Erinnerungs-Reich: In der ehemaligen Wohnung von Roland Ratzenberger leben nun seine Eltern, Margit und Rudolf.

© /Harald Saller

Formel 1
04/27/2014

Ratzenbergers: "Roland wird immer mit uns leben"

Erinnerungen: Vor 20 Jahren verunglückten Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola.

Mitte April 1994 erfüllt sich Roland Ratzenberger einen seiner größten Träume: Der Salzburger kauft eine schmucke Wohnung im Stadtteil Maxglan. Der damals 33-Jährige kommt nur nicht mehr dazu, sie einzurichten. Am 30. April ist Ratzenberger tot.

Der Formel-1-Pilot verunglückt im Qualifying zum Großen Preis von San Marino in Imola. Sein Simtek-Ford kracht nach einem Bruch des Frontflügels bei einer Geschwindigkeit von rund 300 km/h in die Mauer. Der an die Unfallstelle herbeigeeilte Rennarzt Sid Watkins kann ihm nicht mehr helfen.

Allgegenwärtig

Es ist der tragische Beginn eines tragischen Rennwochenendes: Nur einen Tag später kommt der dreifache brasilianische Weltmeister Ayrton Senna ebenfalls ums Leben.

Heute leben die Eltern von Roland Ratzenberger, Margit und Rudolf, in dessen Wohnung. Ein Besuch zeigt, dass ihr Sohn allgegenwärtig ist. Fotos, Pokale und Modelle seiner Rennwagen zieren das Wohnzimmer. "Roland wird immer mit uns leben", sagt Vater Rudolf, der in der Pensionsversicherungsanstalt gearbeitet hatte und nun den Ruhestand genießt.

Der heute 81-Jährige ist im Stress, wie er sagt. Journalisten aus dem In- und Ausland rufen ihn an, um über seinen Sohn zu berichten. "Ich spreche gerne mit den Journalisten. Für mich ist das eine Art der Trauerbewältigung." Seine Frau und er besuchen regelmäßig das Grab auf dem Maxglaner Friedhof, das auch zwanzig Jahre nach dem Unfall Fans anzieht.

Als der in Obergnigl aufgewachsene Roland Ratzenberger seinen Eltern sagt, dass er Rennfahrer werden wolle, sind diese alles andere als begeistert. "Ich wollte, dass er die HTL absolviert und einen technischen Beruf erlernt. Er musste aber in der vierten Klasse die Schule verlassen", sagt Vater Rudolf.

Der Junior habe sich nicht von seiner Idee abbringen lassen. "Er war sehr ehrgeizig, zielstrebig und geschäftstüchtig. Er wollte sich von uns nicht helfen lassen."

Roland Ratzenberger arbeitet unter anderem als Instruktor und Mechaniker in der Rennfahrerschule von Walter Lechner. "Er schraubte oft bis zum Umfallen. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, um etwas Vernünftiges zu essen", erinnert sich der Vater. In Italien lehrt Ratzenberger Bodyguards von reichen Leuten, Autos in Grenzsituationen zu beherrschen. Mit dem verdienten Geld finanziert er sich seine Leidenschaft: das Rennfahren.

Im Jahr 1980 macht Roland Ratzenberger das erste Mal auf sich aufmerksam. Der damals 20-Jährige gewinnt die Jim Russell Trophy. Drei Jahre später folgt der erste Sieg in der Formel Ford auf dem Nürburgring. 1986 gewinnt er als bisher einziger deutschsprachiger Rennfahrer beim Formel-Ford-Festival im englischen Brands Hatch. Seine Eltern verfolgen das Geschehen von Salzburg aus. "Ich war nur bei einem Rennen in der Formel Ford dabei", sagt der Vater.

1989 erfolgt der nächste Karriereschub: Roland Ratzenberger wird der erste europäische Werksfahrer bei Toyota. Er pendelt zwischen Japan und Europa, in einer japanischen Bar kommt es zu einer brenzligen Situation: Ein Mann bedroht Ratzenbergers Rennfahrerkollegen Heinz-Harald Frentzen mit einem Messer. Der Salzburger entschärft die gefährliche Angelegenheit.

Erfüllung

Seinen großen Plan von der Formel-1-Karriere hat er damals fast aufgegeben, schließlich ist er bereits über 30 Jahre alt. Erst über Beziehungen zu Barbara Behlau, der Inhaberin einer Kultur- und Sportagentur in Monaco, erfüllt sich sein Traum: Sie finanziert ihm den Formel-1-Einstieg beim Team Simtek – vorerst für fünf Rennen in der Saison 1994. Im unterlegenen Wagen des englischen Rennstalls verpasst er die Qualifikation für das Rennen im brasilianischen Interlagos. Beim zweiten Rennen in Japan schafft Ratzenberger den Sprung ins Starterfeld – und wird Elfter.

Das dritte Rennen findet in Imola statt, die fatalen Ereignisse nehmen ihren Lauf. "Ich habe mich immer damit getröstet, dass Roland bei dem gestorben ist, was er am liebsten gemacht hat. Meine Frau hat das Ganze mehr mitgenommen", sagt Vater Rudolf.

Ironie des Schicksals: Auf dem Toyota, mit dem Roland Ratzenberger beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans hätte starten sollen, steht noch sein Name. Ersatzfahrer ist Jeff Krosnoff. Der Amerikaner wird beim Langstrecken-Klassiker Zweiter. Zwei Jahre später verunglückt auch er auf der Rennstrecke tödlich.

Es war, als hätte man einen König zu Grabe getragen

Ayrton Senna ist tief getroffen und wendet sich vom TV-Schirm ab. Der Brasilianer hat den Unfall von Roland Ratzenberger gesehen, hat gesehen wie Ratzenbergers Kopf im Cockpit leblos an die Seitenwand schlägt und wie die Ärzte erfolglos versuchen, den Österreicher zurück ins Leben zu holen.

Ayrton Senna, damals 34 Jahre alt, dreifacher Weltmeister und bester Formel-1-Fahrer des Planeten, steigt am Samstagnachmittag nicht mehr ins Auto. Er verzichtet darauf, im Abschlusstraining seine Bestzeit vom Vortag zu verteidigen. Senna lässt sich an die Unfallstelle fahren, lässt sich von einem Streckenposten den Unfallhergang schildern und spricht mit Rennarzt Sid Watkins über die Tragödie.

24 Stunden später ist auch Senna tot.

Unglück

In Führung liegend rast der Williams-Renault in der Tamburello-Kurve mit 310 km/h geradeaus; trotz Vollbremsung schlägt Senna mit mehr als 200 km/h in eine Betonmauer ein; ein Teil der Radaufhängung bohrt sich durch seinen Helm.

Kurz darauf ist Doktor Sid Watkins (1928–2012) beim Sterbenden. In der Film-Doku "Senna" erinnert sich der Brite: "Wir haben ihn aus dem Cockpit gezogen, haben ihm den Helm abgenommen, und ich habe sofort gesehen, dass dies ein tödlicher Unfall ist. Dann hat sich Sennas Körper entspannt. Ich bin nicht religiös, aber das war der Moment, in dem seine Seele den Körper verlassen hat."

Ayrton Senna erleidet keine Knochenbrüche oder inneren Verletzungen. Falls der gebrochene Teil seines Autos den Kopf verfehlt hätte, wäre er nahezu unverletzt aus dem Wrack gestiegen.

Senna ist der bisher letzte Fahrer, der in einem Formel-1-Auto starb. Die Unfallursache kann auch nach zwei Prozessen nicht geklärt werden. Der damalige Chef-Designer Adrian Newey, der heute die Autos für Red Bull baut, sagt: "Ich weiß nicht, was passiert ist, das ist meine ehrliche Antwort." Als wahrscheinlichste Unfallursache gilt eine gebrochene Lenksäule. Fakt ist: die Formel 1 verliert die Spitze ihres Sports.

Sennas Talent wird schon früh erkannt, seine Fans nennen ihn "The Magic". Er ist ehrgeizig, kompromisslos, aber vor allem schnell. Sein damaliger Teamkollege und Freund Gerhard Berger sagt: "Senna war der charismatischste und der beste Fahrer. Mit Abstand." Oft fährt er hoch aggressiv – und doch ist er tief gläubiger Katholik. Als er 1988 in Japan seinen ersten WM-Titel holt, sagt er: "In der ganzen Anspannung spürte ich seine Gegenwart – ich sah Gott."

Beispielhaft für Sennas Willenskraft ist seine Leistung in Interlagos 1991. Es ist sein Rennen, seine Heimat. Ausgerechnet bei dem Rennen, das er unbedingt gewinnen will, streikt das Getriebe seines McLaren. Teilweise hat Senna nur noch den sechsten Gang. Doch der 30-Jährige entwickelt eine enorme Kraft, bringt sein angeschlagenes Auto artistisch um den Kurs – und gewinnt. Senna ist außer sich vor Freude, er jubelt wie von Sinnen, er brüllt in den Boxenfunk.

In der Auslaufrunde bringt er das Fahrzeug zum Stillstand – und wird bewusstlos. Helfer nehmen ihm den Helm vom Kopf, ziehen ihm die Handschuhe aus, dann heben sie ihn aus dem Cockpit. Geplagt von Krämpfen schwenkt er bei der Siegerehrung die brasilianische Flagge, unter Schmerzen stemmt er den Pokal. Für seine Fans wird Senna in diesem Moment unsterblich.

Als knapp drei Jahre später in Brasilien die Meldung von Sennas Tod verkündet wird, ist die Nation geschockt. Fußballspiele werden unterbrochen, Fans und Spieler liegen einander weinend in den Armen. Eine dreitätige Staatstrauer wird ausgerufen, die Geschäfte bleiben geschlossen.

Staatsakt

Sennas Begräbnis wird zum Staatsakt. Als seine Leiche vom Flughafen in São Paulo zum Friedhof gebracht wird, säumen zwei Millionen Menschen die Straßen. Kampfjets malen ein farbiges Senna-S in den Himmel, Reiter eskortieren den Sarg.

Die letzten Meter wird der Sarg von Sennas Rennfahrer-Kollegen getragen, unter anderem von Intimfeind Alain Prost und Freund Gerhard Berger. Der sagt: "Es war, als hätte man einen König zu Grabe getragen." Auch 20 Jahre später ist Sennas Grab eine Pilgerstätte für Fans.

Einen Sieg in Imola, den 42. seiner Karriere, wollte Ayrton Senna Roland Ratzenberger widmen. Bei der Untersuchung von Sennas Wrack finden Experten im Cockpit ein Stück Stoff: eine kleine, zusammengerollte österreichische Flagge.

* 4. Juli 1960 in Salzburg - 30. April 1994

Karriere
Die ersten Erfolge feierte Ratzenberger 1985 in der Formel-Ford-Serie. Der Wechsel in die Formel 1 war eigentlich für 1991 vorgesehen. Der Vertrag mit dem Team von Eddie Jordan platzte jedoch, weil sich ein Sponsor zurückzog. 1994 stieg Ratzenberger schließlich als zweiter Fahrer im neuen Simtek-Team in die Königsklasse auf.

Beim Grand Prix in Aida (Japan) bestritt er sein erstes und einziges Formel-1-Rennen (Platz elf). Zwei Wochen später starb er in Imola, nachdem in der Qualifikation ein Teil des Frontflügels gebrochen und er mit über 300 km/h in eine Begrenzungsmauer gerutscht war.

Privat
Das Familiengrab auf dem Salzburger Friedhof Maxglan ziert ein Modell von Ratzenbergers Helm und die Inschrift: „Er lebte für seinen Traum.“

* 21. März 1960 in São Paulo - 1. Mai 1994

Karriere
Der Brasilianer fuhr 161 Grands Prix in der Formel 1 und gewann davon 41. 65-mal stand er auf der Poleposition, drei Mal holte er den Weltmeistertitel für McLaren (1988, 1990 und 1991). Mehrmals wurde Senna von Experten zum schnellsten Formel-1-Fahrer der Geschichte gewählt. Sein Tod veränderte die Formel 1, die Autos und Strecken wurden sicherer. Seit dem 1. Mai 1994 ereignete sich kein tödlicher Unfall mehr.

Privat
Sennas Eltern waren reich und ermöglichten ihm die Karriere im Motorsport. 1981 heiratete er Liliane, doch nur ein Jahr später ließ sich das Paar scheiden. Seine Familie schuf nach seinem Tod das Instituto Ayrton Senna, das bedürftigen Kindern in Brasilien hilft. Von 2010 bis 2012 fuhr Bruno Senna in der Formel 1, der Sohn von Ayrtons Schwester.

Das schwarze Wochenende von Imola 1994

Die Unglücksserie beginnt am Freitag: Der Jordan von Rubens Barrichello rast über die Curbs, hebt ab wie ein Flugzeug und fliegt in den Zaun. Das Auto ist völlig zerstört und bleibt auf der Oberseite liegen. Der damals 21-jährige Brasilianer ist ohnmächtig, doch er überlebt.

Beim Abschlusstraining am Samstag hat Roland Ratzenberger keine Überlebenschance: Das Monocoque seines Simtek-Ford hält den Aufprall mit 300 km/h aus, sein Körper jedoch nicht. Er wird 33 Jahre alt.

Die meisten Teams setzen dennoch das Abschlusstraining fort.

Einen Tag später kollidieren beim Start zum Grand Prix die Autos von JJ Lehto (Fin) und Pedro Lamy (Por), sieben Zuschauer werden schwer verletzt. Der Grand Prix wird hinter dem Safety-Car fortgesetzt. Am Ende der fünften Runde wird das Rennen wieder freigegeben, in der siebenten Runde rast Senna in Führung liegend von der Fahrbahn. Er prallt in die Begrenzungsmauer und stirbt mit 34 Jahren.

Doch die Formel 1 und Bernie Ecclestone gehen über Leichen. Der Formel-1-Boss will eine Absage um jeden Preis vermeiden, Senna-Freund Gerhard Berger erfährt von ihm: „Er ist draußen aus dem Auto.“ Was Ecclestone nicht sagt: Auch Senna ist gestorben, das Rennen wird neu gestartet. In der Boxengasse löst sich ein Rad, drei Mechaniker entgehen der nächsten Katastrophe. Michael Schumacher gewinnt – und feiert. Erst knapp vor der Pressekonferenz erfährt er von Sennas Tod.

Mein Held ist für immer gegangen

Als ich ein kleines Kind war, hatte ich alle Bücher und alle Videos von ihm und über ihn. Er war ein Fahrer, zu dem ich aufgeschaut habe, natürlich schon lange vor meiner eigenen Karriere. Ayrton Senna hat mich inspiriert, selbst Rennfahrer zu werden. Am Tag seines Todes war es sehr schwierig für mich, meine Emotionen zu zeigen. Ich bin zu einem stillen Platz gegangen ... Mein Held ist für immer gegangen. Für ein paar Tage war das richtig hart. Senna ist eine unglaubliche Legende. Wir Fahrer können auch heute noch etwas von ihm lernen.“

Senna war meine Inspiration

Ayrton Senna war meine Inspiration. Ich erinnere mich, dass ich auf meinen Schulbüchern keine Bilder von Mädchen gehabt habe, sondern ich habe Bilder von Senna auf meine Bücher gepickt, und seine Poster sind in meinem Zimmer gehangen. Auch meine ersten Go-Karts waren in den Farben von Sennas McLaren lackiert, da auch mein Vater Ayrton sehr gemocht hatte. Sein Unfall war ein sehr trauriger Moment für mich. Bei der Gedenkveranstaltung in Imola bin ich dabei. Ich muss einfach dabei sein, an diesem leider sehr wichtigen Tag.“

Er war ein wirklich großer Fahrer

Ich habe ihn nie getroffen, dafür war ich zu jung, leider. Ich erinnere mich an seinen Heimsieg in Brasilien, er hatte fast alle Gänge verloren und war nach dem Rennen völlig fertig. Das war so emotional. Ich denke, er war einer von den wirklich großen Fahrern. Senna wird immer in Erinnerung bleiben durch die Titel, die er geholt hat, durch die Rennen, die er gewonnen hat, und wegen seines Stils. Er war immer er selbst und ein ehrlicher Charakter. Das haben die Leute von ihm in ihren Herzen behalten. Er war ein ganz spezieller Mensch, so weit ich das beurteilen kann, was ich am Fernseher gesehen und von anderen Leuten erfahren habe, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben.“

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