Das Denkmal für Ayrton Senna wurde 1997 enthüllt, drei Jahre nach seinem Tod.

© KURIER/Florian Plavec

Motorsport
10/31/2020

Ayrton Senna: Tatsächlich unvergessen

Vor mehr als zwei Jahrzehnten starb der Brasilianer in Imola. Ein Lokalaugenschein.

von Florian Plavec

Eine Reportage aus Imola aus dem KURIER-Archiv (Mai 2015):

Die Ohren klingeln. In nur zehn Metern Entfernung brüllen die Autos der European Le Mans Series (ELMS; siehe unten) vorbei. Dennoch ist das hier ein Ort der Stille. Die Motorsportfans, die über den Gehweg spazieren, stellen das Gespräch ein, halten kurz inne, machen ein Foto. Eine Frau mit hochhackigen Schuhen und riesiger Designerbrille bleibt minutenlang stehen, es scheint, als würde sie beten. Ein Mann um die 60 wirft die welken Blumen weg, die noch nicht verwelkten gießt er mit Wasser aus einem Glas. Dann nimmt er ein Tuch aus seiner Tasche und wischt bedächtig den Staub vom Sockel der Statue.

Vom Denkmal für Ayrton Senna.

Freilich gibt es Formel-1-Piloten mit mehr Rennsiegen (41) oder mehr WM-Titel (3). Doch der Brasilianer gilt bis heute als größter Formel-1-Fahrer der Geschichte. Weil er ein begnadetes Talent war; weil er Charisma hatte, wie kein Fahrer vor ihm oder auch nach ihm; aber natürlich auch, weil er wie ein Champion starb. In einem Rennen. In Führung liegend.

Am 1. Mai 1994 verunglückte Ayrton Senna in der Tamburello-Kurve von Imola. Aus bis heute nicht ganz geklärter Ursache raste der damals 34-Jährige mit seinem Williams geradeaus in die Mauer. Beim Aufprall riss das Vorderrad ab, die Radaufhängung bohrte sich durch Sennas gelben Helm.

Pilgerstätte

Der Ort, wo Sennas Auto vor 21 Jahren in die Mauer einschlug, ist heute Pilgerstätte für Fans aus aller Welt. Nur zehn Minuten dauert der Fußweg vom Fahrerlager bis zur Tamburello-Kurve. Vorbei an der „Ayrton-Senna-Tribüne“, dann über die „Piazza Ayrton Senna da Silva“ und unter hohen Bäumen durch, über frisch gemähtes Gras, neben dem Santerno-Fluss, der auf der rechten Seite plätschert. Dann noch fünf Meter die Böschung hinauf. In den äußeren der beiden Zäune hat jemand ein Loch geschnitten. Manchmal klettern Fans durch die Öffnung, um ihre Devotionalien direkt an der Strecke aufzuhängen. Ein Kreuz für den tiefgläubigen Senna, ein Foto, ein gelb-grüner Blumenstrauß, eine Flagge Brasiliens, eine Kappe von Sennas Sponsor „Nacional“.

Noch schwerer behängt ist der Zaun an der gegenüberliegenden Seite der Strecke, an der Innenseite der Kurve. Beim Parco delle Acque Minerali, durch den ein Spazierweg führt. Dort, wo drei Jahre nach der Katastrophe das Denkmal enthüllt wurde. Es zeigt einen Senna aus Bronze im Rennoverall, den Blick gesenkt, als wolle er nicht zum Ort des Unfalls blicken, in der Hand eine rote Rose. Vier grüne Parkbänke umgeben den Platz. Menschen kommen, nehmen Platz, schweigen, gehen wieder.

Am meterhohen Gitter neben der Strecke hängen Grüße aus Russland und Rumänien, Irland und Italien, Australien und Austria. „Pool position in heaven“ hat einer geschrieben. Ein Rechtschreibfehler? Oder wünscht er dem verstorbenen Idol tatsächlich einen Platz am himmlischen Schwimmbad?

Sennas Unfall hat alles geändert. Die Sicherheit wurde in der Formel 1 zum wichtigsten Thema. Die Autos wurden stabiler, die Strecken entschärft. Auch die Tamburello-Kurve bekam ein Facelifting und wurde zur langsamen Schikane. Die Reformen haben gegriffen, die Formel 1 wurde ungefährlicher, es gab keine Toten mehr. Heute sind die einst so gefürchteten Formel-1-Autos sicher, leise, sparsam. Doch das gewisse Etwas fehlt.

Und am meisten fehlt einer wie Ayrton Senna.

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