Große Ziele: Toto Wolff, 41, möchte dazu beitragen, die Silberpfeile zum Weltmeistertitel in der Königsklasse zu führen.

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Toto Wolff: "Ein grässlicher Vorname“
05/11/2013

Toto Wolff: "Ein grässlicher Vorname“

Der Wiener Toto Wolff zieht eine erste Bilanz als Mercedes-Motorsportchef.

von Florian Plavec

Nico Rosberg vor Lewis Hamilton: Beim Grand Prix von Spanien (Start 14 Uhr) stehen zwei Mercedes-Silberpfeile in der ersten Startreihe. Jubel in der Mercedes-Box, auch Motorsportchef Toto Wolff kann zufrieden sein. Der Wiener ist beim ersten Europa-Rennen des Jahres in Barcelona ein gefragter Mann. Gespräche mit Geschäftspartnern, Meetings, Interviews. Seit Jänner hat er das Amt bei Mercedes inne, 30 Prozent hält er am deutschen Formel-1-Team.

Der 41-Jährige ist mit der schottischen Rennfahrerin Susie verheiratet, die Testpilotin bei Williams ist. Bei jenem Team, an dem er seit 2009 Anteile besitzt. Den größten Erfolg der jüngeren Vergangenheit feierte Williams vor genau einem Jahr in Barcelona, als Pastor Maldonado gewann.

„Wow! Das waren Emotionen“, erinnert sich Wolff. „Zuerst der unerwartete Sieg, und dann gab es dieses riesiges Feuer in der Box.“ Doch die Vergangenheit ist kein Thema mehr, Wolffs Gegenwart heißt Mercedes.

KURIER: Sie sind seit knapp vier Monaten Motorsportchef von Mercedes. Wie hat sich Ihr Leben verändert? Toto Wolff: Ich habe meinen Arbeitswohnsitz mit meiner Frau nach Oxford verlegt. Sie fährt 20 Minuten in den Süden zu Williams, ich fahre 20 Minuten in den Norden zu Mercedes. Mein Arbeitsaufwand ist riesengroß. Die größte Umstellung ist für mich aber die Medienarbeit. Bei Mercedes muss man genau abwägen, wie man sich positioniert und was man sagt.

Hat Sie das überrascht? Ja. Aber mit Mercedes vertrete ich eine der besten Marken der Welt und den besten Automobilhersteller. Das polarisiert. Man wird in den Himmel gelobt und mit Füßen getreten. Da muss man eine dicke Haut entwickeln.

Inwiefern? Im Vergleich zu früher bin ich fast ein Big-Brother-Phänomen, aber hoffentlich mit mehr Substanz. Durch die mediale Präsenz bin ich in kurzer Zeit extrem exponiert geworden. Das ist etwas, was in meinen Augen negative Effekte haben kann. Die einzige, die sich über mein Foto in der Zeitung freut, ist meine Mutter.

Was haben Sie bei Mercedes schon bewirkt? Wie gehen Sie an Ihre Aufgabe ran? Wie an eine Umstrukturierung in einem herkömmlichen Unternehmen, das nicht so performt hat, wie es hätte sollen. Hier ist es das Rennergebnis, in einem anderen Unternehmen sind es Kennzahlen. Da muss man analysieren: Sind die besten Leute in ihrem besten Kompetenzbereich? Wie strukturiert man um? Es geht darum, ein Puzzle zusammenzufügen.

Ist das Ihr Traumjob? Ja. Ich muss mich jeden Tag in der Früh zwicken. Ich habe das Glück, dass ich den Motorsport mit dem Investment-Geschäft verbinden kann. Ich habe die Chance, dazu beizutragen, den Silberpfeil zum Weltmeister zu machen. Das sehe ich als eines meiner Ziele.

Wie wichtig ist die wirtschaftliche Entwicklung des Teams im Vergleich zur sportlichen? Das eine kommt nach dem anderen. Das ist das Charmante an dem Business-Modell Formel 1: Die Rechte-Einnahmen steigen, wenn man sportlich erfolgreich ist. Sportlicher Erfolg ist ein Investment in die finanzielle Zukunft des Teams.

Wie eng ist Ihre Zusammenarbeit mit Niki Lauda? Sehr eng. Niki Lauda ist Aufsichtsratsvorsitzender, ich komme mit ihm sehr gut aus. Niki hat den Zug aufs Tor, ist sehr direkt und schnell. Ich bin vielleicht von meiner Art zu managen ein bisschen auf der vorsichtigen Seite. Die Kombination aus uns beiden funktioniert.

Können Sie mit Ihrer Frau noch über Motorsport reden, oder gibt es Betriebsgeheimnisse? Ich habe das große Glück, dass ich mit meiner Frau über Autos reden kann. Aber wir haben Bereiche, die wir nicht diskutieren. Sie ist in die Entwicklungsarbeit des Williams involviert, und es gibt Themen, auf die ich sie nicht anspreche. Umgekehrt macht sie es auch nicht.

Sie sind selbst schon Auto­rennen gefahren. Würde es Sie reizen, einen Ihrer Formel-1-Silberpfeile steuern?Nein. Der Gedanke ist mir noch nie gekommen. Wenn der Mercedes-Motorsportdirektor mit einem Formel-1-Auto durch die Gegend fahren würde, würde er sich lächerlich machen. Um so ein Auto zu fahren, braucht man ganz andere Fähigkeiten, als ich sie habe. Da schieß ich mir doch selbst ins Knie.

Zum Abschluss: Warum nennt man Sie Toto? Ich habe einen grässlichen richtigen Vornamen. Ich weiß nicht, was meinen Eltern eingefallen ist, aber sie haben mich Torger-Christian genannt. Und den Torger kann man leider gar nicht aussprechen und zu einem Kleinkind passt’s auch nicht. So ist meine Familie bald draufgekommen, dass der Name ein Fehlgriff war, und der Toto besser passt.

Mercedes in Reihe eins

Die erste Startreihe im Formel-1-Grand-Prix von Spanien glänzt silbern. Mercedes fuhr auf dem Circuit de Catalunya die dritte Pole Position in Serie ein - und das auf überlegene Art und Weise. Nico Rosberg startet am Sonntag (14.00 Uhr/live ORF eins, RTL und Sky) neben seinem Teamkollegen Lewis Hamilton von Platz eins. Die Favoriten sind ob des hohen Reifenverschleiß der Mercedes aber andere.

Also war Weltmeister Sebastian Vettel auch mit seinem dritten Platz sehr zufrieden. Es könnte die "Pole Position" in einem eigenen Rennen sein - jenem gegen seine schärfsten WM-Rivalen Kimi Räikkönen und Fernando Alonso, die unmittelbar hinter ihm landeten. "Wenn man sich die Rundenzeiten ansieht, die die Mercedes im Qualifying aufgeschlagen haben, war das unser Optimum", meinte Vettel.

Rückstand

Mehr als drei Zehntelsekunden verlor der Red-Bull-Star auf Rosberg, erhielt aber dennoch Sonderlob von seinem Motorsportchef Helmut Marko: "Das war eine ganz, ganz außerordentliche Runde von Sebastian, eigentlich optimal." Als Dritter startet Vettel wie Alonso von der sauberen Seite des Kurses. Den Druck sieht Marko beim Spanier, der in der WM bereits 30 Punkte hinter Spitzenreiter Vettel liegt. "Von der psychologischen Seite her ist es sehr schwierig für ihn."

Seit Juli 2012 ist Alonso nicht mehr auf Pole gestanden - für sein Heimrennen hatte er als Mitfavorit darauf gegolten. "Wir wissen, dass wir bei den Longruns besser aussehen", beruhigte Alonso. "Unsere Zeit kommt am Sonntag." Geheimfavorit ist Räikkönen mit seinem besonders reifenschonenden Lotus. Der Finne ist mit zehn Punkten Rückstand Vettels erster WM-Verfolger.

Rosberg-Pole

Über Startplatz eins lächelte Rosberg, wie er es zuletzt schon in Bahrain getan hatte. Mit der zweiten Pole Position in dieser Saison zog der Deutsche mit Landsmann Vettel gleich, trat aber sofort auf die Euphoriebremse. "Es ist ein Motivationsschub, aber wir müssen vorsichtig sein. In Bahrain war ich auch auf Pole, aber im Rennen ist gar nichts mehr gegangen." Platz neun lautete das enttäuschende Endergebnis, Hamilton wurde zumindest Fünfter.

Der Brite hatte lange Zeit auch das Qualifying in Montmelo dominiert, war im ersten und im zweiten Abschnitt jeweils der Schnellste. Im Finale knallte dann aber Rosberg in 1:20,718 Minuten die schnellste Runde in den dank 21 Grad und Sonnenschein relativ heißen Asphalt. "Das ist kein Problem, Nico war einfach schneller", sagte Hamilton. "Unsere Sorge ist der Abbau der Reifen."

Angst vor Deja-vu

Der hat sich in den vergangenen Rennen bei Mercedes besonders gezeigt. Auch in den freien Trainings bekundeten die Silberpfeile in den Longruns Probleme. "Man soll sich nicht schlecht reden, aber ich fürchte mich ein bisschen vor einem Deja-vu von Bahrain", gestand Motorsportchef Toto Wolff. "Die Ein-Runden-Performance stimmt, jetzt müssen wir schauen, ob sie auch im Rennen stimmt."

Viel deutet nicht darauf hin, dass Mercedes die Leistung auch im Rennen bestätigen kann. Wolff: "Die Reifen sind so unvorhersehbar, ich halte mich mit Aussagen zurück." Auf jeden Fall ist der Umgang mit den sensiblen Pirelli-Pneus weiterhin der Schlüssel zum Erfolg. In Katalonien ist der körnende Abrieb ("Graining") besonders stark - im Gegensatz zum Vorjahressieger. Pastor Maldonado kam im Williams - das Traditionsteam ist in dieser Saison noch punktlos - nicht über Startplatz 18 hinaus.

Massa zurückversetzt

Ferraris Felipe Massa ist am Samstag wegen Behinderung von Red-Bull-Pilot Mark Webber im Qualifying für den Formel-1-Grand-Prix von Spanien um drei Startplätze zurückversetzt worden. Der Brasilianer nimmt das Rennen damit nicht neben seinem Teamkollegen Fernando Alonso von Position sechs, sondern von Platz neun aus in Angriff. Davon profitierten Romain Grosjean im Lotus, Webber und Sergio Perez im McLaren.

Auch der mexikanische Rookie Esteban Gutierrez im Sauber musste wegen Behinderung drei Startplätze zurück - von 16 auf 19. Vorjahressieger Pastor Maldonado erbte damit einen Rang.

Fahrerwertung

Konstrukteurswertung

Name Land Team Zeit
1. Nico Rosberg (GER) Mercedes 01:20,7
2. Lewis Hamilton (GBR) Mercedes 01:21,0
3. Sebastian Vettel (GER) Red Bull 01:21,1
4. Kimi Räikkönen (FIN) Lotus 01:21,2
5. Fernando Alonso (ESP) Ferrari 01:21,2
6. Felipe Massa (BRA) Ferrari 01:21,2
7. Romain Grosjean (FRA) Lotus 01:21,3
8. Mark Webber (AUS) Red Bull 01:21,6
9. Sergio Perez (MEX) McLaren-Mercedes 01:22,1
10. Paul di Resta (GBR) Force India 01:22,2
11. Daniel Ricciardo (AUS) Toro Rosso 01:22,1
12. Jean-Eric Vergne (FRA) Toro Rosso 01:22,2
13. Adrian Sutil (GER) Force India 01:22,3
14. Jenson Button (GBR) McLaren-Mercedes 01:22,4
15. Nico Hülkenberg (GER) Sauber 01:22,4
16. Esteban Gutierrez (MEX) Sauber 01:22,8
17. Valtteri Bottas (FIN) Williams 01:23,3
18. Pastor Maldonado (VEN) Williams 01:23,3
19. Giedo van der Garde (NED) Caterham 01:24,7
20. Jules Bianchi (FRA) Marussia 01:24,7
21. Max Chilton (GBR) Marussia 01:25,0
22. Charles Pic (FRA) Caterham 01:25,1