Beate Schrott bei der Leichtathletik-WM in Doha im vergangenen Herbst

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Sport
03/25/2020

Hürdensprint in Corona-Zeiten: "Die Situation überfordert mich"

Beate Schrott, österreichische Rekordhalterin und Frau Doktor der Medizin, über Olympia, Corona und ihre Zukunft.

von Stefan Sigwarth

Eigentlich wäre Österreichs schnellste Hürdensprinterin derzeit gar nicht im Lande. Am vergangenen Freitag wäre Beate Schrott in die USA gereist, um mit ihrem Verlobten, dem amerikanischen Dreisprung-Weltmeister und -Olympiasieger Christian Taylor, den vierten Jahrestag zu begehen und in den folgenden sieben Wochen Details der Hochzeit zu planen.

Die Anprobe des Brautkleides ist wegen der Corona-Krise verschoben. „Christian kann das ja nicht machen. Außerdem soll er das Kleid nicht vor der Hochzeit sehen“, sagt die 31-Jährige und lacht.

KURIER: Ihre Jahresplanung ist durcheinandergewirbelt worden vom Virus.

Beate Schrott: Allerdings. Nach den 8,14 Sekunden und dem Sieg über 60 Meter Hürden bei den Hallenmeisterschaften in Linz war ich zuversichtlich. Ich dachte, ich könne früher mit dem Aufbautraining für die Freiluft-Saison beginnen. Jetzt sind alle Sportstätten zu, die Spiele in Tokio sind auf 2021 verschoben und ich kann nicht gescheit trainieren. Ich weiche in den Wald aus und laufe viel bergauf, wo die Geschwindigkeit und das Verletzungsrisiko eher gering sind. Aber bei vier Grad ist das ziemlich huschi.

Suboptimal, auch angesichts Ihres schwierigen Jahres 2019.

Da habe ich erstmals weiche Kontaktlinsen probiert, nachdem ich zuvor immer harte hatte. Aber durch den Astigmatismus auf meinem linken Auge konnte ich bei hohen Laufgeschwindigkeiten nicht scharf sehen. Das hat meinem Hirn nicht getaugt, die Streckermuskeln in den Beinen haben sich verhärtet. Ich hatte Krämpfe, die gar nicht mehr richtig aufgegangen sind. Und dabei haben sich die verschiedenen Schichten des Bindegewebes verklebt. Im Herbst habe ich das Experiment beendet.

Schon 2016 hätten Sie fast aufgehört.

Ja. Christian hat auf mich eingeredet, dass es das nicht gewesen sein kann mit meiner Karriere. Es war ein seelischer Heilungsprozess. Ich bin froh, dass ich mich durchgekämpft habe. Heute geht es mir viel besser. Ich hätte das Kapitel sonst nie abschließen können.

Seit Dienstag ist klar: Heuer fällt Olympia aus. Eine alternativlose Entscheidung?

Ja. Egoistischerweise hätte ich mir natürlich gewünscht, dass alles so läuft, wie es geplant war, aber das ist nicht möglich.

Die Chancengleichheit war nicht mehr gegeben.

Eher weniger, und in anderen Sportarten und Disziplinen war es noch gravierender: Im Marathon waren die Chancen für die Olympia-Qualifikation nach all den Absagen fast vorbei. In China gab es dafür schon wieder Hallen-Wettkämpfe – mit einer Jahresweltbestleistung im Damen-Kugelstoßen...


Und die Dopingtests sind eingeschränkt, auch einige Labors in Europa sind zu.

Ich bin seit dem 23. Februar – der Hallen-ÖM – nicht mehr getestet worden. Im Schnitt kommen die Kontrolleure einmal im Monat. Aber es ist schwierig mit dem Infektionsrisiko, auch für uns Sportler. Wir sind ja sowieso schon so empfindlich, im Winter geben wir einander nicht einmal die Hand, um ja nicht krank zu werden. Christian wird in den USA nach wie vor getestet, und es ist trotz allem wichtig, dass weiter kontrolliert wird.

Wie sind Sie mit dem langen Hin und Her um die Spiele in Tokio umgegangen?

Ich bin seit 2019 ein bissl leidgeplagt, damals gab es ein Hin und Her mit der Nominierung für die WM in Doha. Es ist schwierig, was die Motivation betrifft. Und trotzdem geht es uns Sportlern voll gut. Wenn ich die Bilder aus Italien sehe, klagen wir auf hohem Niveau.

In Sachen Gesundheit sind Sie Fachfrau: Seit November sind Sie Frau Doktor.

Der Humanmedizin. Die Spezialisierung kommt noch.

Virologen sind sehr gefragt.

Das wäre nichts für mich. Ich möchte in Richtung Allgemeinmedizin gehen. Nach dem neuen Studienplan bedeutet das für mich noch einmal vier Jahre Lernen. Ich sehe in diesem Bereich für mich die besten Chancen, um mich dann in den USA selbstständig zu machen.

Sportlich sind Sie schon selbstständig – Sie trainieren sich selbst.

Ich wohne in Wien und trainiere normalerweise in der Südstadt, ich richte mir dort alles her, ich filme mich selber oder habe jemanden, der mich filmt. Beim Krafttraining hilft mir Gregor Högler, der ja auch Lukas Weißhaidinger betreut. Das ist gut, so muss ich mir über einen Teil des Programms keine Gedanken machen. Trainingsgruppen, die zwischenmenschlich gut funktionieren, sind selten. Und ich wollte auch keinen vierten Trainer mehr ausprobieren. Teilweise kann ich auch mit Christian trainieren.

Ihr Plan für heuer war Olympia, die EM – und dann?

Die Spikes an den Nagel hängen, heiraten, meine Ausbildung fertigmachen. Seit Dienstag sind die Gedanken an die Zukunft schwierig. Ich habe beschlossen, nicht mehr an heute und morgen zu denken. Die Situation überfordert mich. Ich weiß nicht, ob ich noch ein Jahr anhängen oder den Sport sein lassen soll. Ich schaue jetzt, wie ich durch die Saison komme – und ob es überhaupt eine gibt. Sollte ich weitermachen, hätte das weitreichende Konsequenzen, und das möchte ich mit Christian besprechen. Wenn wir uns irgendwann wiedersehen...