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Sport
06/20/2019

Handballerin Frey: "Spitzensportler leben in einer Blase"

Die Teamspielerin und Legionärin über Fluch und Segen des Profitums und die Eigenverantwortung von Athleten.

von Philipp Albrechtsberger

Während andere Leistungssportler ihre geschundenen Körper in der kurzen Sommerpause in luxuriösen Strandhotels erholen, zieht es Sonja Frey auf eine Hütte in die Osttiroler Berge. Kein Strom, kein fließend Wasser, kein Handyempfang. „Es tut mir gut“, sagt die Wienerin. Nach Jahren in Deutschland und Frankreich beginnt für die 26-Jährige bald ein neues Kapitel in der dänischen Topliga bei Esbjerg.

KURIER: Wie groß ist die Vorfreude auf Dänemark?

Sonja Frey: Das ist genau das, was ich jetzt brauche: ein neuer Input in einer starken Liga. Wir haben im EHF-Cup gegen Esbjerg gespielt, und die Atmosphäre hat mich sofort fasziniert.

War immer klar, dass Sie Frankreich verlassen werden?

Klar war es nicht, weil Frankreich ein großartiges Land ist, auch, was den Damen-Sport betrifft. Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß. Das hat mich anfangs doch auch überrascht. Sport ist dort Teil des täglichen Lebens. Wir waren vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig in Schulen zu gehen und Trainings abzuhalten.

Welche Rolle spielen die gesellschaftlichen oder kulturellen Gegebenheit in einem Land für Sie bei einem Wechsel?

Frankreich hat mich auch kulturell gereizt, Dänemark ist eine sehr handballbezogene Entscheidung gewesen. Einige andere lukrative Angebote habe ich aus ganz anderen Gründen abgelehnt.

Welche waren das?

Ich finde es sehr schwer, in ein Land zu gehen, in dem Frauen nicht wertgeschätzt oder andere Kulturen diskriminiert werden. Wo Spielerinnen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft Rassismus ausgesetzt sind - von Zusehern oder Trainern. Aber es geht auch anders. Die Herren des dänischen Teams haben auf Teile ihres Gehalts verzichtet, damit das Frauen-Team die gleichen Rechte im Verband bekommt. So etwas könnte ich mir selbst in Österreich nur schwer vorstellen. 

Wie viele solcher Angebote haben Sie schon abgelehnt?

Einige. Aber bis jetzt bin ich noch nicht schwach geworden.

Sie haben Rassismus angesprochen. Wie ist Ihnen der im Sport begegnet?

Mitspielerinnen sind Affengesängen ausgesetzt, und leider wurde eine Freundin vom eigenen Trainer minderwertig behandelt. Generell versuchen Vereine und Verbände, die Spielerinnen zu schützen, aber es kann passieren. Der Sport mit seinen verschiedenen Nationen funktioniert wie ein Versuchslabor für die Gesellschaft. Gleichzeitig leben wir Spitzensportler aber auch in einer Art Blase.

Woran machen Sie das fest?

Es wird einem viel vom Verein abgenommen. Sachen, die ein Normalverbraucher selbst regeln muss. Du brauchst weder Miete noch Versicherungen selbst zahlen, alles wird automatisch vom Einkommen abgezogen. Und der Verein liegt in der Verantwortung. Es besteht dadurch aber die Gefahr, unselbstständig zu werden. Ich versuche, aus diesem Muster immer wieder auszubrechen und weiß es als Privileg zu schätzen.

Wie gut können Sie vom Handball leben?

Ich kann gut davon leben und mir sogar noch etwas zur Seite legen.

Sie sind zwar erst 26 Jahre, aber denken Sie schon an die Karriere nach der Karriere?

Bei meiner Zeit beim Thüringer HC habe ich die Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen. Das waren drei Horror-Jahre, aber es hat sich gelohnt. Ich wollte unbedingt etwas haben, um nicht mit 30 oder 32 Jahren mit leeren Händen dazustehen. Klar ist auch, dass meine sportliche Leistung in dieser Zeit ein wenig gelitten hat.

Sind Sie stolz, Ausbildung und Sport vereint zu haben?

Ich weiß zwar noch nicht genau, in welcher Richtung ich tätig sein will, aber dafür weiß ich eines: Wenn morgen der Handball für mich zu Ende wäre, habe ich kein Problem. Ich wollte mich nie nur über Handball definieren.

Inwieweit hat der Verein Ihre Ausbildung unterstützt?

Der Klub hat mich von den Vormittagstrainings freigestellt. Die deutschen Vereine, bei denen die Spielerinnen weniger verdienen als in Frankreich oder in Skandinavien, sind sehr kulant. Die sportliche Leistung hat dennoch stimmen müssen. Wenn wir von Auswärtsspielen um drei Uhr früh zurückgekommen sind, gab es keine Regeneration für mich, denn vier Stunden später hat mein Dienst im Spital begonnen.

Wenn Sie einen Wunsch für den Damen-Handball frei hätten, wie sähe der aus?

Wir brauchen mehr Biss, viel hängt von der Eigenverantwortung der Mädchen ab. Österreich ist kein Land, das kleinere Sportarten im Frauenbereich extrem fördert, es funktioniert nur durch Eigenverantwortung. Ganz generell wünsche ich mir, dass der Staat den Sport fördert und wertschätzt. Es sollte erleichtert werden, Leistungssport in Verbindung mit der Ausbildung oder dem Sport betreiben zu können und dass man sich nicht für eines entscheiden muss.