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Sport Motorsport
01/01/2019

Matthias Walkner: "Wenn du übers Limit gehst, tut es weh"

Warum der Dakar-Sieger nicht an die Titelverteidigung glaubt, weniger Risiko eingeht und wie der Erfolg sein Leben veränderte.

von Christoph Geiler

Am 7. Jänner startet in Lima die 39. Auflage der Rallye Dakar. Die Hauptstadt Perus ist zehn Tage später auch der Zielort. Motorrad-Pilot Matthias Walkner, 32, wird nach seinem Sieg im Vorjahr das Rennen mit der Startnummer eins in Angriff nehmen.

KURIER: Wie sehr hat der Dakar-Sieg Ihr Leben verändert?

Matthias Walkner: Es hat sich im letzten Jahr g’scheit was getan. Man merkt, dass ich jetzt viel öfter erkannt und angesprochen werde. Und dabei habe ich das Gefühl, dass mir eine große Wertschätzung entgegengebracht wird für das, was ich geleistet habe.

War Ihnen vorher bewusst, was für einen Stellenwert ein Sieg bei der Rallye Dakar hat?

Dass die Dakar international einen großen Stellenwert hat, war mir schon klar. Nicht umsonst ist das die größte Motorsportveranstaltung der Welt. Was ich aber nicht geglaubt hätte: wie viele Leute in Österreich die Dakar mitverfolgen.

Warum übt diese Veranstaltung selbst auf Nicht-Motorsportexperten so eine große Faszination aus?

Weil die Dakar einerseits ein Extremsport ist, zugleich aber auch sehr greifbar und nachvollziehbar. Jeder kann mit 5000 Höhenmetern oder mit 40 Grad plus etwas anfangen. Man kann sich auch vorstellen, wie es ist, im Sand zu fahren oder was es heißt, 1000 Kilometer am Tag auf dem Motorrad zu fahren. Das ist bei anderen Sportarten wie beispielsweise Wingsuit-Fliegen schon schwieriger.

Liegt’s vielleicht auch daran, dass in Ihrem Sport die Gefahr viel offensichtlicher ist als etwa in der Formel 1?

Das stimmt sicher, in der Formel 1 sind inzwischen 70 Prozent der Ausläufe asphaltiert, da passiert vergleichsweise wenig. Bei der Dakar ist das leider anders. Es ist zwar in den letzten Jahren besser geworden, weil die Motorräder heute leichter und dadurch sicherer sind, aber die Routen sind noch immer die gleichen. Wir fahren durch Dünen und auf Schotterstraßen, das wird immer gefährlich bleiben. Deshalb habe ich mich auch so gewissenhaft vorbereitet, damit ich das Risiko in Grenzen halten kann.

Wie leicht ist Ihnen überhaupt die Motivation gefallen? Immerhin haben Sie sich Ihren Lebenstraum bereits erfüllt.

Ich bin voll motiviert. Ich habe den Unterschied erlebt zwischen dem zweiten Platz 2017 und dem Sieg 2018. Das waren Welten. Wenn dir Didi Mateschitz oder Stefan Pierer (KTM-Chef, Anmerkung) persönlich gratulieren, dann weißt du, dass du etwas Besonderes erreicht hast. Ich möchte das am liebsten noch einmal erleben und wiederholen. Aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass ich die Dakar noch einmal gewinnen werde.

Warum das?

Okay, letztes Jahr habe ich auch nicht geglaubt, dass ich gewinnen werde. Ich weiß schon, dass ich zum Kreis der Sieganwärter gehöre, aber es gibt bei einer Dakar einfach so viele Faktoren, die du nicht beeinflussen kannst. Was heuer noch dazukommt: Der Großteil wird auf Sand und in Dünen gefahren, und das liegt mir nicht.

Was macht das Fahren in den Dünen so schwierig?

In der Wüste ist es immer extrem uneinsichtig. Du weißt nie, was daherkommt und welche Überraschung hinter einer Düne wartet. Da braucht es extrem viel Risikobereitschaft. Bin ich jetzt bereit, oben einen Meter rauszuspringen oder zwölf? Du hast keine Ahnung, ob es dahinter fünf oder 30 Meter runtergeht. Das große Problem ist: Da sind Hunderte Dünen, die alle genau gleich aussehen. Eine wie die andere.

Ist das nicht langweilig?

Und wie. Für einen, der das noch nie gemacht hat, ist es vielleicht lustig, aber ich finde das Dünenfahren sehr anstrengend. Du hast keinen Kontrast, siehst nur Sand, und wenn die Sonne hoch steht, kannst du die Bodenwellen nicht erkennen. Da musst du immer mit dem Kopf bei der Sache sein.

Haben Sie heute einen anderen Zugang? Scheuen Sie mittlerweile das Risiko?

Ich versuche sowieso, nie über das Ziel hinauszuschießen. Zumindest mache ich das nicht bewusst. Wenn du übers Limit gehst, geht das nie gut aus – und es tut weh. Die Risikobereitschaft, die ich vor vier Jahren noch hatte, die habe ich heute ganz bestimmt nicht mehr.

Hat das mit Ihrem Sturz 2016 zu tun, als Sie sich den Oberschenkel gebrochen haben?

Bis zu dem Sturz hatte ich mir nur einmal das Kreuzband gerissen. Da war nichts dabei, was mir den Schneid abgekauft hätte. Es ist nie etwas Wildes passiert, weil ich meine Grenzen gut kenne. Aber damals habe ich ein Loch übersehen – und dann hat es mich erwischt. So etwas will ich nicht noch einmal erleben.

Sie fahren nun anders?

Ich bin viel mehr auf der Hut und weiß, dass überall Gefahren lauern. Daher weiß ich auch besser einzuschätzen, wann und wo es dafür spricht, Gas zu geben. Und wann es besser ist, auf Nummer sicher zu gehen und ökonomischer zu fahren. Wenn ich etwas gelernt habe, dann: Du darfst bei der Dakar keine Energien verschwenden.

Nennen Sie ein Beispiel.

Du musst am Abend eine Schlaftablette nehmen. Man kann sich nicht vorstellen, was für ein Lärm im Fahrerlager herrscht. Und zwar die ganze Nacht. Bei meiner ersten Dakar habe ich noch gedacht: Hey, ich bin 27, topfit, was soll schon sein, wenn ich einmal zwei Wochen etwas weniger schlafe?

Und was ist passiert?

Wenn du keine Nacht vor eins einschläfst und um vier schon wieder raus musst, dann schlaucht dich das voll. Dann wird die Dakar richtig lang. Meine erste Dakar war mit Abstand die härteste. Natürlich, der Sturz 2016 war für mich schmerzhafter und tragischer, aber von der Belastung her kommt nichts an die erste Dakar heran.

Können Sie eigentlich die Fahrt auch genießen? Wie intensiv nehmen Sie die Landschaft wahr, in der Sie unterwegs sind?

Natürlich kriegt man das mit, zum Beispiel die geilen Canyons in Argentinien und Chile. Mich fasziniert auch immer die Atacama-Wüste. Da fährst du 50 Kilometer im Nirgendwo, und auf einmal beginnt die Wüste zu blühen. Du siehst nur violette Blumen und denkst dir: ,Wie kann’s so etwas geben?‘ Diese Eindrücke nimmt man mit, genauso wie die 600.000 Zuschauer in Bolivien. Die sind so fanatisch, die schreien und springen erst im letzten Moment weg.

Ist das nicht gefährlich? Nämlich auch für Sie als Fahrer?

Nein, nein, das ist motivierend. Die machen so einen Wirbel, das pusht extrem.

Und was ist mit Tieren? Ist Ihnen noch nie etwas in die Quere gekommen?

Mir ist schon oft was reingelaufen, aber es war nie so schlimm, dass ich gestürzt wäre. Ich habe ein Lama und einen Esel gestreift, und im Training in Dubai sind nach einer Düne plötzlich Kamele im Weg gestanden. Ich habe laut geschrien. Das hätte blöd ausgehen können – für das Kamel, aber auch für mich.

Was wäre für Sie die Horrorvorstellung bei der Dakar?

Dass ich mir so sehr weh tu’, dass es mein Leben einschränkt. Aber daran denke ich beim Fahren nicht. Darfst du auch nicht. Ich weiß, was ich mache. Ich weiß, dass das gefährlich ist. Aber ich versuche alles, um das Risiko so gering wie möglich zu halten.

Sie sind jetzt 32, wie lange wollen Sie noch weiterfahren?

Mein rechtes Knie ist kaputt, seit dem Sturz 2016 habe ich kein Kreuzband mehr. Wenn ich noch fünf Jahre mit dem Knie weiterfahre, dann brauch’ ich spätestens mit 50 ein künstliches Kniegelenk. Ich glaube auch, dass es auf diesem Niveau maximal noch fünf Jahre geht. Länger schaffe ich es auch vom Kopf her nicht. Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Energie das kostet. Aber ich will mich nicht beschweren.

Sie haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht.

Seit ich Werksfahrer bin, habe ich ein lässiges Leben. Ich verdiene das erste Mal in meinem Leben Geld und kann von dem, was ich am liebsten mache, gut leben. Ich weiß das zu schätzen, weil ich 15 Jahre lang das genaue Gegenteil hatte. Und mir taugt es, dass sich so viele Menschen mit mir mitfreuen. Das hätte ich nie gedacht.

Sie sind ja nicht irgendjemand, Sie sind Dakar-Sieger.

Es sollen andere beurteilen, welchen Stellenwert das hat. Mir hat gefallen, was Marcel Hirscher gesagt hat: Er hat gemeint, die Dakar wäre das letzte große Abenteuer. Und das trifft’s ganz gut.

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