2008 EPO nachgewiesen) wegen Erwerbs einer verbotenen Substanz für acht Jahre gesperrt.

Februar 2014: Johannes Dürr

Beim Skilangläufer Johannes Dürr wird bei einer Trainingskontrolle in Österreich vor dem olympischen 50-km-Rennen EPO nachgewiesen. Er ist geständig und wird nicht nur aus dem ÖOC-Team, sondern auch aus dem ÖSV ausgeschlossen.

Februar 2019: Max Hauke und Dominik Baldauf

Und nun das: Im Zuge einer Doping-Razzia während der Nordischen Ski-WM in Seefeld hat es insgesamt neun Festnahmen sowie Hausdurchsuchungen gegeben. Unter den des Dopings verdächtigten Sportlern sind auch die ÖSV-Langläufer Baldauf und Hauke.

März 2019: Stefan Denifl

Der Blutdoping-Skandal erreichte am Schlusstag der WM in Seefeld auch "offiziell" den Radsport erreicht. Der Tiroler Stefan Denifl wurde im Zuge der seit längerer Zeit gegen ihn laufenden Ermittlungen festgenommen und legte in Einvernahmen ein Dopinggeständnis ab. 

März 2019: Georg Preidler

Nur einen Tag nach Denifl gestand mit Georg Preidler ein weiterer Rad-Profi Blutdoping. Der Grazer zeigte sich selbst an. Die unabhängige Anti-Doping Rechtskommission (ÖADR) leitete auf Antrag der NADA ein Disziplinarverfahren gegen Denifl und Preidler ein. Die vorläufige Suspendierung des Duos gelte bis zum Abschluss des Verfahrens, gab die ÖADR in einer Aussendung bekannt.