Sport
12.08.2018

Unmenschliche Kurvendiskussion: Warum die MotoGP Erfolg hat

Die MotoGP und ihre Stars begeistern die Massen. Woran liegt das? Eine Spurensuche in Spielberg.

Aus der Nähe betrachtet wirkt Valentino Rossi beinahe menschlich. Das verwundert bei all den himmlischen Verehrungen, die dem 39-jährigen Italiener rund um den Erdball zuteilwerden. So auch dieser Tage in Spielberg, wo heute, Sonntag, der WM-Lauf zur Motorrad-WM gefahren wird (Start: 14 Uhr/ live ServusTV, Eurosport).

Rossi zittert sogar. Der Dauerregen, der im obersteirischen Murtal noch ein wenig gnadenloser sein kann, geht an jenem feucht-kalten Freitagabend auch einem Strahlemann unter die Haut. Geduldig harrt er aus – wie auch seine nur unwesentlich weniger geschätzten Benzinbrüder Marc Márquez, Dani Pedrosa oder Andrea Dovizioso. Sie alle kritzeln Unterschriften auf Kappen und T-Shirts, posieren für Selfies und lassen sich von durchnässten Körpern umarmen.

Zum dritten Mal nacheinander werden zum MotoGP-Wochenende auf dem Red-Bull-Ring mehr als 200.000 Fans kommen. Das lässt sich bereits vor dem Rennsonntag anhand der Vorverkäufe und Anfragen ablesen. Keine andere Sportveranstaltung in Österreich zählt mehr Besucher an nur drei Tagen. Sofern sich die Regenwolken – wie prognostiziert – heute von Spielberg fernhalten, könnte der Grand Prix den Veranstaltern in Le Mans den Titel „bestbesuchtes Rennen der Saison“ streitig machen. Zur französischen Kultstätte waren im Frühling 206.000 Besucher gepilgert.

Während andere Rennserien wie die Formel 1 an einigen Orten einen Zuschauerrückgang beklagen, erfreut sich die Motorrad-WM wachsender Beliebtheit – von Argentinien bis Australien, von Tschechien bis heuer erstmals auch Thailand (7. 10.).

Rekordzahlen

„Wir verkaufen mehr als 50 Prozent unserer Motorräder außerhalb Europas“, sagt Stefan Pierer. Der Chef des oberösterreichischen Herstellers KTM hat im Rahmen des Spielberg-Rennens zu einer Medienrunde geladen. Zum achten Mal in Folge konnte er zuletzt Rekordverkaufszahlen vermelden.

Das Unternehmen, das lange Jahre hauptsächlich durch robuste Offroad-Maschinen bekannt und bei Abenteurern sowie Artisten beliebt war, hat längst auch auf der Straße den Anschluss gefunden. Das Engagement in der Motorrad-WM ist laut Pierer zu 75 Prozent eine Marketingmaßnahme. Der Techniktransfer halte sich in Grenzen.

Spielzeuge

Dennoch ähneln die 280 PS starken Geschoße zumindest optisch jenen Erzeugnissen, mit denen Otto Normalbenzinverbraucher seine Sonntagsfahrten wagt. Das schafft eine nicht zu unterschätzende Bindung zum Produkt. Im Gegensatz zum Automobil, das gegenwärtig die wohl größte Sinnkrise seit seiner Erfindung zu meistern hat, ist das Motorrad für viele immer auch eines geblieben: ein Spielzeug, das weder Platz wegnimmt noch massig Treibstoff verschlingt.

Auf den Dutzenden Campingplätzen rund um den Ring lässt sich diese Freude am Fahren aus nächster Nähe begutachten. Während die einen ihr bestes Stück (das aus Chrom und Metall!) polieren und präsentieren, planen andere ihre Motorrad-Touren durchs Murtal.

Am besten fährt es sich in einer eben erstandenen Rossi-Jacke. Gehalten in Neongelb fällt man damit rund um die Strecke leider nur nicht auf. Vom Babystrampler bis zu Flip-Flops reicht die Palette an Souvenirs mit dem zur Weltmarke gewordenen Kürzel VR46 (Valentino Rossi, Nummer 46).

Kindskopf

Wenn man schon nicht so fahren kann wie Rossi, will man zumindest so aussehen wie der ewige Kindskopf. Bei Tempo 320 auf der Start-Ziel-Geraden von Spielberg einfach mal locker das Bein zur Seite strecken, sei auch niemanden geraten. „Bei uns hier hat man wahren Rennsport“, sagt KTM-Chef Pierer, „in der Formel 1 kannst du sowieso bald einen Dummy reinsetzen. Das kannst du von der Box aus steuern.“

Dabei ist die MotoGP nur bedingt abwechslungsreicher als die Königsklasse auf vier Rädern: Die bislang zehn Rennen des Jahres gewannen vier Piloten und zwei Hersteller (Honda, Ducati). Weltmeister wurde in den jüngsten sechs Saisonen entweder Marc Márquez (4) oder Jorge Lorenzo (2). „Márquez kannst du auch auf einen Leiterwagen setzen. Er ist ein Gott“, glaubt Pierer.

Womöglich ist es das Unmenschliche, das so fasziniert.