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11.12.2018

Unter Starkstrom: Gehört der Formel E die Rennsportzukunft?

Keine andere Motorsportserie zieht so viele Autohersteller an. Die Boliden sind schnell, das Publikum ist jung.

Ein elektrisches Auto kommt Jean-Éric Vergne, dem amtierenden Weltmeister der Formel E, nicht ins Haus. „London, wo ich wohne, ist nicht bereit für Elektroautos“, sagt der 28-jährige Franzose, und fügt ohne zu zögern hinzu: „Und Paris ist es auch nicht.“

Als er sich in seinem Geburtsland einmal ein vollelektrisches Gefährt ausgeborgt hatte, habe er ewig lang nach einer Aufladestation gesucht. Mit dem letzten bisschen Strom dort hingerollt, habe die Station schließlich die Kartenzahlung verweigert. „Eine Katastrophe“, erinnert sich Vergne, „beim Thema Infrastruktur sind in erster Linie die Städte gefordert“.

Video: So funktioniert der neue Attack-Mode in der Formel E

Für die vollelektrische Formel-E-Rennserie, die an diesem Wochenende in ihre fünfte Saison startet, ist der ehemalige Formel-1- und Red-Bull-Kaderpilot aber voll des Lobes. „Es ist ein sehr netter Rennwagen. Vom Design her bricht es alle Regeln, die wir bisher kannten bei Rennwagen.“

Bei der zweiten Generation der Boliden haben die Ingenieure jedoch nicht nur auf die Optik geachtet. Sie sind schneller (280 statt 225 km/h Spitze) und effizienter als ihre Vorgänger. Ab sofort halten die Batterien ein ganzes Rennen lang, womit der bis dato notwendige und etwas befremdliche Fahrzeugtausch zur Rennmitte hinfällig wird.

Es fehlt noch an Emotion

Der Formel E dürfte die Zukunft gehören, zumindest wenn man nach den Autoherstellern geht, die unter Strom stehen. Zu den Pionieren gesellt sich heuer nun auch BMW mit einem Werksteam, in der nächsten Saison folgen Mercedes und Porsche. „Wir müssen die Menschen in die Elektroautos bringen“, sagt BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt. Der neuen Mobilität fehle noch die Emotion, meint der Manager. Die Formel E soll da Starthilfe leisten.

Die Rennserie verkauft sich als moderne und vernünftige Plattform, die zu den Fans in die Städte kommt. Sie hat gute Argumente dafür, wenngleich Vernunft und das Automobil nicht zwingend zusammengehören. Man denke an den Autokauf, Sportfahrwerke oder Geländewagen für die Innenstadt.

Grundvernünftig wirkt auch die Formel E nicht immer. Ausgerechnet der diesjährige Saisonstart sorgt für Irritationen. Der Auftakt steigt am Wochenende in Saudi-Arabien, das mit der Weltoffenheit so seine Probleme hat. Den Zehn-Jahres-Deal mit dem Wüstenstaat sollen sich die Verantwortlichen jedenfalls vergolden haben lassen.

Die Rennställe, die Dutzende Frauen in führenden Positionen haben, sind auf Sondergenehmigungen angewiesen, um den ePrix im totalitären Königreich über die Runden zu bringen. Mit Statements halten sich alle Protagonisten vornehm zurück, Titelträger Jean-Éric Vergne sagt nur so viel: „Das Wetter wird jedenfalls gut sein.“

Österreichs Beitrag

Der österreichische Beitrag zur Formel E ist ebenfalls nicht ganz unglücklich, dass er zum fragwürdigen Auftakt nicht Rede und Antwort stehen muss. Der Hightech-Konzern Voestalpine ist Titelsponsor der Europa-Rennen. Das in Linz ansässige Unternehmen glaubt an das Potenzial der Raserei aus der Steckdose, wie auch die Protagonisten.

„Die Hardcore-Fans werden immer die Tradition an der Formel 1 schätzen, aber die junge Generation kann uns gehören“, sagt Audi-Pilot Lucas di Grassi. Für die Jugend wird viel getan. An ein Videospiel erinnert der neue Attack Mode, bei dem die Piloten durch eine speziell markierte Aktivierungszone fahren und ihre Wagen mit Extraenergie aufladen können.

„Der Lärm und der Gestank sind nicht das, was mich am Motorsport fasziniert“, sagt daher auch Lucas di Grassi. Der 34-jährige Brasilianer ist ein Mann der ersten Stunde, der Ex-Formel-1-Fahrer (2010) wurde bereits 2014 elektrifiziert.

Video: Wer ist schneller: Ein Falke oder die Formel E?

Die großen Hersteller bringen nicht nur Know-how und Aufmerksamkeit in die Formel E, sondern allmählich auch die großen Namen des Motorsports. Formel-1-Vizeweltmeister Felipe Massa ist der prominenteste Debütant, Nissan versuchte (vergeblich) den Formel-1-müden Doppelweltmeister Fernando Alonso mit einer zweistelligen Millionengage zu ködern.

Piloten wie Jean-Éric Vergne entscheiden sich mittlerweile bewusst gegen die Formel 1. Der Franzose stand auf der Liste für das lang unbesetzte Toro-Rosso-Cockpit: „Für kein Angebot dieser Welt würde ich meine aktuelle Position verlassen, um ein Jahr bei Toro Rosso zu fahren. Das Auto wird immer so sein, wie es ist. Es ist gut für ein paar WM-Punkte. Aber für mehr auch nicht.“