Erleichterung: Marcel Hirscher nahm ohne Wehmut Abschied. "Das fühlt sich richtig an".

© APA/AFP/JOE KLAMAR

Sport Wintersport
09/05/2019

Die Neuordnung der Ski-Welt nach Hirschers Rücktritt

Nach dem Abschied des langjährigen Dominators erwarten den ÖSV mehr Gegenwind und Gegenwehr.

von Christoph Geiler

Marcel Hirscher war schon längst wieder daheim bei der Familie im Lammertal, als die letzten Gäste das Salzburger Gusswerk verließen. Wie der Skistar selbst verzichteten auch seine Wegbegleiter und Trainer auf ein Vollbad im Tränenmeer und andere Sentimentalitäten. Vielmehr wollten vom ÖSV-Präsidenten abwärts alle nur ihre Dankbarkeit ausdrücken. „Es war eine Ehre, mit einer Persönlichkeit wie dem Marcel zusammenarbeiten zu dürfen“, sagte ÖSV-Herren-Chefcoach Andreas Puelacher stellvertretend für die vielen Zaungäste.

In seinem Rücken funkelten die acht großen Kristallkugeln, die Marcel Hirscher seit der Saison 2011/’12 am Stück gewonnen hatte. Solche Glanzstunden und Trophäen wird es für den Österreichischen Skiverband bis auf Weiteres wohl nicht mehr geben. Auch wenn viele Experten in Marco Schwarz bereits den nächsten potenziellen Gesamtweltcupsieger sehen mögen: Für den Kärntner Allrounder, der bei der letzten WM in Åre mehr Medaillen gewinnen konnte als Hirscher, kommt nach einem Kreuzbandriss die Mission Kristallkugel definitiv noch zu früh. Auch Chefcoach Puelacher gibt unumwunden zu: „Der Gesamtweltcup ist heuer kein Thema für uns.“

Jägerrolle

Und möglicherweise ist es für den Skisport gar nicht einmal so schlecht, dass nach Hirschers Abgang nun die Karten neu gemischt werden und sich die Kräfteverhältnisse ordnen. Der ÖSV-Coach blickt auf seinen Sport jedenfalls nicht nur durch die rot-weiß-rote Brille. „Natürlich war es für uns Österreicher gut, dass der Marcel so dominiert hat. Aber für alle anderen war es wahrscheinlich ein bisschen langweilig“, glaubt Puelacher.

Umso mehr Spannung verspricht nun der erste Winter ohne den Seriensieger Marcel Hirscher. Und weil sich mit Felix Neureuther und Aksel Lund Svindal zwei weitere Publikumslieblinge und Winnertypen in die Skipension verabschiedet haben, erlebt der Herren-Skisport eine Zäsur wie selten zuvor.

„Ich glaube aber nicht, dass das Interesse am Skisport unter den Rücktritten leiden wird. Einfach aus dem Grund, weil es dadurch auch spannend wird“, meint Andreas Puelacher. „Jetzt sortiert und ordnet sich alles neu. Ich bin auch sehr gespannt, wie die vermeintlichen Topfavoriten Alexis Pinturault und Henrik Kristoffersen jetzt mit ihrer neuen Rolle umgehen“, sagt der Tiroler. „Wir sind jetzt in der Rolle der Jäger.“

Die besten Sprüche der Abschieds-PK:

"Ich würde es genau gleich machen. Manche haben gesagt, ich hätte mehr feiern sollen. Aber dann wäre ich nicht so schnell Ski gefahren." Auf die Frage, ob er in seinem Leben als Skifahrer rückblickend vielleicht etwas anders gemacht hätte.

"Ich höre auf. Jetzt ist es draußen. Ich glaube, es ist gut so. Und es fühlt sich richtig an."

"Das hat sich angefühlt wie bei vor dem Slalom bei der Heim-WM 2013 in Schladming. Ich war schon lange nicht mehr so nervös." Auf die Frage nach seiner Gefühlslage. 

"Offene Träume? Bei mir hat die Realität die Träume überholt."

"Egal ob ich Zweiter oder Dritter werde. Wenn ich nicht gewinne, werde ich immer der Verlierer sein."

"Morgen kein Training. Morgen ausschlafen." Auf die Frage danach, was er nun vorhabe.

"Ich habe nie zu träumen gewagt, dass ich so viel gewinnen würde."

"Ich habe wahnsinniges Glück, hier mit zwei gesunden Knie sitzen zu können."

"Ich bin nicht mehr bereit, den Preis zu bezahlen. Es steht einfach nicht mehr dafür. Mein Akku lädt nicht mehr so schnell wie früher."

"Ich wollte immer aufhören mit dem Gefühl des Gewinnens. Auf dem Höhepunkt."

"Ich möchte mich bedanken bei den Journalisten, dass was mir so heilig war, meine Privatsphäre, so gewahrt worden ist. Und bei der Gelegenheit, bitte in Zukunft das auch so beizuhalten. Das würde mich sehr freuen."

"Temporäre Auszeit? Nein. Aus heutiger Sicht wird es kein Comeback geben"

Mehrkampf

Manche glauben sogar, dass die Konkurrenz nun auch im Nationencup Lunte riecht. In dieser Wertung ist die Skination Nummer eins seit drei Jahrzehnten das Maß aller Dinge, mit Hirscher verliert der ÖSV aber einen verlässlichen Punktelieferanten. „Die anderen Nationen werden nachrücken“, glaubt ÖSV-Sportdirektor Toni Giger und meint damit vor allem die Franzosen und Schweizer. „Wir werden die Arschbacken zusammenkneifen müssen, um am Ende der Saison als Mannschaft ganz vorne zu stehen.“

Verstärkung

Andererseits unternimmt der ÖSV alles, um diese Vormachtstellung zu behaupten. Peter Schröcksnadel, in dessen Ära immer der Nationencup gewonnen wurde, will nicht am Ende seiner Amtszeit noch auf Rang zwei abrutschen. Deshalb wird auch das ganze Team Hirscher, das bisher dem Star zur Seite gestanden ist, künftig andere Athleten mit Rat und Tat versorgen. Sogar auf die wertvollen Dienste von Trainerpapa Ferdinand Hirscher wird der Skiverband zurückgreifen können, wie Schröcksnadel stolz erklärte. „Der hilft jetzt uns“, sagte der ÖSV-Präsident. „Der Ferdl hat die Gabe, einem Läufer zuzusehen und sofort zu wissen, wo man den Hebel ansetzen muss. Diese Fähigkeit kann man nicht lernen“, ergänzt Sportchef Giger.

Über kurz oder lang soll dann auch Marcel Hirscher sein Wissen einbringen. Wie sagte Peter Schröcksnadel so schön? „Irgendwann wird ihm fad werden.“