Sport | Motorsport
01.08.2017

Motorsport: Das Rennen um die Zukunft

Die Autohersteller ordnen ihre Motorsport-Strategien neu, Formel 1 und Formel E sind die Gewinner.

Dreiste Abgasmanipulationen, umfassende Preisabsprachen, drohende Fahrverbote und selbstbewusste Konkurrenten wie Apple und Google aus dem Silicon Valley – die Autobranche erlebt gerade turbulente Zeiten. Wer denkt da noch an den Motorsport?

Erstaunlich viele.

Verändert haben sich freilich die Beweggründe für die Raserei. Ferry Porsche, legendärer Ingenieur aus Österreich, betonte vor Jahrzehnten: "Ohne Sport ist kein technischer Fortschritt denkbar. Er ist der Träger für Entwicklung. Die extremen Beanspruchungen bei Rennen lassen bald Schwachstellen erkennen und regen damit den Techniker an, neue, bessere Wege zu suchen."

Früheres Forschungslabor

Der Rennsport als rasende Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Automobilkonzerne? Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei. Zu unterschiedlich sind die Ansprüche an Rennwagen und Straßenautos.

Viel eher trifft es die gewohnt schonungslose Einschätzung von Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Befragt zu dem konsequenten und kostspieligen Einsatz von Mercedes in der Formel 1, antwortete der Grazer vor Jahren: "Die sind nicht zum Spaß hier, sondern wollen von ihrem Altherren-Image wegkommen."

Markenpflege und Imagewerte sind für die großen Herstellern längst so wichtige Begriffe wie Treibstoffverbrauch und Sonderausstattung. Die zentrale Fragen dabei lauten: Wie und wo erreicht man am besten bestehende und künftige Kunden? Und zwar sowohl 2018 als auch 2025?

Beliebter Kurzschluss

Neu beantwortet haben die Fragen in dieser Woche zwei Luxusmarken. Während Mercedes Ende 2018 aus dem Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) aussteigt, beendet Porsche bereits mit dieser Saison das Engagement in der Langstrecken-WM, deren emotionaler Höhepunkt Jahr für Jahr das 24-Stunden-Rennen von Le Mans bildet.

Beide Hersteller haben rasch ein neues Betätigungsfeld gefunden. Ab 2019 treten Mercedes und Porsche in der vollelektrischen Formel E an und werden dort mit BMW (ab 2018) und Audi (ab Dezember 2017) auf alte Bekannte treffen. Dementsprechend groß ist die (Vor-)Freude bei den Verantwortlichen der Formel E: "Die elektrische Evolution geht weiter, und die Formel E bleibt die Meisterschaft für diese Revolution", sagt Geschäftsführer Alejandro Agag.

Für Benzinbrüder hat die lautlose Hatz durch Hongkong, Berlin, New York oder wie derzeit durch Montreal nur wenig mit Motorsport zu tun, für die Autokonzerne ist es eine Wette auf die Zukunft der Mobilität. Und zwar eine vergleichsweise günstige. Das Saisonbudget für die derzeit noch stark auf Einheitsteile ausgerichtete Formel E macht einen Bruchteil von den Etats der etablierten Rennserien aus. Für den dritten Le-Mans-Sieg nacheinander musste Porsche heuer eine Viertelmilliarde Euro locker machen, das DTM-Projekt der Silberpfeile verschlingt 50 Millionen.

Begehrte Königsklasse

Frei werdende Budgetposten könnten in die Formel 1 fließen, die Königsklasse scheint immun zu sein gegen alle Sparzwänge. Während die Langstrecken-WM in der Hauptkategorie LMP1 seit 2015 jedes Jahr einen Hersteller verloren hat, erlebt die Formel 1 unter der neuen Führung eine Renaissance.

Zu den vier aktuellen Herstellern könnten 2021 dank eines neuen Reglements weitere hinzukommen. Als Motorenlieferant ist Porsche im Gespräch.

Ausgerechnet ein Nachbar hat die Stuttgarter ins Grübeln gebracht. Dank der Formel-1-Erfolge erzielte Mercedes allein im Jahr 2014 weltweit einen Werbewert von 2,2 Milliarden Euro.