epa03576983 Austrian ski jumper Gregor Schlierenzauer smiles during the Ski Jumping World Cup in Willingen, Germany, 10 February 2013. The competition was cancelled due to bad weather conditions. EPA/UWE ZUCCHI

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Gregor Schlierenzauer
02/21/2013

"Alles, was kommt, ist Draufgabe"

Skisprung-Star Gregor Schlierenzauer im KURIER-Interview über seinen Genuss bei der WM in Val di Fiemme.

von Christoph Geiler

Gregor Schlierenzauer, 23, geht die Nordische Weltmeisterschaft gemächlich an. Während seine Kollegen bereits auf dem WM-Bakken abhoben, lag der Tiroler Überflieger noch daheim im Stubaital auf der Couch. Schlierenzauer, der Titelverteidiger auf der Großschanze, reiste erst gestern Abend nach Val di Fiemme. "Das ist ja für mich praktisch eine Heim-WM", lächelt der Tiroler, der bei den Titelkämpfen wieder einmal im Fokus steht. "Aber damit kann ich gut umgehen", so Schlierenzauer.

KURIER: Herr Schlierenzauer, mit welchem Gefühl reisen Sie zur Weltmeisterschaft?
Gregor Schlierenzauer: Ich habe heute ganz sicher einen anderen Zugang als bei meinen bisherigen Weltmeisterschaften. Nehmen wir zum Beispiel die letzte WM 2011 in Oslo.

Was war in Oslo?
Ich hatte damals gerade einen sehr schwierigen Winter hinter mir. Ich war längere Zeit verletzt, mir hat die Sicherheit gefehlt, und natürlich auch das Selbstvertrauen. Ich habe mich damals in die Weltmeisterschaft regelrecht hineinkämpfen müssen. Das ist diesmal ganz anders: Heute ist die WM für mich ein richtiger Genuss.

Ein Genuss?
Ja. Weil ich schon so viel erreicht habe, kann ich jetzt die Weltmeisterschaften genießen und sehr ruhig und entspannt angehen. Ich muss keinem mehr etwas beweisen. Das ist eigentlich ein Idealzustand für einen Sportler. Und auch ein Privileg: In so einer Situation befinden sich nur wenige Athleten: Dass sie mit Freude starten können, weil alles, was kommt, sowieso nur mehr Draufgabe ist.

Das sind dann sozusagen die Sonnenseiten des Erfolges. Kann man so sagen. Ich hatte das Glück, dass ich mir in meiner Karriere schon sehr viele Kindheitsträume erfüllen konnte. Und das eigentlich schon in sehr jungen Jahren. Das macht mich schon stolz, zugleich aber auch sehr gelassen.

Gelassenheit war aber nicht immer Ihre Stärke.
Stimmt. Früher war ich sicher oft zu verbissen und erfolgsorientiert. Ich wollte immer alles perfekt machen und habe 24 Stunden am Tag nur übers Skispringen nachgedacht. Aber da machst du dich irgendwann verrückt. Heute sehe ich sicher nicht mehr alles so engstirnig wie früher.

Gab es denn dafür einen Knackpunkt in Ihrer Karriere?
Mein erster Tourneesieg im letzten Jahr. Dem ich so lange nachgesprungen bin und unbedingt erreichen wollte. Da habe ich gemerkt, dass man nichts erzwingen kann, sondern dass gewisse Erfolge einfach passieren müssen. Mit dieser Einstellung springt es sich jetzt definitiv leichter. Natürlich will ich auf der Schanze immer der Beste sein. Aber mir macht es mittlerweile auch nicht mehr so viel aus, wenn ich einmal nur Fünfter werde. Aber das habe ich auch erst lernen müssen. Mit 16 denkst du natürlich anders.

Wie war denn das Leben als Jungstar?
Es ist schwierig, wenn du mit 16 schon erwachsen sein sollst. Wenn du in dem Alter auf einmal der Chef bist in deinem Job und von allen Seiten belagert wirst und so viel auf dich hereinprasselt. Dann ist das eine Challenge.

Und welche Challenge ist so eine Weltmeisterschaft für Sie. Verspüren Sie überhaupt noch so etwas wie Nervosität und Anspannung?
Das Kribbeln ist immer da. Das muss auch da sein. Ich rede mir jetzt sicher nicht ein, dass das nur irgendwelche normale Springen sind. Eine Weltmeisterschaft ist und bleibt etwas Besonderes, egal, wo sie stattfindet. Ich mag dieses Flair.

Sie sind Weltcupleader, Tourneesieger, Rekordhalter – jeder erwartet von Ihnen Medaillen, am besten in Gold. Macht Ihnen diese Erwartungshaltung nicht zu schaffen?
Wenn man auf meine Erfolge in diesem Winter sieht, dann muss man ja zwangsläufig von mir Medaillen erwarten. Das ist mir klar. Nur: Ich werde mich deshalb jetzt nicht narrisch machen. Den Druck von außen bin ich sowieso schon seit Jahren gewöhnt. Das ist jetzt nichts Neues. Was mich aber stört, wenn jetzt alle nur von Gold reden. Es darf nicht so weit kommen, dass eine Silber- oder Bronzemedaille nichts mehr wert ist. Zum Abholen gibt’s bei einer Weltmeisterschaft gar nichts.

Apropos abholen: Seit 2005 haben die österreichischen Skispringer bei jedem Großereignis im Teambewerb die Goldmedaillen abgeholt. Was darf man in Val di Fiemme von den Österreichern erwarten?
Man sollte sich gar nichts erwarten. In der Vergangenheit ist es uns im Teambewerb immer aufgegangen, weil wir um die Goldmedaille richtig gekämpft haben und sie eben nicht einfach nur abgeholt haben. Uns ist bewusst, dass es diesmal schwieriger wird.

Warum ist die Dominanz heuer ein wenig verloren gegangen?
Die anderen haben eben aufgeholt. Und das neue Material hat es auch nicht einfacher gemacht. Da haben kleine Fehler gleich große Auswirkungen. Ich war in Sotschi heuer auch einmal nur 25. Aber vielleicht hat das auch sein Gutes.

Wie meinen Sie das?
Vielleicht lernt man den Erfolg und die Medaille wieder mehr zu schätzen, wenn es nicht selbstverständlich ist und man sich alles hart erkämpfen muss. Das ist wie bei den Mädels: Alles, was leicht hergeht, ist nichts wert.

Schlierenzauers Sieg

Schlierenzauers Meilensteine

Das Springer-Fiasko 2003

Was ist los mit Österreichs Skispringern? Nur Gregor Schlierenzauer ist Weltspitze, der Rest hadert vor allem mit sich selbst. Thomas Morgenstern war Anfang der Saison Zweiter und Dritter, baute danach immer mehr ab. Und trainiert seit mehr als einem Monat, ohne an einem Bewerb teilzunehmen. Andreas Kofler gewann gar zwei Mal, verlor aber ebenfalls den springerischen Faden völlig. Seit Ende Dezember war der Tiroler nie mehr unter den besten 10.

Diese Entwicklung weckte böse Erinnerungen. Die WM 2003 brachte eine der bittersten Niederlagen für die österreichischen Skispringer. Sie gingen im Fleimstal leer aus. Dabei hatten die Adler die Saison sehr stark begonnen, hatten von 22 Bewerben vor der WM sieben gewonnen: Martin Höllwarth (3), Andreas Widhölzl, Thomas Morgenstern, Christian Nagiller und Florian Liegl. Der ÖSV hatte damals große Talente, aber auch das Reglement extrem ausgereizt und so für einen Vorteil bei den Anzügen gesorgt.

Bei der WM gab es keine Einzelmedaille und sogar im Teambewerb nur den fünften Platz. Der damals 18-jährige Andreas Kofler bildete zusammen mit Höllwarth, Widhölzl und Liegl die Mannschaft.

Trainer war damals Hannu Lepistö. Der Finne wurde aber erst 2004 vom damaligen B-Kadertrainer Alexander Pointner abgelöst. Unter dem entwickelte sich die stärkste Mannschaft der Welt. Die aber just vor der WM 2013 schwächelt.

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