Morgenstern: "Ich mach’ den Berufspilotenschein, und da muss ich mich richtig reinknien."

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Interview
09/22/2016

"Ich bin jetzt einfach nur der Thomas Morgenstern"

Thomas Morgenstern, am Freitag Gast beim KURIER-Tag (12.15 Uhr), über sein neues Leben als Pilot.

von Christoph Geiler

Vor zwei Jahren beendete Skisprung-Star Thomas Morgenstern seine erfolgreiche Karriere. Die Luft ist aber sein Element geblieben: Nun hebt der 29-Jährige als Pilot ab und ist im Hubschrauber-Fliegen auch schon wieder Weltmeister. "Ich habe damals die richtige Entscheidung getroffen."

KURIER: Sie haben also Ihren frühen Absprung aus dem Spitzensport nie bereut?
Thomas Morgenstern:
Sicher hat es immer wieder Momente gegeben, in denen es mich gejuckt hätte. Aber das Skispringen hat mir am Ende überhaupt keine Freude mehr gemacht. Ganz im Gegenteil: Es war alles nur mehr eine Qual: Wenn ich an der Schanze war, musste ich mich überwinden. Ich hatte kein Vertrauen und keine Sicherheit mehr, sondern einfach nur Angst.

Sie werden sich also nie wieder über eine Schanze wagen?
Was würde das bringen? Klar könnte ich jederzeit runterspringen, das verlernt man nicht. Aber wo ist da der Reiz? Es wäre für mich keine Genugtuung, weil ich weiß, wie sich Skispringen in Perfektion anfühlt. Natürlich wäre es für mich der leichtere Weg gewesen, die Karriere fortzusetzen. Aber es ist damals auch vieles zusammengekommen: meine Stürze, ich bin Vater geworden, die Herumfahrerei hat mich auch genervt. Ständig die gleichen Orte, die gleichen Hotels, die gleichen Leute. Genau das schätze ich jetzt am Hubschrauberfliegen.

Wie meinen Sie das?
Ich habe mit anderen Leuten zu tun, es gibt andere Gesprächsthemen. Und ich bin jetzt einfach nur der Thomas Morgenstern und nicht mehr der Skisprungstar. Hier in Österreich weiß jeder, wer ich bin. Aber in der Welt, in der ich mich jetzt bewege, in Russland oder in Weißrussland, da kennt mich kein Mensch. Die müssen meinen Namen erst googeln.

Warum haben Sie sich das Hubschrauberfliegen als neue Leidenschaft ausgesucht?
Das Fliegen war schon immer mein Traum. Und im Moment ist das alles für mich eine riesige Herausforderung und extrem spannend. Das fängt schon bei meinem Co-Piloten an.

Was ist die Herausforderung?
Ich würde von mir schon behaupten, dass ich grundsätzlich ein Teamplayer bin. Aber als Skispringer war ich es nun einmal gewohnt, in erster Linie für mich selbst verantwortlich zu sein. Beim Hubschrauberfliegen bin ich jetzt auf meinen Co-Piloten angewiesen. Da muss die Harmonie passen und man muss sich gegenseitig vertrauen. Bei den Wettkämpfen hält er das Seil, an dem die Last angebracht ist. Er sagt mir, wie ich steuern soll. Da musst du lernen, auf ihn zu hören, auch wenn ich aus meinem Blickwinkel als Pilot es vielleicht anders machen würde.

Die Harmonie dürfte stimmen. Sie sind Weltmeister, wurden Dritter bei den World Air Games. Ist es ein Vorteil, dass Sie Wettkämpfe gewöhnt sind?
Ich weiß, wie man sich fokussiert oder wie man mit Nervosität umgeht. Wo ich aber schon noch Probleme habe, das ist, die Konzentration zu behalten. Ein Sprung hat ungefähr sieben Sekunden gedauert, jetzt dauern manche Bewerbe eine halbe Stunde. Das ist eine Umstellung. Oder auch das Training.

Wie intensiv ist denn das Training für einen Piloten?
Als Skispringer hatte ich meine Trainingspläne, jetzt läuft alles viel flexibler ab. Einen normalen Hubschrauberflug von A nach B kann man ja nicht wirklich als Training bezeichnen. Wenn ich richtig trainiere, dann bin ich meistens für einen ganzen Tag am Stützpunkt in Aigen. Dort kann ich in einer Stunde 20 Landungen üben, das bringt einen weiter.

Apropos weiter. Wo sehen Sie denn überhaupt Ihre Zukunft?
Ich mach’ den Berufspilotenschein, und da muss ich mich richtig reinknien. Da gibt’s 17.000 Fragen, das ist wie ein Studium. Ich war früher nie ein begeisterter Schulgänger, aber der Unterschied ist: Jetzt lerne ich etwas, das mich interessiert. Und das im Grunde auch meine Lebensversicherung in der Luft ist.

Sie haben den Vergleich: Was ist gefährlicher, das Skispringen oder das Hubschrauberfliegen?
Ich finde grundsätzlich beides nicht gefährlich. Wenn aber was passiert, dann endet es meist mit einer Katastrophe, weil eben sehr wenig Spielraum ist. Man muss so weit trainieren, dass man das Risiko minimiert. Und das heißt auch, vielleicht einmal den Hubschrauber stehen zu lassen, wenn’s die Bedingungen nicht zulassen.

Abschließend: Geht Ihnen denn irgendetwas aus Ihrer früheren Karriere ab?
Die Emotionen. Wenn du mit 30.000 Fans in Bischofshofen den Tourneesieg feierst und die Hymne singst. Solche Momente sind einzigartig. Dieses Feeling kannst du dir leider nicht kaufen.

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