Dominic Thiem schaltete das "Aufschlag-Ungeheuer" aus

In bester Verfassung. Dominic Thiem

© APA - Austria Presse Agentur

Sport
11/10/2019

Idealer Reifegrad: Die Monate der Wahrheit für Dominic Thiem

Auf dem Weg zu den ATP Finals hat der Österreicher vieles richtig gemacht. Folgt nun der letzte, große Schritt?

von Philipp Albrechtsberger

Wer die Nummer drei der Welt besiegen will, der trainiert am besten mit der Nummer eins. So könnte der Plan ausgesehen haben von Dominic Thiem vor seinem Erstrundenmatch bei den ATP Finals in London am Sonntag gegen Roger Federer (21 Uhr MEZ/live ServusTV, Sky).

Der Niederösterreicher probte am Samstag den Ernstfall mit Rafael Nadal (siehe Video). Anders als bei den meisten Turnieren sind beim Saisonabschluss der besten acht Profis auch die Trainingspartner noch exquisiter.

Thiem ist an all die Besonderheiten rund um die O2-Arena gewöhnt. Als einziger Spieler aus dem exklusiven Kreis war der 26-Jährige auch bei den letzten drei Ausgaben am Start.

Thiem wirkt vor dem ersten Aufschlag in der britischen Metropole nicht nur fit und erfolgshungrig, er gibt sich auch entspannt und ausgeglichen. Das liegt nicht nur am nahen Urlaub nach der besten Saison seiner bisherigen Karriere (siehe Grafik), die Gelassenheit hat auch viel mit den Lebensentscheidungen zu tun, die er im vergangenen Frühjahr getroffen hat.

Die Trennung von Manager und Langzeittrainer Günter Bresnik ist geräusch- und schadlos über die Bühne gegangen. Eher eine Seltenheit im von großen Persönlichkeiten mit großen Egos geprägten Spitzensport. Als mahnendes Beispiel dient Tenniskollege Alexander Zverev. Den Deutschen kostete der Wechsel des Managements Millionen und Form. Vom „schwierigsten Jahr generell, vor allem aber im Leben außerhalb des Platzes“ sprach der 23-Jährige am Rande der ATP Finals.

Von einer Schwere ist bei Dominic Thiem hingegen nichts zu spüren. Sein Team ist groß, stabil und familiär. In London besteht dies aus Vater, Mutter, Bruder, Coach Nicolas Massú sowie Fitnesstrainer und Physiotherapeut.

Gruppe Björn Borg
Novak Djokovic (SRB/2)
Roger Federer (SUI/3)
Dominic Thiem (AUT/5)
Matteo Berrettini (ITA/8)

Gruppe Andre Agassi
Rafael Nadal (ESP/1)
Daniel Medwedew (RUS/4)
Stefanos Tsitsipas (GRE/6)
Alexander Zverev (GER/7)

Um die vielen kleinen und großen Nebensächlichkeiten kümmert sich Manager Herwig Straka, der bereits bei Amtsantritt betont hat, die Persönlichkeit von Österreichs Nummer eins stärker herausarbeiten zu wollen. Wie genau das große Bild aussehen soll, lässt sich noch nicht ganz erkennen. In Österreich funktioniert die Marke Thiem jedenfalls schon prächtig. Kein Nachteil waren die emotionalen Triumphe in Kitzbühel und Wien. Der Österreicher liebt rot-weiß-rote Folklore jeder Art.

Im internationalen Tennisbetrieb hat freilich Thiem namhafte und potente Konkurrenz. Nicht nur sportlich ist an Federer, Nadal und Novak Djokovic noch nicht vorbeizukommen, auch vom Rampenlicht bleibt nicht viel über. Und obwohl das Trio alterslos wirkt, rast die Zeit dahin. War Thiem im Vorjahr noch der zweitjüngste Teilnehmer bei den ATP Finals, ist heuer bereits die Hälfte des Feldes 23 Jahre oder jünger. So gehört der 26-jährige Niederösterreicher mittlerweile auch schon selbst zum Inventar auf der ATP-Tour.

Erwachsener ist zuletzt auch sein Spiel geworden. Die Erfahrung auf den ganz großen Bühnen der Tenniswelt hilft dabei. Nie war seine Bilanz gegen Top-10-Spieler besser als 2019 (sechs Siege, drei Niederlagen).

Der Blick in die Saisonstatistiken wird Thiem bestärken. Er hat seinen Gegnern heuer weniger Breakchancen ermöglicht. Gleichzeitig zeigen die Jahresauswertungen, wo die großen Drei noch immer einen Schritt voraus sind. Während Thiem im Schnitt jedes vierte Game als Rückschläger gewinnt, ist es bei Djokovic jedes dritte.

Bei eigenem Aufschlag war Thiem in 84 Prozent der Fälle erfolgreich. Djokovic liegt bei 88, Nadal bei 90 und Federer gar bei 92 Prozent. Kleinigkeiten. „Aber die entscheiden“, sagt Thiem.

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