Sport | Wintersport
28.03.2018

Drei Titelchancen für Österreich beim Freeride-Saisonfinale

Mit unter den Titelkandidaten am Bec de Rosses in Verbier ist auch Eva Walkner, die Schwester des Dakar-Siegers.

Fast alle Schneesportentscheidungen dieses Winters sind gefallen, am Ende küren auch noch die Freerider ihre Weltmeister. Am legendären Bec de Rosses in Verbier in der Schweiz fallen die Entscheidungen, in allen drei noch offenen Wertungen der Freeride World Tour (FWT) hat Österreich Titel-Chancen. Eva Walkner bei den Ski-Damen, Thomas Feurstein und Gigi Rüf sowie Manu Mandl bei den Snowboardern.

Bei den Snowboard-Herren führt Feurstein vor der letzten Tour-Station knapp vor Rüf. Bei den Boarderinnen kann die 28-jährige Architekturstudentin und "Flachländerin" Mandl beim "Xtreme Verbier" die erste Schneesport-Weltmeisterin aus Wien überhaupt werden. Nur bei den Ski-Herren hat sich der Schwede Kristofer Turdell den Titel bereits in Fieberbrunn gesichert. Der erste "Facecheck" wurde für Donnerstag angesetzt, was einen Bewerb schon diesen Freitag möglich machen würde.

Walkner kann dafür sorgen, dass zum sechsten Mal in Folge der Gesamtsieg bei den Ski-Damen an Österreich geht. Der Kampf um ihren dritten Weltmeistertitel steht freilich unter besonderen Vorzeichen. Die 38-jährige Salzburgerin, Schwester des derzeit bei der Desert Challenge in Abu Dhabi startenden Motorrad-Dakar-Siegers Matthias Walkner, bestreitet in der Schweiz womöglich ihr letztes Rennen.

Thema Entwicklung

Ein Grund ist die aktuelle Entwicklung des Sports. Die vor Walkner führende Italienerin Arianna Tricomi gewann zuletzt in Andorra überlegen, weil sie als erste Frau einen 360er stand. Dass Freestyle-Elemente beim Freeriden immer bedeutender werden, verändert den Sport gerade sehr.

Walkner sieht sich aber eher als klassische "Big-Mountain"-Skifahrerin. Sie sucht als Herausforderungen steile Couloirs, kreative Linien, Sprünge über Felsen, und das bei Höchsttempo. Beim jüngsten Heimrennen in Fieberbrunn fuhr sie ihre Siegerlinie von 2012, nur deutlich schneller und sprach danach vom vielleicht besten Run ihrer Karriere. Es reichte dennoch nur zu Platz zwei hinter Landsfrau Lorraine Huber, der aktuellen Weltmeisterin. Das hat Walkners Titelchancen nicht wirklich verbessert.

Die Salzburgerin nimmt das aber ohne Wehmut. Sie weiß, dass sie im Wallis zumindest vor Tricomi landen muss, um den Titel zu holen. Dennoch geht sie entspannt und als Vorjahres-Siegerin an den Start. "Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt hinfahre. Aber wenn es wirklich mein letztes Rennen sein sollte, möchte ich alle Leute nochmals sehen. Außerdem ist der Berg wie für mich zugeschnitten. Steil, ausgesetzt, angsteinflößend. Sicher der mit Abstand schönste Berg der ganzen Tour."

"Ich bleibe mir treu"

Sie könne natürlich auch auf der Trendwelle mitschwimmen, so Walkner. Einen Rückwärtssalto hat sie drauf. "Aber mir geht es ums gute Skifahren. Ich bin eine Skifahrerin und keine Freestylerin, da bleibe ich mir treu", betont die Kuchlerin. "Wenn die Veränderung also kommt, kommt sie. Das ist okay. Aber eben ohne mich."

Promoter der seit 2008 bestehenden World Tour ist die schweizerische FWT Management SA. Die Sport-Pyramide umfasst neben der World Tour eine Qualifikations-Serie, eine Junior-Tour samt WM bis 18 Jahre sowie eine Ausbildungsebene. Auf der Quali-Tour findet man auch Jacoba Kriechmayr, Schwester des Weltcup-Fahrers Vincent Kriechmayr. 130 Freeride-Events gibt es laut Tour-Angaben derzeit weltweit mit 4.000 lizenzierten Fahrerinnen und Fahrern.

Freeriden gibt es, seit es Ski gibt. Steilhänge mit Ski zu befahren, wurde spätestens in den 1950ern zum Sport, damals freilich zu einem lebensgefährlichen. Freeriden ist spektakulär, denn zwischen Start und Ziel befindet sich nur freies, hochalpines Gelände. Ein gottgegebener Slopestyle, wenn man so will.

"Wir hatten alle Freiheiten"

Für Walkner ist es der schönste Sport der Welt. "Freeriden ist das qualitativere, nachhaltigere Skifahren. In manche Abfahrt investierst du einen ganzen Tag. Auf der Piste bist du hingegen einer von Tausenden", so die ehemalige Alpinski-Rennfahrerin.

Walkner ist wie ihre beiden Brüder im Kuchler Ortsteil Kellau aufgewachsen. Während Altersgenossen am Kinderspielplatz groß wurden, kletterten die Walkner-Kids auf 20 Meter hohe Bäume und fuhren auf Opas Moped. "Wir hatten alle Freiheiten, sind angstbefreiter", so Walkner über ihre Kindheit im "Tal der Gesetzlosen", wie Bruder Matthias es bisweilen nennt.

Auch Matthias fuhr Skirennen auf Bezirksebene, folgte aber letztlich seinem Motocross fahrenden Vater und wurde Weltmeister in der MX3. Eva kam auf Ski bis auf Weltcupebene, musste verletzungsbedingt aber mit 23 aufhören. Skifahren ist im Tennengau kein seltenes Hobby. Auch Marcel Hirscher wohnt nicht unweit, die Familien Walkner und Hirscher kennen einander lange und gut.

Walkner hat jedenfalls nach ihrer Alpinski-Kariere mit dem Freeriden das "wahre" Winterabenteuer gefunden. 2015 und 2016 hat die freiberufliche Filmemacherin und Sportjournalistin die Tour gewonnen, zwei Mal war sie Vizeweltmeisterin.

Top-Profis am Werk

Die Tourbewerbe finden trotz ihrer Ausgesetztheit unter professionellen Umständen statt. Das Wettkampffenster geht bisweilen über zehn Tage, um sichere Bewerbe zu garantieren. Sie werden live im Internet übertragen und kommentiert, Helikopter liefern Bilder aus der Luft. Gefahren wird mit breiten Ski, die mehr Auftrieb erzeugen. Die Fahrer müssen den Berg zunächst von unten studieren, um ihre spätere Linienwahl festzulegen. Zum Start kommt man nur zu Fuß.

Gefährlich bleibt diese Extremskifahrerei im freien, steilen Gelände zwischen Felswänden dennoch. Der Vorbildwirkung ist man sich bewusst. "Wir sind Profis. Das Mitführen von Schaufel, Sonde und Airbag ist bei uns selbstverständlich, das sollten sich auch alle Hobby-Tourengeher zu Herzen nehmen", wünscht sich Walkner, dass auch Amateure nur top ausgerüstet ins freie Gelände gehen, am besten auch Lawinen-Camps besuchen.

Viele Profi-Freerider haben sich Filmprojekten verschrieben, sind also auch im Sommer auf den Tiefschnee-Hängen der südlichen Hemisphäre unterwegs. Die Freiheit abseits der gesicherten Pisten hat manchmal einen hohen Preis. Denn verloren hat man dort schon einige Mitstreiter. Alleine 2016 kam die Schweizer Freeride-Snowboard-Weltmeisterin Estelle Balet ebenso bei Dreharbeiten in einer Lawine ums Leben wie kurz danach die schwedische Tour-Teilnehmerin Matilda Rapaport in Chile.