Jochen Rindt vor seinem Lotus 72 beim Training am Freitag.

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Sport Motorsport
09/04/2020

Jochen Rindt: Anfang und Ende einer Legende

Der Draufgänger und Charismatiker starb vor 50 Jahren beim Training zum Formel-1-Lauf in Monza wegen eines Materialfehlers. Posthum wurde der 28-jährige Steirer Weltmeister.

„Ich fühle, dass ich persönlich gut genug bin, also keinen Fehler zu machen, bin aber nicht sicher, ob ich das Auto kontrollieren kann, falls am Auto etwas schiefgeht.“ Das sagte Jochen Rindt im Juli 1970.

Im Abschlusstraining zum Großen Preis von Italien in Monza am Samstag, 5. September 1970, ging um 15.25 Uhr am Lotus 72 von Jochen Rindt wirklich etwas schief. Der 28-Jährige hatte bei dem Unfall keine Chance: Er ist sofort tot.

Knapp eine Stunde vorher: Rindt kommt gegen 14.30 Uhr, 30 Minuten vor dem offiziellen Beginn des Abschlusstrainings, das bis 18 Uhr dauern sollte, in das Motodrom von Monza. Er führt die Wertung nach neun Läufen souverän mit fünf gewonnenen Rennen und 45 Punkten an. An der Lotus-Box trifft er den ORF-Mann Lucky Schmidtleitner und gibt um 15.05 Uhr das letzte Interview.

„Nur schnell drei Runden“

„Wir haben also die Aufnahmen für ,Motorama‘ (ORF-Sendung, Anm.) gemacht, und die haben schon die Maschinen gestartet fürs Training. Und wir haben also da noch irgendeine Überleitung gemacht, und ich sage: ,Ich glaub’, das ist zu laut.‘ Sagt er: ,Horch’s dir einmal an, ich fahr’ drei Runden, bin gleich wieder da.‘ Er ist nicht mehr gekommen ...“, erinnerte sich Schmidtleitner.

Nach dem Interview fährt Rindt gegen 15.15 Uhr mit seinem Lotus 72 auf die Strecke. In den ersten Runden ist er in der Parabolica noch hinter dem Wagen von Dennis Hulme. Rindt dreht mit dem Lotus 72, auf dem der Heckflügel abmontiert war und auch die beiden Frontflügel abgenommen worden waren, zunächst vier Runden, in denen er sich von 1:40,78 auf 1:27,59, 1:27,24 und dann auf 1:26,75 steigert. Alles schien normal, nichts deutete auf die nahe Tragödie.

Anprall mit 200 km/h

Doch in der fünften Trainingsrunde passiert es. Rindt hatte nach den Lesmo-Kurven Hulme überholt, dieser folgt Rindt durch die Vialone-Linkskurve auf die lange Gerade, der Zufahrt zur Parabolica-Kurve, mit rund 300 km/h. Beim Anbremsen gerät der Wagen von Rindt plötzlich nach links und prallt mit etwa 180 bis 220 km/h gegen und unter die Leitschienen. In diesem Augenblick wird die ganze Frontpartie des Lotus 72 einschließlich der Radaufhängung und der Lenkung weggerissen. Das Wrack wird in die sandige Auslaufzone der Parabolica-Kurve geschleudert und wirbelt eine große Staubwolke auf.

Noch während sich diese wieder legt, eilen vier Streckenposten zum Wrack und bergen den bereits leblosen Rindt. An der Lotus-Box haben Nina Rindt, Colin Chapman sowie die Mechaniker nichts von dem Unfall vor der Parabolica-Kurve mitbekommen. Hulme steuert sofort die Lotus-Box an. Er berichtet vom Unfall, Bernie Ecclestone und Mechaniker Eddie Dennis laufen in Richtung Parabolica-Kurve los. Als sie an der Unglücksstelle ankommen, ist Rindt bereits weggebracht worden. Ein Streckenposten deutet Eddie Dennis an, dass Rindt bereits tot ist.

Rindts Freund Jackie Stewart ist in dem Moment in seiner Tyrrell-Box. „Peter Gethin deutete mir, zu seinem Wagen zu kommen, und er sagte mir: ,Ein schwerer Unfall. Ich denke, es ist Jochen.‘“ Stewart geht sofort zu Nina Rindt und versucht, sie zu beruhigen. Dann will er nähere Informationen erhalten. „Ich ging zum Turm der Rennleitung, um mit dem Streckenverantwortlichen zu sprechen. Und ich fragte ihn: ,Jochen Rindt hatte einen Unfall bei der Parabolica. Ist alles o. k.?‘ Und er antwortete: ,Ja. Ich denke, ja‘, aber er war sehr abweisend. Ich fragte weiter: ,Wo ist er, und wohin wurde er gebracht?‘ Aber er wollte nicht darüber reden.“

Schreckliche Gewissheit

Jackie Stewart eilte vom Turm der Rennleitung in den Innenteil des Motodroms. „Ich lief herum, um zu sehen, wo ich Jochen finden konnte, und schließlich sah ich Jochen. Und er war im Freien, und da war niemand dort. Er lag auf dem hinteren Teil eines kleinen Transporters. Und ich glaubte, ich kann nicht glauben, was ich sehe. Und dann realisierte ich, dass Jochen tot sein muss.“

Falschmeldungen

Gegen 17.05 Uhr kommt die offizielle Bestätigung: „Jochen Rindt verunglückte um 15.25 Uhr, er ist in das Spital von Mailand gebracht worden und dort seinen schweren Verletzungen erlegen.“

In den ersten Stunden nach dem Unfall kursieren in Monza viele Falschmeldungen über Unfallhergang und -ursache. So wird in den ersten Agenturmeldungen kolportiert, Rindts Wagen hätte vor dem Anprall ein Rad verloren, oder er sei zweimal gegen die Leitschienen geprallt. Tatsache ist aber definitiv, dass der Lotus nur einmal mit der Front gegen die Leitschiene geprallt ist, anschließend allerdings bei den Kreiselbewegungen nur leicht mit dem Heck noch einmal angeschlagen ist, wobei geringfügige Beschädigungen entstanden sind.

Herstellungsfehler

Eine gebrochene rechte Bremswelle wird in Monza am 5. September 1970 allerdings sofort als mögliche Unfallursache in Betracht gezogen. Deshalb wurden von der Straßenpolizei Arcore und der Staatsanwaltschaft Mailand sofort Ermittlungen eingeleitet. Diese Analysen und Rekonstruktionen wurden erst mit dem Urteil des Gerichts im Monza vom 30. April 1976 beendet: „Die Prüfung des Wracks hat ergeben, dass die Ursache des Unfalles im Bruch der rechten vorderen Halbwelle zu suchen ist. Dieser wurde von einer fehlerhaften Wärmebehandlung des Teiles verursacht, also von einem Herstellungsfehler“, heißt es in dem Urteil, das dem Rindt-Experten Erich Walitsch aus Klosterneuburg vorliegt.

FORMEL 1: GRAZER JOCHEN-RINDT-GEDENKJAHR MIT STRASSENBAHN ERÖFFNET

Toter wird Weltmeister

Rindt war, wie die Obduktion zwei Tage später ergab, nach dem Anprall durch Hals- und Wirbelsäulenverletzungen, innere Organzerreißungen, Brüche beider Beine und die teilweise Abtrennung des linken Unterschenkels im Bereich des Sprunggelenkes sofort tot.

Nach Monza kann niemand in den verbliebenen drei Rennen die 45 Punkte von Jochen wettmachen. Er wurde als Toter zum Weltmeister gekürt, und seine Witwe Nina übernahm den Weltmeisterpokal.

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Der Sohn eines Deutschen und einer Steirerin wurde am 18.4.1942 in Mainz geboren. Die Eltern starben bei einem Bombenangriff, Rindt wuchs bei den Großeltern in Graz auf. 1965 fuhr er sein erstes Formel-1-Rennen, Monza wäre sein 61. WM-Lauf gewesen.

Er starb im Training am 5. 9. 1970. Er wurde posthum Weltmeister. Den Pokal nahm seine Witwe entgegen. Im März 1967 hatten Rindt und die Finnin Nina Lincoln geheiratet
 

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