Das Athletendorf: ÖOC-Präsident Stoss in einem der 31 Hochhäuser

© Honorarfrei/GEPA pictures/ Harald Steiner

Lokalaugenschein
12/01/2015

Das olympische Vermächtnis Rios an seine Einwohner

Was soll übrig bleiben von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro?

von Philipp Albrechtsberger

Ein Mann liegt am Rand eines Schwimmbeckens, vor der stechenden Sonne schützt er sich mit seiner Kopfbedeckung. Es ist einer dieser traumhaften November-Tage im heißen Rio de Janeiro.

Für den Mann am Schwimmbecken-Rand sind solche Tage eine Qual.

Es ist nicht irgendein glitzernder Hotel-Pool in Brasilien, sondern der derzeit wichtigste im Land: das olympische Schwimmbecken für die Sommerspiele im August 2016. Jener noch leere Betonziegel, auf den in acht Monaten die ganze Welt blicken wird. Der erschöpfte Mann ist ein Bauarbeiter, die eineinhalbstündige Mittagspause ist ihm, wie allen Brasilianern, heilig. Er ist einer von Tausenden, die gerade auf der größten Baustelle der Welt schwitzen: der Baustelle Rio de Janeiro.

Nur wenige Meter entfernt vom Schwimmstadion wartet Joaquim Monteiro in einem zum Büro umfunktionierten Baucontainer auf die Delegation des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC). Der junge Brasilianer trägt ein Marken-Hemd und eine moderne, dick gerahmte Brille, er ist einer der Chefplaner. In selbstbewusstem Englisch präsentiert Monteiro den olympischen Masterplan der Stadt. "Vermächtnis" ist eines der Schlüsselwörter.

Was soll übrig bleiben von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro, den allerersten auf südamerikanischem Boden? Und zwar nicht im September 2016, wenn die letzten Reste des Sportfests verflogen und verstaut sind. Nein, im Zentrum stand die Frage, was 2020 oder 2025 übrig bleiben soll von der Mega-Veranstaltung, die laut Organisatoren rund zehn Milliarden Euro kosten wird.

In Zeiten von flächendeckender Korruption und ausuferndem Größenwahn bei Großveranstaltungen ist das eine wichtige und richtige Frage, aber auch eine mutige.

Denn auch Rio verspricht, die besten Spiele der Geschichte auszurichten. Doch die Stadt verspricht das nicht dem Sport, wie es London 2012 getan hat, sie verspricht die besten Spiele auch nicht der Welt, wie es auf protzige Art und Weise Peking 2008 und zuletzt Sotschi versucht haben. Rio hat das Versprechen den Einwohnern gegeben: den Reichen und Armen, den Jungen und Alten, den Euphorischen und den Hoffnungslosen.

Die traumhafte Kulisse

Es ist ein Anspruch, der schwer zu realisieren scheint in einer Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt, die stetig weiter wächst und an vielen Ecken und Enden zwangsläufig an natürliche Grenzen stößt: auf der einen Seite an den tiefblauen Atlantik, auf der anderen an die üppig begrünten Hügel, die die Stadt einrahmen.

So franst die Metropole immer weiter aus, etwa der Küste entlang nach Barra da Tijuca. Eine Stadt, fast so groß wie Linz, in der Stadt Rio. Vor 50 Jahren war hier nichts, nada, außer unbewirtschaftetem Land. Im kommenden Jahr wird in Barra das Herz von Olympia schlagen, in Form des olympischen Parks und des Athletendorfs. Das ist in etwa so, als wäre bei Olympia in Wien das Zentrum der Spiele in Tulln.

Das klingt absurd, doch die Olympia-Planer wollen damit die Chance ergreifen, ein dringend benötigtes neues Viertel zu erschaffen (einfach) und mit Leben zu erfüllen (schwieriger). Als Vorbild dient die Weltstadt Barcelona, die erst durch die Spiele 1992 einen öffentlichen Strandzugang zum Mittelmeer bekommen hat.

Daher staut man sich jetzt ein gutes Stündchen von der Innenstadt nach Barra. In Zukunft, vielleicht schon ab Olympia, soll der Verkehr abnehmen. Dann, wenn die Straße um ein paar Fahrbahnen erweitert wurde, und vor allem dann, wenn die U-Bahn endlich auch dieses Viertel erreicht. Bisher besteht das U-Bahn-Netz der Millionenmetropole aus lächerlichen zwei Linien.

Aus dem privat finanzierten Athletendorf, das in 31 Hochhäusern 18.000 Sportler beherbergen wird, werden Kaufobjekte. Eine 80 Quadratmeter große Wohnung kommt auf 200.000 Euro. Günstig sei das für Rio, heißt es. Dennoch kaum erschwinglich für Otto-Normalverbraucher. Ein durchschnittlicher Monatslohn beträgt knapp 1000 Euro.

Nachhaltige Planung

Bescheidener wirken die Sportstätten. Das Leichtathletik-Stadion, gebaut für die Panamerikanischen Spiele 2007, ist mit 65.000 Sitzplätzen eines der kleineren der jüngeren Olympia-Vergangenheit und wird danach wieder verkleinert (48.000). Gar kein Stein auf dem anderen bleibt bei der Handball-Arena: Sie ist so konstruiert, das hernach vier öffentliche Schulen daraus entstehen.

In Barra soll es einmal wie an der Copacabana zugehen. Bei einem Spaziergang an Brasiliens berühmtestem Strand lernt man übrigens zwei wichtige Dinge über das Leben: Nicht jeder Brasilianer ist ein begnadeter Fußballer, dafür versteht es jeder Brasilianer, mit ganz wenig Aufwand ganz großartig zu entspannen.

So wirkt es auch bei dem Bauarbeiter am Rand des Schwimmbeckens. Kein guter Grund zur Hektik. Die olympischen Sportstätten sind bereits so gut wie fertig.

Information: Die Reise nach Rio wurde vom ÖOC organisiert.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.