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Extremsportler Coban: "Das war ein Schmerz, den ich noch nicht kannte"

Savas Coban lief in 80 Tagen 80 Ultramarathons rund um die Türkei – komplett alleine. Im KURIER-Interview sprach er über Grenzen, Schmerz und mentale Stärke.
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Vor knapp zwei Wochen stellte der Kenianer Sabastian Sawe einen neuen Marathon-Weltrekord auf. Als erster Mensch blieb der 29-Jährige in einem offiziellen Rennen unter zwei Stunden – ein Rekord, der die Grenzen des Machbaren verschoben hat.

Savas Coban: 80 Ultramarathons in 80 Tagen

Diese Grenzen zu verschieben treibt auch Savas Coban an. Ob mit dem Rad von Hamburg nach Sevilla oder zu Fuß von München nach Istanbul: Der Extremsportler sucht ständig nach neuen Herausforderungen. Erst jüngst lief der 33-Jährige 5.000 Kilometer um die Türkei. In 80 Tagen absolvierte Coban ebenso viele Ultramarathons – im Schnitt rund 60 Kilometer am Tag, komplett alleine.

In seinem neuen Buch „Homerun“, welches am 6. Mai erschienen ist, erzählt der Deutsch-Türke von der Rückkehr zu seinen Wurzeln. Mit dem KURIER sprach er über sein Projekt.

KURIER: Was genau versteht man unter einem Ultra-Marathon?

Savas Coban: Das ist alles, was über die Länge eines normalen Marathons hinausgeht. Da gibt es nach oben hin keine Grenze. Mich hat es nie gereizt, einen Marathon zu laufen, ich wollte immer schon die Grenzen verschieben und Abenteuer erleben.

Wie sind Sie zum Extremsport gekommen?

Das Ganze hat angefangen, als ich mit dem Rad von Hamburg nach Sevilla gefahren bin. Ich hatte damals die Idee, und sechs Tage später saß ich am Rad. Ich hab mich in die Herausforderungen verliebt. Das ist auch der Reiz. Ich würde kein Projekt machen, wenn ich vorher weiß, dass es keine Herausforderung ist.

Sie sind in 80 Tagen rund 5.000 Kilometer um die Türkei gelaufen. Was war herausfordernder – die körperliche oder die mentale Belastung?

Es ist beides. Der Anfang ist immer ganz schwierig, weil sich der Körper erst an die Belastung gewöhnen muss. Ich hatte schon am zweiten Tag starke Knieschmerzen, musste ganz oft Gehpausen einlegen. Das war ein Schmerz, den ich vorher nicht kannte. Und mental ist das natürlich auch eine Herausforderung. Ist das ein Schmerz, der mein Projekt scheitern lässt, oder muss ich durch ihn durchlaufen? Das klingt krass, aber manchmal hilft es, einfach weiterzulaufen und positiv zu bleiben. Da muss ich dann einfach die Zähne zusammenbeißen.

Kann man mentale Stärke gezielt trainieren?

Ich trainiere es nicht. Ich hab die Eigenschaft schon immer in mir gehabt, einfach Dinge zu machen, ohne groß nachzudenken. Man muss halt einfach mal den Mut haben, loszulaufen, und dann wird man immer überrascht sein, wie weit man kommt.

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Eis auflegen: Bereits am zweiten Tag drohte das Projekt wegen starker Knieschmerzen zu scheitern. 

Warum waren Sie bei Ihrem Projekt komplett alleine unterwegs?

Es ist die größere Challenge, die ich darin sehe, was mich dann wieder mehr reizt. Es klingt komisch, aber je härter der Weg, desto größer ist die Freude. Wir sind im Alltag immer von Menschen umgeben, und ich will bewusst auch Zeit für mich alleine haben. Ich sehe das fast wie eine Art Therapie – eine lange, schmerzvolle Therapie.

Wie bereiten Sie sich körperlich auf solche Belastungen vor?

Ich achte auf meine wöchentliche Laufdistanz und steigere die, damit sich der Körper daran gewöhnt, mit müden Beinen weiterzulaufen. Ansonsten mache ich viel Krafttraining, damit Muskeln und Gelenke halten. Ich habe aber keinen spezifischen Trainingsplan. Mir geht es darum, dass ich einfach maximal belastbar bin, und ich weiß, der Rest ist nur Kopfsache. Ich behaupte auch, dass jeder gesunde Mensch, der ein bisschen Lauferfahrung hat, morgen einen Marathon laufen könnte – wenn das Ziel nicht ist, unter drei Stunden zu laufen. Das spielt sich alles im Kopf ab.

Welche Rolle spielen Regeneration und Ernährung bei einer solchen Challenge?

Bei diesem Projekt hatte ich natürlich keine optimale Versorgung. Die einzige Regenerationsmöglichkeit ist, dass ich abends einfach schlafe. Und wenn ich die Chance bekomme, einfach wieder Kalorien aufzuladen und zu essen. Ich habe spaßhalber auch gesagt, dass ich auf einer großen Food-Tour war und nebenbei täglich einen Ultramarathon gelaufen bin.

Wie reagiert Ihre Familie auf die Projekte?

Die hat das anfangs nie verstanden, warum ich mir das antue und keinen normalen Job nachgehe. Da hab ich wenig Unterstützung bekommen. Aber ich hatte einen Traum. Und den hab ich umgesetzt. Mittlerweile ist es fast schon ganz normal für meine Mutter, wenn ich mit einer neuen verrückten Idee ums Eck komme.

Haben Sie bereits ein nächstes Projekt im Kopf?

Ich hab natürlich schon neue Ideen. Ich kann immer kreativ sein und ein eigenes Projekt erstellen. Und das liebe ich. Die Erde ist groß, es gibt viele spannende Orte. Es muss einfach eine Herausforderung sein. Da geht es gar nicht um die Distanzen. Ich glaube, wenn du 5.000 Kilometer laufen kannst, dann kannst du auch 20.000 laufen. Ich könnte einfach heute loslaufen und einmal um die Welt laufen.

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