Neue Studie: Frauen im Sport immer noch stark unterrepräsentiert

Frauen haben in den vergangenen Jahren mehr Raum in der Sportberichterstattung in Österreich eingenommen, liegen aber immer noch meilenweit hinter den Männern.
Speerwerferin Victoria Hudson

Realität findet nicht nur auf dem Spielfeld statt, sondern auch in den Redaktionen - und in der Art, wie über Sport berichtet wird. Eine neue Studie, die heute veröffentlicht wurde, zeigt nun erneut: Frauen und Personen mit Behinderung sind in der medialen Sportberichterstattung in Österreich immer noch stark unterrepräsentiert. Die Sichtbarkeit von Frauen im österreichischen Sport steigt, bleibt aber weiterhin deutlich hinter der von Männern zurück. Rund fünf Jahre nach einer Ersterhebung wurde die Studie erneut auf Initiative von "exploristas" (Österreichs Initiative für Sichtbarkeit und Vielfalt von Frauen im Sport) vom Institut MediaAffairs durchgeführt.

40.000 Beiträge in österreichischen Medien wurden durchforstet. 15.000 davon in Printmedien, wo nur 15 Prozent der Berichterstattung auf Frauen fällt. Immerhin um 3 Prozentpunkte mehr als 2020, als die erste entsprechende Studie durchgeführt wurde. 

Im internationalen Vergleich ist Österreich kein Ausreißer. Die Studien aus anderen Ländern sind allerdings bisher viel kleiner als die Genderbalance Studie von Media Affairs und exploristas und die Vergleichszahlen daher gering.

Hier geht es zur gesamten Studie

Positive Entwicklungen

Eine positive Entwicklung gab es auch auf den Titelseiten: Wenn Sport auf der Seite 1 zu sehen war, dann war immerhin in 26 Prozent der Fälle eine Frau zu sehen.

Während der Olympischen Spiele war das übrigens anders. Da wurde fast ausgeglichen über Frauen und Männer berichtet, sagt Maria Pernegger, die Geschäftsführerin von Media Affairs. Insgesamt seien die Medien von 50:50 aber "grotesk weit entfernt"

Bei den Social Media Auftritten der österreichischen Medien ist die Diskrepanz sogar noch größer. 88 Prozent der 23.000 untersuchten Beiträge von Medienhäusern auf Social Media fokussieren sich auf männliche Sportler. Dabei wären die Interaktionen bei Frauen insgesamt sogar höher als bei Männern. 

Verbesserte Inszenierung

Im Print werden Sportler deutlich öfter in Action gezeigt als Frauen. Trivialisierung passiert immer noch mehr als doppelt so oft wie bei Männern, aber deutlich weniger als in der letzten Studie 2020. Auch Sexualisierung ist immer noch Teil der Sportberichterstattung über Frauen. 

Berichterstattung schafft Interesse, sagt Maria Pernegger, die Medienbeobachterin sieht die Strukturen und Rahmenbedingungen in Sport und Gesellschaft als Grund für Ungleichheit. Mehr Sichtbarkeit von Sportlerinnen steigert die Bekanntheit und könne auch einen Hype auslösen. Also jene Euphorie, die auch den Nachwuchs anlockt. Fehlende Sichtbarkeit wirkt sich negativ auf finanzielle Möglichkeiten aus - etwa, was die Sponsorensuche betrifft. 

"Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft", sagte Sport-Staatssekretärin Michaela Schmidt bei der Studienpräsentation. "Sport ist in vielen Bereichen noch immer eine Männerdomäne", sagt sie und spricht Trainer, Funktionäre und Berichterstattung an. Österreich fördere Frauenligen und forciere mit dem Gender-Trainee-Programm das Vorhaben, mehr Frauen in den Sport zu bringen - auch in Trainerinnen- und Funktionärspositionen.

Sport-Austria-Chef Hans Niessl gibt zu: " Wir müssen an unserer Gesellschaft arbeiten und dafür sorgen, dass Frauen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen und dass Frauen im Sport einen höheren Stellewert erhalten." Es brauche eine Sportstrategie, in der Frauensport einen "echten Stellenwert" hat. 

Auch Österreichs bekannteste Leichtathletin, Victoria Hudson, bewegt das Thema sehr. "Ich freue mich, dass mehr darüber geredet wird", sagt die Speerwerferin. Man habe aber noch einen "langen Prozess" vor sich. Sie skizziert, was mediale Präsenz für Sportlerinnen bedeutet (mehr Sponsoren, finanzielle Unterstützung), aber auch welche Wirkung das auf junge Mädchen habe, die sehen, Sport ist auch für sie eine Option. "Es mangelt nicht an Geschichten und Persönlichkeiten. Man kann genauso viel über Frauen berichten. Es gibt keinen Mangel an tollen Sportlerinnen."

Die Studienautorinnen sehen einen Grund für die Diskrepanz in lange gelernten Traditionen, aber auch in der Zusammensetzung von Sportredaktionen. Zwei Drittel der Sportberichterstattung kommt in Österreich von männlichen Redakteuren. Nur 3% von Frauen. Redakteure schreiben zu 13 % über Sportlerinnen, Redakteurinnen zu 38%. 

Pernegger betont aber, dass Medien auch nur Teil der Strukturen und Rahmenbedingungen sind. "Wenn nicht auch die Wirtschaft, die Verbände, die Sportpolitik vorangehen, wie sollen wir die höhere Sichtbarkeit erreichen?", sagt Pernegger und ruft zum gemeinsamen Kraftakt auf. Die Studie soll nicht mit dem erhobenen Finger aufzeigen, sondern Bewusstsein schaffen und einen Diskurs anstoßen, der im Idealfall zu einer Verbesserung führt, so Pernegger. 

Inklusion quasi nicht vorhanden

Sportler und Sportlerinnen mit Behinderung finden überhaupt nur in 0,8 Prozent der Berichterstattung statt. Immerhin dort ausgewogener: 36% Frauen, 64% Männer. 

Para-Skirennläuferin Elina Stary würde sich "mehr Aufmerksamkeit wünschen". "Es ist so spannend, was wir machen. Vor allem Social Media könnte man viel herausholen. Wenn niemand über unseren Sport bescheid weiß, werden wir keinen Nachwuchs finden. Die meisten Kinder mit Beeinträchtigung rutschen nur durch Zufall rein. Mir hat als Kind ein Vorbild gefehlt."

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