Sport | Motorsport
20.07.2018

Dem Autoland Deutschland fehlt der Antrieb

Mobilität und Motorsport verändern sich. Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie beim vorerst letzten Rennen in Hockenheim.

Auf seiner Heimstrecke einen Grand Prix zu gewinnen – das ist ein bisher unerfüllter Traum von Sebastian Vettel. Am Sonntag (15.10/live ORFeins, RTL) hat der 31-Jährige die wohl letzte Chance, sein Ziel zu erreichen. Mit einem Sieg würde Vettel zudem Titelverteidiger Lewis Hamilton (siehe unten) im engen WM-Duell (171:163 Punkte) den nächsten Rückschlag verpassen.

Zum vorerst letzten Mal findet der Große Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring statt, 30 flotte Autominuten entfernt von Vettels Heimatort Heppenheim und etwas mehr als 100 Kilometer vom Mercedes-Stammwerk.

Es ist eine reiche Region. Dennoch wird die Formel 1 2019 einen Bogen um Hockenheim machen. Höchst unsicher ist ebenfalls, ob es 2020 weiter geht. Den Verantwortlichen fehlt das Geld, in den vergangenen Jahren fehlten die Zuschauer.

Zwischenhoch

Heuer sollen immerhin 70.000 kommen. Das ist der beste Besuch seit den Tagen, in denen der National-Eilige Michael Schumacher die Republik beschleunigte. Doch die diesjährigen Zahlen, angetrieben vom Duell Vettel/Hamilton bzw. Ferrari/ Mercedes, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Motorsport seine Hoch-Zeit hinter sich hat.

Die meisten Fans werden am Hockenheimring nicht in (Ferrari)-Rot oder (Mercedes)-Silber auftauchen, sondern in (Verstappen)-Orange. Der Niederländer hat in seiner Heimat das ausgelöst, was Deutschland fehlt: einen Hype. Mit Vettel und Nico Hülkenberg (Renault) sind nur noch zwei deutsche Fahrer dabei – so wenige, wie seit 1996 nicht mehr.

Dass heuer mit RTL nur noch ein Sender in Deutschland die Formel 1 überträgt, ist ein weiteres Zeichen für den Niedergang des Autolandes. Immerhin: Der schnellste Kreisverkehrs der Welt beschert dem Privatsender noch immer solide Quoten – mehr als fünf Millionen sind es 2018 zumeist. Schumachers Seriensiege sahen selten weniger als zehn Millionen Deutsche im TV.

„Vielleicht musst du erst eine Art Durchhänger haben, von dem du dich dann erholen kannst“, sagt der Wiener Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Andere argumentieren, dass die Deutschen nach den überwältigenden Erfolgen von Schumacher einfach müde sind von der sonntäglichen Raserei.

Mercedes hat sich langfristig zur Formel 1 bekannt, das Rennen in Hockenheim hat für den Hersteller Prestigecharakter. Die Mercedes-Tribüne samt Erlebniswelt ist bei der Anfahrt an den Ring nicht zu übersehen.

Beim Saisonfinale 2017 des Deutschen Tourenwagen Masters (DTM), einer urdeutschen Raserei, blieb das glänzende Ungetüm aus Stahl und Beton geschlossen.

Die DTM hat ohnehin andere Probleme. Die Silberpfeile, bis heute Rekordsieger, haben ihren Rückzug mit Ende 2018 verkündet. Der Premiumhersteller steht künftig unter Strom und fährt – auch aus Marketinggründen – in der vollelektrischen Formel E um Siege.

Unklar ist die Zukunft der unter Benzinbrüdern so beliebten DTM. Findet Rennserienchef Gerhard Berger keinen Ersatz, könnten auch die BMW- und Audi-Boliden zum Stehen kommen. Selbst die packenden Rad-an-Rad-Duelle der bisherigen Saison dürften nur wenig ändern.

Selbstverständnis

Das Verständnis zum Automobil verändert sich zwar langsam, dafür aber grundlegend. Der deutsche Autoexperte Stefan Bratzel erklärte in der Süddeutschen: „Vielleicht ist unser Verhältnis zum Auto so stark wie in Amerika das Verhältnis zur eigenen Waffe. So, wie selbst US-Präsidenten daran scheitern, die Waffengesetze zu verschärfen, scheitern hier Politiker am Versuch, ein Tempolimit einzuführen. Freie Fahrt für freie Bürger – das ist genetisch mit uns verbunden. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Generation.“

Dieser Wandel zeigt sich auch beim derzeit schnellsten Mann der Formel 1: Sebastian Vettel bevorzugt für die Fahrt ins Fahrerlager immer öfter das Fahrrad.