© /Paulo Whitaker

Sennas Tod
04/26/2014

"Es war, als hätte man einen König zu Grabe getragen"

Der Unfall des Brasilianers lähmte vor 20 Jahren eine ganze Nation.

von Florian Plavec

Ayrton Senna ist tief getroffen und wendet sich vom TV-Schirm ab. Der Brasilianer hat den Unfall von Roland Ratzenberger gesehen, hat gesehen wie Ratzenbergers Kopf im Cockpit leblos an die Seitenwand schlägt und wie die Ärzte erfolglos versuchen, den Österreicher zurück ins Leben zu holen.

Ayrton Senna, damals 34 Jahre alt, dreifacher Weltmeister und bester Formel-1-Fahrer des Planeten, steigt am Samstagnachmittag nicht mehr ins Auto. Er verzichtet darauf, im Abschlusstraining seine Bestzeit vom Vortag zu verteidigen. Senna lässt sich an die Unfallstelle fahren, lässt sich von einem Streckenposten den Unfallhergang schildern und spricht mit Rennarzt Sid Watkins über die Tragödie.

24 Stunden später ist auch Senna tot.

Unglück

In Führung liegend rast der Williams-Renault in der Tamburello-Kurve mit 310 km/h geradeaus; trotz Vollbremsung schlägt Senna mit mehr als 200 km/h in eine Betonmauer ein; ein Teil der Radaufhängung bohrt sich durch seinen Helm.

Kurz darauf ist Doktor Sid Watkins (1928–2012) beim Sterbenden. In der Film-Doku "Senna" erinnert sich der Brite: "Wir haben ihn aus dem Cockpit gezogen, haben ihm den Helm abgenommen, und ich habe sofort gesehen, dass dies ein tödlicher Unfall ist. Dann hat sich Sennas Körper entspannt. Ich bin nicht religiös, aber das war der Moment, in dem seine Seele den Körper verlassen hat."

Ayrton Senna erleidet keine Knochenbrüche oder inneren Verletzungen. Falls der gebrochene Teil seines Autos den Kopf verfehlt hätte, wäre er nahezu unverletzt aus dem Wrack gestiegen.

Senna ist der bisher letzte Fahrer, der in einem Formel-1-Auto starb. Die Unfallursache kann auch nach zwei Prozessen nicht geklärt werden. Der damalige Chef-Designer Adrian Newey, der heute die Autos für Red Bull baut, sagt: "Ich weiß nicht, was passiert ist, das ist meine ehrliche Antwort." Als wahrscheinlichste Unfallursache gilt eine gebrochene Lenksäule. Fakt ist: die Formel 1 verliert die Spitze ihres Sports.

Sennas Talent wird schon früh erkannt, seine Fans nennen ihn "The Magic". Er ist ehrgeizig, kompromisslos, aber vor allem schnell. Sein damaliger Teamkollege und Freund Gerhard Berger sagt: "Senna war der charismatischste und der beste Fahrer. Mit Abstand." Oft fährt er hoch aggressiv – und doch ist er tief gläubiger Katholik. Als er 1988 in Japan seinen ersten WM-Titel holt, sagt er: "In der ganzen Anspannung spürte ich seine Gegenwart – ich sah Gott."

Beispielhaft für Sennas Willenskraft ist seine Leistung in Interlagos 1991. Es ist sein Rennen, seine Heimat. Ausgerechnet bei dem Rennen, das er unbedingt gewinnen will, streikt das Getriebe seines McLaren. Teilweise hat Senna nur noch den sechsten Gang. Doch der 30-Jährige entwickelt eine enorme Kraft, bringt sein angeschlagenes Auto artistisch um den Kurs – und gewinnt. Senna ist außer sich vor Freude, er jubelt wie von Sinnen, er brüllt in den Boxenfunk.

In der Auslaufrunde bringt er das Fahrzeug zum Stillstand – und wird bewusstlos. Helfer nehmen ihm den Helm vom Kopf, ziehen ihm die Handschuhe aus, dann heben sie ihn aus dem Cockpit. Geplagt von Krämpfen schwenkt er bei der Siegerehrung die brasilianische Flagge, unter Schmerzen stemmt er den Pokal. Für seine Fans wird Senna in diesem Moment unsterblich.

Als knapp drei Jahre später in Brasilien die Meldung von Sennas Tod verkündet wird, ist die Nation geschockt. Fußballspiele werden unterbrochen, Fans und Spieler liegen einander weinend in den Armen. Eine dreitätige Staatstrauer wird ausgerufen, die Geschäfte bleiben geschlossen.

Staatsakt

Sennas Begräbnis wird zum Staatsakt. Als seine Leiche vom Flughafen in São Paulo zum Friedhof gebracht wird, säumen zwei Millionen Menschen die Straßen. Kampfjets malen ein farbiges Senna-S in den Himmel, Reiter eskortieren den Sarg.

Die letzten Meter wird der Sarg von Sennas Rennfahrer-Kollegen getragen, unter anderem von Intimfeind Alain Prost und Freund Gerhard Berger. Der sagt: "Es war, als hätte man einen König zu Grabe getragen." Auch 20 Jahre später ist Sennas Grab eine Pilgerstätte für Fans.

Einen Sieg in Imola, den 42. seiner Karriere, wollte Ayrton Senna Roland Ratzenberger widmen. Bei der Untersuchung von Sennas Wrack finden Experten im Cockpit ein Stück Stoff: eine kleine, zusammengerollte österreichische Flagge.

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