Sport 06.03.2012

Wiens Schwimmsport verliert

Der lange Ausfall des Stadthallenbades wird fatale Folgen für den Schwimmsport in Wien haben, warnen Experten.

Und hopp!" Gundula Richter pfeift kurz und ihre Schützlinge springen in das kalte Wasser. Das Training der Flossenschwimmer hat soeben begonnen. Heute hat Richter zwei Bahnen für ihre knapp 15 Schwimmer, es ist Dienstag. "Am Montag müssen wir mit einer Bahn auskommen", sagt die Trainerin der Vienna Dolphins und seufzt.

Als sie vor einigen Jahren von Rostock in Deutschland nach Wien kam, sei es ein Kulturschock gewesen, gesteht sie. Doch die derzeitigen Bedingungen in der Traglufthalle im Stadionbad erschrecken sogar sie.

Die Kraftkammer ist nur ein Kammerl, die Geräte stehen zum Teil auf dem Gang und sind veraltet.

Ein Raum zum Aufwärmen fehlt komplett. Von Sportmedizin oder Physiotherapie ganz zu schweigen. "Wir trainieren hier wie vor 30 Jahren", sagt Richter und pfeift erneut.

Tendenz fallend

Schwimmer-Realität: Trainingsgeräte auf dem Gang.
© Bild: Gerhard Deutsch

Das Einschwimmen ist vorbei, die jungen Sportler legen ihre Mono-Flosse an. Wie Delfine pflügen sie nun durchs Wasser. Im Vergleich zu anderen Nationen schwimmen sie nur hinterher. Richter:"In Europa sind wir im Mittelfeld. Tendenz fallend."

"Wien hat aus dem Kapital, das es durch Stars wie Markus Rogan, den Jukics oder Fabienne Nadarajah hatte, nichts gemacht", sagt Karl Kastner, Gründer der Petition Pro Wassersport.

Er will bessere Bedingungen für die Schwimmprofis in Wien. Die Situation sei schon vor dem Umbau der Stadthalle schlecht gewesen, doch nun drohe den Wiener Schwimmern der Totalabsturz. Mit der Schließung des Amalienbads fallen weitere Trainingsflächen aus. "Wir verlieren dadurch drei bis vier Jahre. Das ist kaum aufzuholen", sagt Kastner.

Dabei hätte man laut Kastner auf der Welle der Erfolge in Wien ein Schwimmsportzentrum errichten können, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das findet auch ÖVP-Gemeinderätin Ines Anger-Koch. Sie hat einen Antrag im Gemeinderat eingebracht. Chancen auf Verwirklichung: Derzeit gleich null.

"Heute trainiert Dinko Jukic in Kroatien, weil dort die Bedingungen zehn Mal besser sind", sagt Kastner.

Gundula Richter pfeift ein letztes Mal, die Einheit ist zu Ende. Das nächste Training findet am Freitag statt. "Die internationale Spitze trainiert zwei bis drei Mal täglich", sagt Richter. "Davon sind wir weit entfernt."

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( Kurier ) Erstellt am 06.03.2012