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Sport Fußball
06/21/2021

"You killed me, Willi": Ruttensteiner über die EURO in Baku

Das noch immer tief in muslimischer Tradition verharrende Baku probt mit der EM den Aufbruch in die Moderne.

Eine Kolumne von Willi Ruttensteiner

Seit sechs Tagen befinde ich mich jetzt als Technical Observer der UEFA in Baku – viel mehr als das Nationalstadion und das offizielle UEFA-Hotel konnte ich jedoch bisher noch nicht erkunden. Die Zeit zwischen den Spielen Wales gegen Schweiz und Türkei gegen Wales war vollgestopft mit Terminen, Meetings und Fußball schauen vorm TV-Gerät. Nicht zu ignorieren beim Blick aus dem Hotelfenster: Die monumentalen Flame Towers der englischen Stararchitektin Zaha Hadid, die auf einem Hügel über der Stadt thronen.

Für mich ist der Aufenthalt in Aserbaidschan nicht nur ein spannender Job, sondern er bedeutet auch ein bisschen Abstand von den kriegsähnlichen Zuständen in Tel Aviv, wo man täglich mit einem Raketenhagel rechnen musste und plötzlich mit einer brutalen Realität konfrontiert ist.

Das noch immer tief in muslimischer Tradition verharrende Baku probt mit der EURO den Aufbruch in die Moderne: Das auf einem alten Ölfeld errichtete Nationalstadion gleicht der Allianz Arena in München und soll 700 Millionen Dollar gekostet haben. Bei den Spielen hätten zwar 30.000 Fans ins Stadion dürfen, die Ticketpreise von 40 bis 120 Euro sind jedoch für die einheimische Bevölkerung bei einem Monatseinkommen von 350 Euro astronomisch hoch.

Gerammelt voll war dafür die exklusive Honorary Lounge auf der VIP-Ebene der Arena: Neben Aserbaidschans Diktator Ilham Alijev labte sich dort der türkische Präsident Recep Erdogan am Buffet – Vorkoster konnte ich überraschenderweise keinen entdecken. Ob die türkische Nationalmannschaft vor den strengen Augen Erdogans besonders unter Druck gestanden ist, mag ich nicht beurteilen. Das sportliche Desaster spricht jedenfalls nicht dagegen. Vor dem Match war auch Zeit für Small Talk mit UEFA-Boss Aleksander Ceferin und auf der Tribüne wurde ich dann von Miodrag Radulovic „attackiert“. „You killed me, Willi“, schrie der montenegrinische Teamchef in meine Richtung. Er dürfte seit dem 1:3 gegen Israel Anfang Juni im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Am Rande der Straßen fallen riesige Werbebanden auf: Rolex, Rolex, Rolex. Man sollte denken, dass die Menschen hier andere Sorgen haben, als sich zum Kauf einer Schweizer Luxusuhr animieren zu lassen. War da nicht etwas? Stimmt, in Baku gab ja kürzlich der Formel-1-Zirkus Vollgas und die Abbauarbeiten sind noch mitten im Gange.

Teil meines Jobs für die UEFA ist auch die Wahl des „Star of the Match“: Beim ersten Spiel gehörte mein Votum dem Schweizer Breel Embolo, bei Wales gegen die Türkei stimmte ich für Gareth Bale, der trotz eines vergebenen Elfmeters brillierte. Verdient gehabt hätte sich diese Auszeichnung aber auch Wales-Torhüter Danny Ward, der mich mit unglaublichen Paraden schwer beeindruckt hat.

Willi Ruttensteiner war von 2001 bis 2017 Sportdirektor des ÖFB und danach von Israel. Der 58-Jährige trainiert das Nationalteam Israels und ist ein Gegner der Österreicher in der anstehenden WM-Qualifikation.

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