Sport | Wintersport
31.12.2011

Der Tournee-Hürdenlauf der Skispringer

Gregor Schlierenzauer hebt als Leader in Garmisch ab. Weit anstrengender als die Bewerbe ist das Après-Skispringen.

Gregor Schlierenzauer hatte es plötzlich ganz eilig. Er hatte kaum Zeit, sich richtig zu freuen, keine echte Gelegenheit, den Sieg beim Auftaktspringen in Ruhe zu genießen.

Kaum war er in Oberstdorf gelandet, war er auch schon wieder auf dem Sprung nach Garmisch, zur zweiten Station der Vierschanzentournee (1. Durchgang 14 Uhr, live in ORF1, KURIER-Ticker). Der Siegersekt bleibt in der Flasche, die obligate Feier muss warten, "das ist die Challenge bei der Tournee", weiß Schlierenzauer, "Zeit zum Feiern bleibt nicht, es geht von Ort zu Ort, du bist immer auf Achse."

Dabei sind Schlierenzauer und seine Kollegen am Sonntagn ohnehin privilegiert. Die Österreicher reisen seit Jahren komfortabel im Luxus-Tourbus, einer Wohlfühloase auf sechs Rädern, großzügige Schlafkojen, feine Sofas, Flatscreens und Spielkonsolen inklusive. Damit lassen sich die Reisestrapazen während der Tournee ertragen.

Nebengeräusche

Aber noch weit anstrengender und nervtötender als die Hetzerei von Oberstdorf nach Garmisch nach Innsbruck nach Bischofshofen sind die Nebengeräusche, die so eine Tournee mit sich bringt. "Du spürst schon bei der Anreise nach Oberstdorf, dass es sich um keinen normalen Weltcup handelt", erklärt Cheftrainer Alexander Pointner.

Vor den Hotels lauern die Groupies und Autogrammjäger, eine Horde Journalisten lechzt nach jeder kleinsten Information, dazu warten noch Sponsorentermine und Fotoshootings. Mit ihren Seriensiegen haben sich die Österreicher den Rummel selbst eingebrockt. "Der zeitliche Umfang durch solche Verpflichtungen hat sich verdoppelt", weiß Pointner.

Längst ist es Tradition bei der Traditionsveranstaltung einen richtigen Masterplan zu erstellen. Die Tournee ist von vorne bis hinten durchorganisiert, jeder Athlet und Betreuer erhält täglich einen peniblen Zeitplan mit seinen Terminen und Verpflichtungen, "es ist sogar jede Mahlzeit bis zum siebenten Jänner genau geplant", lächelt der Chefcoach. Im österreichischen Adlerhorst sind knapp 20 Personen ins Projekt Tournee involviert, vom Physiotherapeuten bis zum Busfahrer, vom Wachsexperten bis zum Pressechef.

Stressfaktor

Damit will Pointner sicher stellen, dass sich seine Athleten auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können, das Skispringen. Auch er weiß nur zu gut: "Anstrengend ist eigentlich in erster Linie das Rundherum", weiß Pointner.

Denn vier Bewerbe in acht Tagen, acht Wettkampfsprünge in mehr als einer Woche können einem austrainierten Adler eigentlich nichts anhaben. Im Training absolvieren die Athleten mitunter in einer einstündigen Einheit acht Sprünge. "Körperlich derpackst du die Tournee schon", meint denn auch Andreas Kofler, Sieger der Tournee 2009/2010, "es ist eher mental ein Stress."

Skispringer neigen während der Tournee zum Tunnelblick. Acht Tage dreht sich alles nur um V-Stil und Telemark, um Haltungsnoten und Ergebnislisten, "man überspannt schnell den Bogen, wenn man 24 Stunden nur ans Springen denkt", erklärt Pointner.

Gewichtsverlust

Die Auswirkungen sind oft schon beim zweiten Springen in Garmisch in etlichen Gesichtern zu sehen. Die vielen Fieberblasen sind Symptome für den Stress und den Druck, den sich die Springer selbst aufhalsen. So mancher Athlet verliert während einer Tournee sogar bis zu drei Kilogramm Körpergewicht.

Ein weiteres Problem sind die kurzen Ruhephasen und die fehlende Privatsphäre. "Du kannst dich nie richtig fallen lassen", erzählt Andreas Kofler, "zwischen normalen Weltcups kommst du heim und kannst zumindest einen Tag abschalten, aber bei der Tournee geht’s nur zackbumm."

So mancher Adler flüchtet deshalb vor den Hotelbetten und zieht sich rund um das Bergiselspringen zumindest für eine Nacht in den eigenen Adlerhorst zurück. Ein Glückspilz, wer wie Gregor Schlierenzauer im nahen Stubaital daheim ist. Der Tournee-Leader hat sich längst an die eigenen Tournee-Gesetze gewöhnt, er hat sich damit abgefunden, dass er auf einiges verzichten muss. Aber wie meint Schlierenzauer doch gleich. "Feiern können wir nach der Tournee auch noch."

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