Zuviel des Schlechten: Maxim Dadaschev (li.) starb nach einer OP.

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Sport
07/26/2019

Nach der Box-Tragödie: "Die Gefahr gehört zu diesem Sport"

Der Tod des Russen Dadaschew wirft Fragen auf. Österreichs Box-Asse versuchen sie zu beantworten.

von Harald Ottawa, Ingrid Teufl

  • Nach dem Tod eines Boxers stellen sich viele Fragen: Wurde zu spät abgebrochen? Wer trägt Schuld? Und welche Konsequenzen werden gezogen?
  • Der KURIER sprach mit Sportlern, Fachleuten und einem Neurochirurgen über die Gefahren des Boxens - und die Auswirkungen auf den Körper der Athleten.

    Die Faszination eines Sports endet dort, wo die Tragödie ihren Lauf nimmt. Maxim Dadaschew hat für seinen Boxsport gelebt. Und er ist für ihn gestorben.

    Unglaubliche 260 Schläge musste der russische Superleichtgewichtler im Kampf gegen Subriel Matias aus Puerto Rico am Freitagabend in Oxon Hill (USA) einstecken. Einen Trefferreigen, den der 28-Jährige letztlich nicht wegstecken konnte, nach einer Not-OP erlag er am Dienstag seinen schweren Kopfverletzungen.

    Vor allem in der zehnten und elften Runde wurde Dadaschew Zielscheibe eines Schlaghagels. Sein Trainer Buddy McGirt warf vor der zwölften Runde das Handtuch. „Ich flehte ihn an, aufzuhören, er wollte aber unbedingt weitermachen.“ Beim dritten Anlauf setzte sich der Trainer durch. Nach dem Abbruch hatte Dadaschew Mühe, den Ring zu verlassen, sein Zustand verschlechterte sich rapide, ehe er kollabierte. Blutungen und schwere Gehirnschäden führten zum Ableben.

    Hätte der Trainer früher abbrechen müssen? „Man kann nie zu früh abbrechen, das haben wir bei dieser Tragödie gesehen“, sagt Österreichs Bundestrainer Daniel Nader. „Die Gesundheit des Boxers muss immer im Vordergrund stehen.“

    Verantwortung

    Ähnlich sieht es auch Box-Weltmeisterin Nicole Wesner. „Wenn ein Boxer den anderen dominiert und dieser zu viele Schläge kassiert, muss der Trainer das Handtuch werfen, aber auch der Ringrichter hat hier eine Verantwortung zu tragen“, sagt die Wienerin. „Ungeachtet der Tatsache, ob der Unterlegene die geringe Möglichkeit eines Lucky Punches hat und die Zuseher lieber eine Fortsetzung sehen wollen.“

    Die Angst unter den Boxern ist durch diese Tragödie nicht gestiegen. „Das ganze ist kein harmloses Spiel. Wenn ein Wettkampfsportler Angst hat, in den Ring zu steigen, ist er fehl am Platz. Man muss das ausblenden, trotzdem immer den Respekt vor diesem Sport beibehalten“, sagt Österreichs bester Profi Marcos Nader.

    Österreichs Olympiahoffnung Umar Dschambekow sieht es ähnlich. „Es ist traurig. Aber solche Fälle gab es immer wieder, die Gefahren sind jedem Boxer bewusst.“ Was den Schutz betrifft, wird sich für Dschambekow „nichts ändern. Man hätte eben diesen Kampf vielleicht früher beenden müssen.“ Ähnlich sieht es Auswahl-Boxer Stefan Nikolic. „Solche Fälle sind selten, deshalb wird sich keiner mehr fürchten und mehr schützen.“

    Paradox

    Generell wird sich eben nichts ändern. Weil auch die Faszination dieses Sports darunter leiden würde. „Das ist das Paradoxe. Einerseits ist Boxen als Leistungssport gefährlich, andererseits ist gerade diese Tatsache für die Zuschauer so interessant“, sagt Wesner. „Und die Zuschauer lieben Knock-outs. Die Gefahr gehört zu diesem Sport.“

    Maxim Dadaschew wurde Opfer dieser Gefahr. Er hinterlässt eine Frau und einen zweijährigen Sohn.

    Brutales Boxen: Von Prellungen bis Parkinson und Demenz

    Karl Rössler, Leiter der Universitätsklinik für Neurochirurgie der MedUni Wien, erklärt die Gefahren der Kontaktsportarten.

    Derart dramatische Folgen eines Boxkampfes wie jüngst bei Maxim Dadaschew kommen nicht oft vor. „Eine lebensbedrohliche Blutung ist selten“, sagt Karl Rössler, Leiter der Universitätsklinik für Neurochirurgie der MedUni Wien. Kontaktsportarten wie Boxen, American Football oder Eishockey können das Gehirn allerdings auch chronisch schädigen.

    Das Krankheitsbild chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) rückte erst in den vergangenen Jahren in den Fokus – ausgehend von den amerikanischen Profi-Footballligen. „Früher hat man sich darüber keine Gedanken gemacht“, sagt Gehirnchirurg Rössler. Den Liga-Verantwortlichen warf man vor, das Thema häufige Gehirnerschütterungen und deren Folgen verharmlost zu haben. Sogar die Selbstmorde einiger Spieler wurden damit in Zusammenhang gebracht. Bei Boxern waren bereits viel früher ähnliche Symptome aufgetaucht.

    KURIER: Was passiert bei Schlägen auf den Kopf im Gehirn?

    Karl Rössler: Das menschliche Gehirn schwimmt in einer Flüssigkeit, dem Hirnwasser, und ist durch den knöchernen Schädel geschützt. Bei Schlägen prallt das Gehirn gegen die Schädelwand. An diesen Stellen entstehen kleine Verformungen, in schwereren Fällen Blutergüsse. Kopftreffer bei Boxern sind kleine Erschütterungen des Gehirns. Das ist sozusagen eine Miniaturausführung eines Schädel-Hirn-Traumas, bei dem das Gehirn sehr stark herumgerüttelt wird.

    Was bewirken häufige Schläge bei Sportlern?

    Bei Kontaktsportarten sind Schläge zwar üblich. Auch wenn die Sportler geschützt sind, bekommt das Gehirn kleine Prellungen ab. Dadurch können Nervenbahnen einreißen. So reißen ständig kleine Verbindungen zwischen den Zellen und diese Verletzungen führen zu chronischen Gehirnschäden.

    Wie wirkt sie sich aus?

    Mit der Zeit werden die kognitiven Fähigkeiten immer schlechter, auch Persönlichkeitsveränderungen sind bekannt. Im weiteren Verlauf kommt es zu Symptomen von Parkinson oder Demenz.

    Was sind die Folgen einer schweren Kopfverletzung?

    Wenn durch den Aufprall sehr große Blutergüsse entstehen, schwillt das Gehirn stark an. Es baut sich großer Druck auf, die Blutversorgung des Gehirns wird blockiert. Mit einem künstlichen Koma fährt man den Stoffwechsel des Gehirns herunter, damit im Idealfall auch die Schwellung des Gehirns zurückgeht. In manchen Fällen wird auch ein Teil der Schädeldecke entfernt, damit das angeschwollene Gehirn mehr Platz hat und mit Blut versorgt werden kann. Ist die Schwellung zu groß, steht das Leben des Patienten auf des Messers Schneide.

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