Teamspieler: Baumgartner (li.) durfte eine Klasse überspringen.

© EPA/CHRISTIAN BRUNA

Sport
10/11/2020

"Tagebuch": Bildung schützt vor Toren nicht

"Christoph Baumgartner tat sich mit dem Lernen dermaßen leicht, dass man ihn am BORG St. Pölten eine Oberstufe-Klasse überspringen ließ".

von Wolfgang Winheim

Die Überdosis an Sport vor leeren Tribünen wird für den TV-Konsumenten zur Schlaftablette. Einige Länderspielminuten und stundenlange Tennis-Krimis mit Dominic Thiem ausgenommen. Doch sogar sofort nach seinem Pariser Out spotteten Besserwisser in Foren – so als hätten sie nur genüsslich auf eine Niederlage des US-Open-Siegers gewartet. Einer dieser Vertreter der digitalen Neidgenossenschaft, der in der ersten und letzten Zeile seines eMails nicht aufs Nennen seiner Titel vergaß, ließ gar süffisant wissen,

... dass Thiem nur ein mit Steuergeld geförderter, medial überbewerteter Schulabbrecher sei; dass ihm Spielintelligenz fehle. Und dass Sportler hierzulande generell geistig limitierte Typen seien.

Einspruch Herr Doktor, Magister, Kommerzialrat!

1.) ist Thiem kein Produkt des Systems, sondern dank ungewöhnlichem Talent und finanzieller familiärer Unterstützung Weltklasse geworden.

2.) beschränkten sich Thiems schulische Versager in der Liese-Prokop-Schule auf einen Fünfer im Zeichnen; auf eine Strafe für Tennis-bedingte Absenz, die der pensionierte Lehrer und Witwer Gunnar Prokop eine sportfeindliche Gemeinheit nennt, „die’s unter uns sicher net gegeben hätt’“.

3.) kann getrost behauptet werden, dass es Sportler nicht nur in den Wadl’n haben...

... wenn aus OlympiasiegerInnen Ärzte (Karl Schnabl) oder Magister (Petra Kronberger, Toni Innauer) wurden;

.... wenn ein Segel-Olympia-Dritte (Wolfgang Mayrhofer) als Professor an der Wirtschaftsuni lehrt;

... wenn ein vierfacher Ruder-Weltmeister (Christoph Schmölzer) zum Doppeldoktor wurde;

... wenn den ehemaligen Handballern Walter Klepetko (Leiter der Chirurgie der Universitätsklinik) und Christian Senekowitsch (Gefäßspezialist) ein goldenes Händchen nachgesagt wird und Ex-Eiskunstlaufmeister Ronald Koppelent zu den anerkannten Orthopädie-Medizinern zählt;

... oder wenn ein ehemaliger Fußball-Cupsieger (Thomas Janeschitz) Mathematik-Lehrbücher verfasste und ein einstiger dreifacher Länderspiel-Torschütze gegen Ungarn (Rupert Marko) einen zweiten akademischen Titel anstrebt.

Aus der Riege aktueller Topsportler wurden Weltklasseschwimmer Felix Auböck und Vinzenz Höck, der als erster österreichischer Turner eine Weltcup-Konkurrenz gewann, heuer mit dem Bachelor graduiert. Was in Anbetracht des zeitaufwendigen Trainings ebenso wenig selbstverständlich ist wie das, was ein nunmehr gefeierter Fußballer abseits der öffentlichen Wahrnehmung als Gymnasiast geschafft hatte.

Christoph Baumgartner tat sich mit dem Lernen dermaßen leicht, dass man ihn am BORG St. Pölten eine Oberstufe-Klasse überspringen ließ. Inzwischen hat er in der deutschen Bundesliga und im österreichischen Nationalteam seine Reifeprüfung abgelegt. Und als Wechselspieler und Torschütze gegen Griechenland verhindert, dass Fans im Patschenkino einnickten. Heute in Nordirland darf der Vorzugsschüler vom Anpfiff weg wirbeln.

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