Sport | Fußball
05.12.2011

Schatten über dem türkischen Fußball

Skandal: 19 Spiele sollen verschoben worden sein. Eine Verhaftungswelle verunsichert Österreichs Gegner.

In der Süper Lig ist nichts mehr so süper, wie es einmal war.

Eigentlich sollte der Ball schon seit 5. August auch in der türkischen Topliga wieder rollen - das tut er aber nicht, der Saisonstart wurde auf kommendes Wochenende verschoben. Ob es dann aber wirklich losgeht, im Land des nächsten Gegners von Österreich in der EM-Qualifikation, kann niemand definitiv sagen.

Ein großer Schatten liegt über dem türkischen Fußball: 19 Spiele der ersten und zweiten Liga stehen im Verdacht, manipuliert worden zu sein. Über 30 Verdächtige verbringen deshalb derzeit ihre Zeit nicht auf Fußballplätzen, sondern hinter den Mauern des Istanbuler Metris-Gefängnisses.

Die Prominentesten unter ihnen: Fenerbahçe-Präsident Aziz Yildirim und Besiktas-Trainer Ali Aydinlar. Der eine soll das entscheidende 4:3 gegen Sivasspor und damit den Meistertitel für Fenerbahçe erkauft, der andere beim Cup-Final-Sieg nachgeholfen haben.

Normalität

"Das ist nichts Besonderes und betrifft nicht nur Fenerbahçe oder Besiktas", sagt der türkische Journalist Ihsan Ekici. In den 16 Jahren, die er in seiner Heimat gearbeitet hat, habe er überall Betrug gesehen. Was düster klingt, war bis April 2011 gar nicht verboten. Es gehörte zwar nicht zum guten Ton, die Gegner eines anderen Topklubs mit einer Finanzspritze zu motivieren, war aber - so lange es sich nicht um die Aufforderung handelte, absichtlich zu verlieren - geduldeter Usus.

Erst eine Gesetzesnovelle hat diesen Graubereich nun für illegal erklärt und der Justiz ein Handlungsfeld eröffnet. "Der Fußball wird sich nun zu 100 Prozent ändern. Bisher hat das Geld regiert, jetzt wird wieder der Fußball regieren", hofft Ekici.

Am Dienstag trifft Österreich im letzten Spiel der EM-Qualifikation auf die Türkei. Der 2:1-Zittersieg gegen Kasachstan am Freitag war für die Moral der Elf von Guus Hiddink wichtig. Denn der Manipulationsskandal drückt auch auf die Stimmung im Nationalteam. "Die Spieler sind verunsichert und gestresst. Viele schlafen nachts nicht mehr gut, aus Angst, die Polizei oder der Staatsanwaltschaft könnten anrufen", weiß Türkei-Experte Ekici.

Glück im Unglück

Auch die österreichischen Türkei-Legionäre bekommen die Verunsicherung in der Liga hautnah mit. Besiktas-Spieler Ekrem Dag hielt das Ganze zunächst für einen schlechten Scherz: "Unser Verein hat den Pokal zurückgegeben, weil er sich ungerecht behandelt fühlt. Wenn alles aufgeklärt ist, wird man sich diesen wieder zurückholen."

Dags Kollege Veli Kavlak kann dem verspäteten Saisonstart sogar etwas Positives abgewinnen: "Natürlich ist es nicht einfach, wenn die Meisterschaft verschoben wird. Aber für mich und Tanju Kayhan ist die Verlegung nach hinten nicht schlecht. Wir sind neu gekommen und haben jetzt mehr Zeit, um uns zu integrieren", sagt der Ex-Rapidler.

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