Sport | Fußball
04.06.2017

Zinédine Zidane: Der außergewöhnliche Realist

16 Monate Madrid-Trainer: zwei Champions-League-Trophäen, ein Meistertitel. Zidane coacht sich in die Geschichtsbücher.

Das vielleicht größte Kompliment bekam Real-Madrid-Trainer Zinédine Zidane ausgerechnet von einem Spieler des Erzrivalen FC Barcelona. "Ich bin nicht der Typ, der andere nach dem Trikot fragt. Ich habe das nur einmal getan und zwar bei Zidane", sagte Lionel Messi einmal.

Zinédine Zidane, dreifacher Weltfußballer, Welt- und Europameister, Meister in Spanien und Italien sowie Champions-League-Sieger, war ein außergewöhnlicher Fußballer, der vermutlich größte seiner Generation. Allerspätestens seit Samstagabend ist der Franzose ein außergewöhnlicher Trainer.

Mit dem Finalsieg der von ihm betreuten Mannschaft von Real Madrid gegen Juventus Turin gelang Zidane Historisches. Die Spanier sind die Ersten seit Einführung der Champions League Anfang der 1990er-Jahre, die den Titel verteidigen konnten. Für Zidane war der neuerliche Triumph ein ganz besonderer, ist er doch in Turin "zum Mann geworden", wie er kürzlich sagte. Von 1996 bis 2001 dirigierte er vom Mittelfeld das Juventus-Spiel, ehe er für die damalige Rekordablösesumme von 73,5 Millionen Euro nach Madrid wechselte. "Im Herzen bleibe ich immer Juventino."

Harte Lehrjahre

Als Spieler begründete der Sohn algerischer Einwanderer bei Real die Ära der Galaktischen. Er wurde verehrt für seine kluge Spielweise und bescheidene Haltung. Im Trainergeschäft war es dann rasch vorbei mit den Huldigungen. Sogar bis zuletzt wurden Zidane die nötigen Fähigkeiten abgesprochen. Zu ruhig sei er in der Coaching-Zone, zu zurückhaltend im öffentlichen Auftritt für einen Weltklub wie Real Madrid, zu unerfahren im Umgang mit Weltstars.

Selbst sein ehemaliger Juventus-Coach Marcello Lippi gab zu, Zidanes Erfolg hätte ihn überrascht: "Ich hätte mir ihn nie als Trainer vorstellen können."

Zidane ging – wie einst Pep Guardiola beim FC Barcelona – den Weg über die Nachwuchsschmiede des Vereins, coachte die zweite Mannschaft der Madrilenen, setzte auf Ballbesitz-Fußball und sagte: "Was ich mag, ist Fußball, was ich verstehe, ist Fußball, worin ich gut bin, das ist Fußball" Allein: Die Ergebnisse blieben zunächst aus.

Einsame Klasse

Erst eine Entlassung beschleunigte Zidanes Trainerkarriere – jene vom damaligen Real-Cheftrainer Rafael Benítez im Jänner 2016. Der Franzose übernahm trotz einiger Widerstände inner- und außerhalb des Vereins die Führung des verunsicherten Starensembles.

Was er in den folgenden 16 Monaten mit Real schuf, ist wahrlich Galaktisch: zwei Champions-League-Triumphe sowie die erste spanische Meisterschaft seit 2012. Das letzte Mal, als das große Real Meisterschaft und Europacup in einer Saison gewann, war im Jahr 1958. In seiner Amtszeit blieb die Mannschaft 40 Spiele in Serie ohne Niederlage – Rekord.

Nicht nur deshalb nennt auch Superstar Cristiano Ronaldo Zidanes Coaching "intelligent". Dabei spielte der Portugiese so wenig wie noch nie in seiner Zeit in Madrid. 14-mal saß Ronaldo heuer nur auf der Bank, wohl auch deshalb wirkte der Stürmer im Frühjahr so spritzig wie selten zuvor.

Zidane versteht es, die zahlreichen Stars bei Laune und gleichzeitig in Form zu halten. In der Liga kamen 21 Real-Profis auf mindestens elf Pflichtspieleinsätze. Mit Sensationsfußball gewinnt man Spiele, aber keine Titel.

So unwiderstehlich er als Fußballer war, so pragmatisch agiert er als Trainer. Nur eines haben die beiden Zidane-Karrieren gemeinsam: die Titelsammlung.