700.000 Euro Preisgeld: Der lange Weg zum Schach-Thron

Acht der weltbesten Spieler kämpfen beim Kandidatenturnier in Zypern darum, den Weltmeister herausfordern zu dürfen.
Kandidat für die WM: Der US-Amerikaner Fabiano Caruana ist einer der Favoriten.

Die Qualifikation für die Fußball-WM geht ins Finale. Am Mittwoch um 7.00 MEZ wird das letzte der 48 Tickets vergeben. Soeben begonnen hat hingegen die Qualifikation für die Schach-WM. Im sogenannten Kandidatenturnier spielen acht Großmeister auf Zypern drei Wochen Schach – der Sieger wird den aktuellen Weltmeister Gukesh (IND) fordern. Der KURIER sprach darüber mit Österreichs-Großmeister Markus Ragger.

Wie läuft das Turnier ab?

Acht Männer haben alle Qualifikationshürden genommen und treten im Cap St Georges Hotel in Pegia auf Zypern jeder gegen jeden an, einmal mit Weiß, einmal mit Schwarz. Nach insgesamt 56 Partien wird der WM-Herausforderer feststehen, der dafür 70.000 Euro kassiert. Insgesamt werden 700.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet.

Wer spielt mit?

Spieler aus allen Ländern, die derzeit im Schach eine wichtige Rolle spielen: Ein Chinese, ein Inder, ein Niederländer, ein Russe, ein Usbeke und ein Deutscher. Angeführt wird das Feld von zwei US-Amerikanern: Hikaro Nakamura (Nr. 2 der Weltrangliste) und Fabiano Caruana (Nr. 3). „Caruana ist für mich der Favorit“, sagt Ragger. „Er weiß, wie man sich vorbereitet.“

Was bedeutet es, dass erstmals seit 35 Jahren ein Deutscher dabei ist?

Schach boomt weltweit seit der Corona-Pandemie und der Netflix-Serie „Das Damengambit“. In Deutschland gibt die Teilnahme von Matthias Blübaum dem Sport weiteren Auftrieb. Insgesamt 86.000 Euro wurden Blübaum für die Vorbereitung als Unterstützung zugesagt, unter anderem vom Bundeskanzleramt und vom Deutschen Schach-Bund. Der 28-Jährige stellte sich ein Team zusammen, absolvierte Trainingscamps und studierte seine Gegner haargenau. Würde er das Turnier gewinnen, wäre er der erste Deutsche bei einer Schach-WM seit mehr als 100 Jahren. Blübaum ist allerdings krasser Außenseiter. „Eine tolle Sache, dass ein deutschsprachiger Spieler dabei ist“, sagt Ragger. „Schade aber, dass der Wahlwiener Vincent Keymer die Qualifikation nicht geschafft hat. Er hätte mehr Chancen gehabt.“

Warum fehlt der beste Schachspieler der Welt? 

Magnus Carlsen ist seit Jahren der Superstar des Schachs und überlegene Nummer 1 der Welt. Von 2013 bis 2023 war er Weltmeister, danach wurde ihm das klassische Schach mit der langen Bedenkzeit zu mühsam – und generell zu fad. Ragger: „Carlsen möchte etwas Alternatives aufbauen. Er hätte gerne ein anderes System für eine WM mit Partien mit unterschiedlichen Bedenkzeiten. Aber die FIDE (der internationale Schachverband) wird ihr Produkt nicht aufgeben.“ Carlsens Landsmann Erling Haaland übernahm zuletzt einen signifikanten Anteil an „Norway Chess“, das hinter der „Total Chess World Championship Tour“ steht. In dieser Serie wird klassisches Schach mit Schnell- und Blitzschach vereint – und auch Carlsen wird mitspielen.

Wo und wann findet die kommende WM statt?

Beides ist noch nicht fixiert. „Das ist normal, dass man das Kandidatenturnier abwartet“, erklärt Ragger. „Man schaut einmal, wer der Herausforderer ist. Erst dann ist klar, wie und in welchem Markt das Produkt am besten vermarktet werden kann.“ 2026 wird sich das Turnier vermutlich nicht mehr ausgehen.

Wie stark ist Weltmeister Gukesh?

Der Trubel um den 2024 noch 18-Jährigen war nach seinem WM-Titel in Indien enorm. „Schach ist in Indien nach Cricket die Sportart Nummer 2. Man kann sich als Europäer gar nicht vorstellen, wie groß dort seine Popularität ist“, sagt Ragger. „Dementsprechend viele Verpflichtungen hatte er. Ich glaube aber, dass er sich vor einem WM-Duell trotzdem gut vorbereiten kann.“ Zudem hat Gukesh einen Vorteil: Er kennt den Ablauf einer WM genau.

Wie weit ist Österreich entfernt?

Einst war Österreich die Nummer 1: Wilhelm Steinitz (1836–1900), der später die US-Staatsbürgerschaft annahm, war der erste Schach-Weltmeister. Markus Ragger liegt heute als zweitbester Österreicher auf Rang 167 der Weltrangliste. Noch besser platziert  (57.) ist Kirill Alekseenko. Der 28-Jährige legte 2022 aus Protest gegen den Krieg seine russische Verbandszugehörigkeit nieder und wechselte 2023 zum österreichischen Verband.

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