Sport
12.10.2017

Österreichs Damen-Tennis steckt in der Krise

Nur zwei in den besten 500: Die Verbandsspitze und Ex-Profis wie Schett und Bammer über die derzeitige triste Situation.

Die Zahlen sind besorgniserregend: Mit Barbara Haas, die am Mittwoch beim Upper Austria Ladies in Linz ihre Erstrundenpartie gegen die Deutsche Carina Witthöft verlor, steht nur eine Österreicherin unter den Top 200 der Weltrangliste (171.), unter den besten 500 werden nur zwei ÖTV-Spielerinnen geführt. Das in einem Land, das einst zahlreiche Topspielerinnen hervorbrachte. Grund genug, dass sich auf Betreiben von KURIER und Linz-Veranstalter MatchMaker eine Expertenrunde formierte und auf Ursachenforschung ging.

Für Barbara Schett, einst die Nummer sieben der Welt und Turnierbotschafterin in Linz, fehlt der Konkurrenzkampf. "Wir haben uns gegenseitig hochgepusht. Und ich hatte die Motivation, dass ich die Besseren wie Barbara Paulus überhole." Die Tirolerin wies darauf hin, vor einigen Jahren einen Sichtungslehrgang mit jungen Mädchen abgehalten zu haben. "Da hat komplett die Leidenschaft gefehlt." Das bestätigen auch andere Ex-Profis. "Heute ist die Jugend gesättigt, es fehlt Geduld", sagt etwa die langjährige Fed-Cup-Spielerin Sandra Klemenschits. Die Leidenschaft fehlt auch Sybille Bammer, ehemalige Top-20-Spielerin und heute Trainerin am ÖTV-Stützpunkt in Oberösterreich. "Wir haben alles für unseren Traum getan, auch ohne Geld. Heute fragen die Jungen, wann das Training aus ist." Und? "Vielen fehlt auch das Talent."

Ausbildungen

Ein maßgebliches Problem. "Wir brauchen bei den Jüngsten mehr Trainer, vielleicht sogar mit internationaler Erfahrung", sagt Jürgen Waber, Cheftrainer von Österreichs Damen und von Haas. Der Oberösterreicher mahnt auch dazu, die Strukturen in den Regionen zu verbessern und die Zusammenarbeit mit den Landesverbänden zu optimieren. Denn eines ist klar, wie auch Gerald Mild weiß: "Die Ausbildung muss bis zum 14. Lebensjahr abgeschlossen sein." Der ehemalige Daviscup-Spieler, frühere Trainer von Barbara Schett und der Deutschen Anke Huber und jahrelang in der Schweiz tätig, ergänzt: "Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, Spielerinnen produzieren zu können. Man muss den wirklich Talentierten optimale Bedingungen schaffen. Die wenigen Reserven besser nutzen und in diesem Bereich der Ausbildung Geld investieren."

Absicherungen

Robert Groß, seit 2015 ÖTV-Präsident, wähnt den Österreichischen Tennis-Verband auf einem guten Weg, der aber erst nach sechs, sieben Jahren sichtbar wird. "Die Jungen können ins LZ Oberösterreich gehen oder in den Genuss von Individiualförderungen kommen. Die Infrastruktur ist vorhanden. Aber wir müssen endlich weg von den Egoismen."

Für Marion Maruska, ehemalige Top-50-Spielerin, heute ÖTV-Sportkoordinatorin und für den Nachwuchs zuständig, fehlt es den Mädchen an etwas anderem: "Sie trainieren brav, wollen aber im Gegensatz zu Burschen wenig Wettkämpfe bestreiten, die es durchaus gibt." Zudem sei die Konkurrenz neuer Sportarten sehr groß geworden und "die Bereitschaft der Eltern ist auch nicht mehr so groß".

Diese Entwicklung muss auch Linz-Turnierdirektorin Sandra Reichel zur Kenntnis nehmen. "Früher wussten wir nicht, wem wir eine Wild Card geben sollen, heute muss man den Österreicherinnen nachrennen."

ÖTV-Geschäftsführer Thomas Schweda will mehr Aufmerksamkeit. "Wir brauchen mehr Geld, um den besten Talenten des Landes die besten Voraussetzungen zu geben. Wir sind der zweitgrößte Verband, bei den Fördergeldern sind aber zwölf Verbände vor uns. Dabei spielen rund 400.000 Österreicher Tennis."

In einem waren sich alle einig: Die ehemaligen Stars sollen noch mehr eingebunden werden. "Ich werde auch mit Thomas Muster reden", verspricht Schett.

Mehr dazu im KURIER-Tennis-Jahrbuch, das am 7. 12. erscheint.