Eher Ausnahme als Regel: Marcel Hirscher nutzte in Schladming 2013 den Heimvorteil.

© USA Today Sports/Eric Bolte

Ski-WM
02/04/2015

Der Heimvorteil ist Schnee von vorgestern

Zumindest im Skirennlauf und unter Männern gilt: Der Heimvorteil hat ausgedient.

von Wolfgang Winheim

Mit normalen Maßstäben sind sie nicht zu messen. Aksel Lund Svindal schnallt keine vier Monate nach einem Achillessehnenriss just auf jener Piste, auf der er sich im November 2007 lebensgefährliche Unterleibsverletzungen zugezogen hatte, erstmals wieder Speed-Skier an.

Bode Miller riskiert heute nur zehn Wochen nach einer Bandscheiben-OP sein Renn-Comeback: im Super-G. Im zwar nicht populärsten, doch heikelsten aller Alpinbewerbe. Weil im Gegensatz zur Abfahrt kein Training erlaubt ist, in dem der Läufer den Grenzbereich zwischen Hasard und Machbarem ausloten kann. Obwohl auch im Super-G mehr als 100 km/h erreicht werden.

Superman Hermann Maier sieht sich die Rekonvaleszenten-Party seiner einstigen Rivalen mit 8600 Kilometer weitem Respektabstand daheim vom Sofa aus an und lässt in seinem WM-Blog via ski-wm.raiffeisen.at ausrichten: "Im Super-G ist es für Favoriten schwieriger zu gewinnen als in der Abfahrt."

Das wissen natürlich auch Hannes Reichelt, Matthias Mayer und Titelverteidiger Ted Ligety. Was sie vielleicht nicht wissen: Dass der Super-G erst in den 80er-Jahren von Weltcupgründer Serge Lang zugunsten der Schweizer eingeführt wurde, die zu dieser Zeit wie geschaffen schienen für das Mittelding aus Abfahrt und Riesenslalom. Prompt gewann der Schweizer Pirmin Zurbriggen 1987 in Crans-Montana (SUI) den ersten WM-Super-G. Und der Schweizer Peter Müller wurde Abfahrtschampion. Und Zurbriggen auch noch Riesenslalom-Weltmeister.

In den letzten zehn Jahren aber sind bei Weltmeisterschaften und Winterspielen meist die Hausherren g’storben.

2006 kam der Italiener Giogio Rocca, der davor alle Slaloms dominiert hatte, bei Olympia in Sestriere nur ein paar Tore weit.

2007 in Åre carvten die schwedischen Slalom-Artisten an allen Medaillen vorbei.

2009 in Val d’Isère reichte es für keinen der französischen Favoriten zu WM-Gold.

2010 rasten und stürzten sämtliche kanadischen Speedpiloten auf kanadischem Olympia-Schnee an Spitzenplätzen vorbei.

2011 erlebte der Garmischer Felix Neureuther bei der WM in Garmisch, wie der nunmehrige Slalom-Weltcup-Führende sagt, "die bittersten Augenblicke " seiner Karriere.

Und 2013 in Schladming ließ erst der nervenstarke Marcel Hirscher fünf vor zwölf alle Enttäuschungen in den Herren-Rennen davor vergessen.

Vielleicht reagieren Einzelsportler sensibler als Mannschaftssportler auf Social Media und die ausufernde Zahl an Mikrofonträgern bei Heimspielen. Vielleicht ticken sie anders als Österreichs Teamfußballer, die vornehmlich in Heimspielen auftrumpfen.

Laut dem britischen Evolutionspsychologen Nick Neave steigt das männliche Sexualhormon Testosteron im Kickerblut vor Heimspielen wesentlich mehr an als bei Auswärtspartien. Testosteron ist verantwortlich für gesteigertes Revierverhalten und erhöht die Reaktionsschnelligkeit.

Auf Schnee lässt sich diese Theorie offensichtlich nicht umlegen – abgesehen davon, dass es in den fünf Heimrennen 2015 keinen Heimsieg für Österreichs Skifahrer gab. Oder sind auch die nicht mit normalen Maßstäben zu messen?

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