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Sport
10/03/2019

KURIER-Selbstversuch: Heißgelaufen in der Hitze Dohas

Bei der Leichtathletik-WM wird vor allem gegen die Hitze gekämpft. Der KURIER-Reporter wagte den Selbstversuch.

von Florian Plavec

"Mörderisch", "grenzwertig", "beängstigend", "höllisch", "schrecklich" oder "teuflisch". Das sind nur einige der Adjektive, die Marathon-Läuferinnen und Geher den nächtlichen Bewerben in Doha zugeschrieben haben. Deutlich mehr als 30 Grad hat es selbst in der Nacht, durch die Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent entspricht das einer gefühlten Temperatur von 44 Grad Celsius.

Doch wie fühlt es sich für einen gemäßigten Hobbysportler an, bei diesen Temperaturen zu laufen? Das wollte ich genau wissen. Es muss ja nicht die 50-Kilometer-Distanz der Geher sein oder ein Marathon. Mir reichen schon 7,5 Kilometer, eine Strecke, die daheim meiner locker gelaufenen Hausrunde entspricht.

Ohne doppelten Boden

Am späten Abend öffne ich die Glastüre des Hotels und trete ins Freie; mit je einer Trinkflasche in den Händen; ohne Geld – und damit ohne Rückversicherung.

Man ist darauf gefasst, aber trotzdem überrascht: Woher kommt diese heiße Luft? Es fühlt sich an, als wäre in der Nähe ein überdimensionaler Heizstrahler. Doch es ist nur eine ganz normale Nacht in Katar.

Diese Stadt ist nicht gemacht für Fußgänger, schon gar nicht für Läufer. Manchmal fehlen die Gehsteige, zwei Mal muss ich achtspurige Straßen überqueren, um zur Strandpromenade Corniche zu kommen, wo auch die Wettbewerbe stattfinden. Die ersten Schritte sind noch ganz lustig. Natürlich ist es heiß, aber gar nicht schlimm. Doch das ändert sich schnell.

Zwar laufe ich jetzt am Meer entlang, aber überall sind nur Asphalt, Beton und Stein, die die Hitze des Tages gespeichert haben. Es riecht nicht nach Meeresluft, sondern nach Abgasen von der Straße nebenan. Pro Kopf gemessen hat Katar weltweit den höchsten CO2-Ausstoß.

Mit hohem Tempo überholen mich drei Läufer. Einer trägt ein Trikot von Spanien, einer eines von Finnland, das dritte kann ich in der Finsternis nicht erkennen. Werden sie verfolgt? Ich drehe mich um. Niemand da. Vermutlich trainieren sie nur für den Marathon am Samstag.

Mit Problemen

Der Puls steigt, das Tempo sinkt. Erstmals in meinem Leben spüre ich die Fußsohlen. Noch nicht einmal die Hälfte der 7,5 Kilometer ist geschafft, eine Trinkflasche ist leer, die andere nur noch halb voll. Der Schweiß rinnt. Es wird richtig hart.

Kurz vor dem vierten Kilometer drehe ich um. Unendlich weit weg ist die Skyline mit den Wolkenkratzern, mittendrin mein Hotel. Mir geht das Wasser aus. Noch mehr Sorgen macht der extrem hohe Puls. Der steigt auf über 180. Nach der Formel "Maximalpuls = 220 minus Lebensalter" dürfte ich maximal 174 Schläge erreichen.

Was als lustiges Experiment begann, ist plötzlich gar nicht mehr lustig. Wie reagiert mein Körper auf diese Hitze? Wenn ich hier kollabiere, wird mich niemand mit dem Rollstuhl ins Medical Center schieben, wie es bei den Profis geschehen ist.

Ich versuche Tempo rauszunehmen. Doch wo nichts ist, kann nicht rausgenommen werden. Für einen Kilometer brauche ich fast acht Minuten. Der Puls bleibt konstant über 180. Das sind fast 40 Schläge mehr als normal bei diesem Tempo.

Stehen bleiben ist keine Option. Erstens will ich so schnell wie möglich ins klimatisierte Hotelzimmer, zweitens ist eine Erholung bei dieser Hitze auch stehend kaum möglich.

Eigentlich müsste ich die letzten 300 Meter zum Hotel auch noch laufen, doch ich leite gehend die sogenannte Cool-down-Phase ein. Eine lächerliche Bezeichnung bei diesen Temperaturen!

Nach acht Kilometern stoppe ich die Pulsuhr. Geschafft! Ich war fast eine Stunde unterwegs, bin waschelnass und etwas bleich. Es war tatsächlich grenzwertig und beängstigend. Zumindest hat mich auf meiner Runde kaum wer gesehen.

Auch in dieser Beziehung ist es mir wie den Athleten bei der WM gegangen.