Sport 07.06.2016

Teil II der Serie: Ali, ein Großmaul mit sozialer Ader

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Reporter-Legende Bergmann erinnert sich an seinen Lieblingsstar.

Wenn man Muhammad Ali nur aus Zeitungs- und Fernsehinterviews kannte, musste er einem einfach zutiefst unsympathisch sein. Denn er beschimpfte seine Gegner als miese Boxer – das war die höflichste Form – oder als stinkend, plattfüßig, dumm und hässlich.

Aus dem Tierreich waren dumme Gorillas (Joe Frazier) und hässliche Bären (Sonny Liston) gebräuchliche Anreden für seine Gegner. Er hingegen war immer der Größte, Beste und Schönste. Ein echter Kotzbrocken also. Wobei: Ein fescher Kerl war er ja tatsächlich, ein Bild von einem Mann.

Das Vorbild

Zu den Beatles meinte Ali: 'Ihr seid gar nicht so blöd, wie ihr ausschaut. John Lennon konterte: 'Du schon'.
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Diese "netten" Umgangsformen hatte er vom Catcher Georgeous George abgekupfert, der im Jahr 1941 dazu überging, abschätzig über seine Kontrahenten zu sprechen. Seit dieser Zeit waren die Hallen bei Georges Kämpfen ständig ausverkauft.

Auch bei Ali lief diese Masche blendend. Er beschimpfte seine Gegner wild. Und die Leute strömten zu seinen Kämpfen, um live mitzuerleben, wie diesem angeberischen Großmaul mit einem K.-o.-Haken endlich das Maul gestopft würde. Aber dazu war dieses Großmaul zu gut. Ali nahm die Stänkereien überhaupt nicht ernst, sondern akzeptierte sie, wie man heute in Kärnten sagen würde, als "part of the game".

Deutschlands großes Sportidol Max Schmeling war 33 Jahre vor Ali Weltmeister geworden. Er verstand die Werbung für eine Veranstaltung durch Beschimpfung nicht. "Das ist ja entsetzlich", sagte er zu mir in einem Interview. "Wir sollten uns doch gegenüber unseren Gegnern wie Gentlemen benehmen, aber nicht wie Herr Clay!"

Schmeling war wirklich ein Gentleman, denn die amerikanische Boxmafia hatte ihn oft genug betrogen. Doch Schmeling schwieg – gentlemanlike – zu allen Skandalen. Ali aber wollte in dieser Branche, die außerhalb des Rings oft um vieles brutaler ist als im Geviert, weder Gentleman noch Schweiger sein.

Der Retter

Ali, der Moslem, fachsimpelt mit Johannes Paul II.
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Im Gegensatz zu seinem Ruf ist Ali ein herzensguter Mensch, nicht nur zu "seinen schwarzen Brüdern", sondern auch zu allen Außenseitern der Gesellschaft und allen Hilfsbedürftigen. Seine Tochter Hana Yasmeen Ali schreibt in ihrem Buch "More than a Hero" über ihren Vater: "Einmal lief ich als kleines Mädchen zitternd und entsetzt zu meinem Vater und rief: 'Papa, in unserem Wohnzimmer liegen fünf fremde Männer und schlafen, du musst uns retten!' Papa nahm mich auf seinen Schoß und sagte: 'Stell dir vor, diese Armen lagen gestern Nacht bei strömendem Regen auf der Straße, sie waren total durchnässt und zitterten, da hab ich sie eingeladen, bei uns zu schlafen.'"

Ali war Ehrengast in einem Altersheim und wurde jubelnd begrüßt. Während seines Rundgangs kam ein 99-Jähriger zitternd vor Freude zu ihm und sagte: 'Das ist der schönste Tag meines Lebens, dass ich dem größten Boxer aller Zeiten die Hand geben darf.' – `Das ist schön, Väterchen`, sagte mein Vater, `weißt du auch, wie ich heiße?` – `Ja`, antwortete der alte Mann, `natürlich, sie heißen Joe Louis.` Als die Umstehenden den Greis lautstark korrigieren wollten, sagte Ali zum alten Mann: `Das ist schön` und er erzählte interessante Geschichten aus seinem Leben, allerdings als Joe Louis. Zum Schluss schenkte er ihm ein Bild von sich, unterschrieben mit Joe Louis."

Der Jahrhundert-Sportler

Die ganze Welt kannte und liebte den späteren Dr. Muhammad Ali (Ehrendoktorat der Columbia University von New York). Zitternd durch sein Parkinson-Syndrom entzündete er die Olympische Flamme der Spiele 1996 in Atlanta, und 1999 wurde der schwerkranke Mann auf der Bühne der Wiener Staatsoper zum Sportler des Jahrhunderts gewählt.

Der Wehrdienstverweigerer von einst bekam von George W. Bush die höchste zivile Auszeichnung der USA, die Freiheitsmedaille. Als Friedensbotschafter sprach er mit den amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, er traf Nelson Mandela, die englische Königin Elizabeth II. und Papst Johannes II.

Aus dem "Großmaul von Louisville" war mehr als nur ein sportlicher Held geworden … ein großer Mensch, einfach "more than a hero".

Erstellt am 07.06.2016