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26.07.2018

Sturm nach dem 0:2 bei Ajax: "Uns haben die Eier gefehlt"

Die Niederländer erteilen dem Vizemeister im Hinspiel eine Lehrstunde, Sportchef Kreissl glaubt dennoch an die Wende.

Nach der klaren 0:2-Auswärts-Niederlage ist die Champions-League-Chance für Vizemeister Sturm nur noch minimal. Die Steirer verpassten es am Mittwoch im ersten Europacup-Duell gegen Ajax Amsterdam die benötigte Topleistung abzurufen und stehen vor dem Rückspiel in der zweiten Runde der Qualifikation vor einer Mammutaufgabe. Noch haben sich die Grazer nicht aufgegeben.

"Ich habe schon vor dem Spiel gesagt, dass es schwer wird, jetzt ist es fast nicht mehr machbar", resümierte Sturm-Trainer Heiko Vogel. Der Geschäftsführer Sport, Günter Kreissl, reagierte ebenso gefasst. "Wir haben gegen einen außerordentlich guten Gegner 0:2 verloren, das ist grundsätzlich kein Beinbruch. Wir sind nicht zufrieden, aber es ist nicht so, dass es uns komplett unerwartet trifft." Auch für Kapitän Stefan Hierländer war Ajax die zwei Tore besser. "Das muss man knallhart so sagen."

Der österreichische Cupsieger hatte dem niederländischen Rekordmeister in der mit 53.000 Zuschauern ausverkauften Johan Cruijff ArenA nur phasenweise etwas entgegenzusetzen. "Es war ein sehr schweres Spiel für jeden einzelnen", erklärte Spielmacher Peter Zulj. "Ajax ist eine Champions-League-Mannschaft, die können schon alle kicken. Dass ein Ziyech, Tadic, Blind, oder wie sie alle heißen, mehr Qualität als wir haben, ist klar."

Der ÖFB-Teamspieler bekrittelte die fehlende Durchschlagskraft in der Offensive. "Wir hätten viel mehr nach vorne, viel mehr Ballbesitz haben müssen." Verteidiger Lukas Spendlhofer formulierte es unmissverständlich: "Uns haben die Eier in der Hose gefehlt. Und auf diesem Top-Niveau wird jede Unkonzentriertheit bestraft."

Sturms Spielplan, Ajax bereitwillig den Ball zu überlassen, um dann blitzschnell umzuschalten, ging nicht auf. "Wir haben uns viel vorgenommen, aber diese Umschaltmomente nicht ausnützen können, weil wir die Bälle zu schnell verloren haben", schilderte Hierländer. "Das ist auf diesem Niveau tödlich, weil man dann einfach nicht in den Rhythmus kommt."

Denkzettel

Dabei war die Anfangsphase recht vielsprechend verlaufen. Markus Lackner, einer von vier Neuzugängen in der Startelf, hätte mit seinem Kopfball knapp über das Tor beinahe für den perfekten Auftakt gesorgt, der wiedergenese Emeka Eze an vordererster Front bei einigen Halbchancen durchaus Gefahr angedeutet. Doch dann sprang Hakim Ziyechs scharfer 20-Meter-Schuss Sturm-Goalie Jörg Siebenhandl über die Arme ins Tor.

"Es sind diese Kleinigkeiten, mit denen ich mir gerade alles schwerer mache, als es sein müsste", erklärte der Goalie. "Das Spiel will zeigen, dass ich gewisse Dinge noch genauer machen muss - ein Denkzettel." Kreissl, früher ebenfalls Tormann: "Ein Ball, den Jörg halten kann, aber eine Situation, die im Gesamten nicht gut verteidigt wurde."

Von der angekündigten Aggressivität in den Zweikämpfen und Entschlossenheit war im Amsterdamer Kessel wenig zu sehen - weil die Grazer gegen die technisch brillanten Niederländer schlicht zu oft einen Schritt zu spät kamen. Coach Vogel sah eine "Spitzenmannschaft" auf der einen und eine "Nicht-Spitzenmannschaft" auf der anderen Seite. "Wenn du solche Wettkämpfe auf diesem Niveau jede Woche hast, dann adaptierst du auch die Geschwindigkeit", sagte der Deutsche.

Steigerung muss her

Seine Kabinenpredigt blieb ohne Wirkung. "Ich habe ihnen gesagt: Ihr seid noch nicht bei euch selbst. Wir können hier klar verlieren, wir können auch eine Dusche bekommen, aber zeigt Mut, Leidensfähigkeit und Wille." Doch seine Elf zeigte die geforderten Tugenden zu selten. "Wir haben verloren, weil der Gegner sehr gut war und wir zu wenig mutig waren", meinte Kreissl. "Ajax hat Gegner und Schiedsrichter auch zu Fehlern gezwungen, das haben wir nicht in diesem Ausmaß vollbracht."

Er meinte damit auch die 54. Spielminute, die vermeintlichen Schlüsselszenen des Spiels. Schiedsrichter Alejandro Hernandez ließ im Ajax-Strafraum erst einen Kontakt an Sturms Fabian Koch ungeahndet und entschied im direkten Gegenzug nach einer ungeschickten Attacke von Anastasios Avlonitis an David Neres auf Elfmeter. "Ich war vor ihm am Ball", schilderte Koch die erste Szene. "Weil ich zum Abschluss kam, hat der Schiedsrichter den Elfmeter wahrscheinlich nicht gegeben." Für den Sekunden später auf der Gegenseite gefoulten Neres war die Sache klar: "Den Penalty für uns muss er geben."

Sturm konnte in der Folge froh sein, dass Ajax-Stürmer Klaas-Jan Huntelaar vor dem Tor glücklos agierte und Goalie Siebenhandl wieder zur Normalform fand. So stand am Ende "ein Ergebnis, das nicht unmöglich ist", wie Kreissl meinte. "Wir werden schauen, dass in Graz die Null steht." Zulj will den Traum von der Champions League noch nicht aufgeben. "Ich gehe sicher nicht in das Spiel, damit ich 90 Minuten spiele und dann ausscheide." Doch auch Österreichs Bundesliga-Spieler des Jahres weiß: "Bis dorthin müssen wir uns um einiges steigern."

Ein Lob verteilten Trainer und Spieler an die mehr als 2.000 mitgereisten Grazer Schlachtenbummler. "Über die Fans kann ich immer nur dasselbe sagen: Unglaublich, auch die Choreografie", sagte Vogel. "Unsere Fans waren überlegen, nicht so wie wir. Tut mir leid, dass wir ein 0:2 präsentiert haben."