Rapid mit Hoff Thorup unter der Lupe: Zu viel Aufwand ohne Ertrag
Rapid mit zu wenig Ertrag: Wurmbrand gegen Maybach
Im Fußball entscheidet oft der erste Kontakt eines Spielers darüber, ob ein Angriff gelingt oder nicht. Aber genauso wichtig ist der Kontakt mit der Realität und den Fakten – und da muss man sich fragen: Hat man den bei Rapid gerade noch?
Johannes Hoff Thorup spricht viel über Ballbesitz und Spielkontrolle. Ich gebe zu: Am Anfang fand ich das auch spannend. Thorup hat in seinen ersten Pressekonferenzen einen Ansatz präsentiert, der sich nach etwas Neuem für Österreich angehört hat. Die Begeisterung nach den Siegen gegen Salzburg und den LASK war groß.
Aber wer sich die Zahlen unter der Oberfläche ansieht, merkt schnell: Das schöne Ballbesitzspiel hält dem Faktencheck (noch) nicht stand.
Stögers bessere Werte
Dass 67 % Ballbesitz im Derby wirkungslos blieben, ist kein Zufall. Thorup investiert offensichtlich auch im Training viel Zeit in das Spiel mit dem Ball, doch die Zahlen belegen, dass dieser Aufwand kaum etwas bringt. Der Vergleich zur Stöger-Ära zeigt eine riesige Lücke: Unter Thorup stagniert Rapid bei 1,50 Punkten pro Spiel (Stöger: 1,71).
Noch deutlicher wird es bei der Chancenqualität (xG). Während Stögers Team pro Partie fast zwei Tore „verdient“ hatte (1,81 xG), kommt Thorup im Schnitt nur auf mickrige 0,98 xG – ligaweit nur Platz 10.
Das heißt: Trotz des vielen Ballbesitzes erspielt sich das Team statistisch nicht einmal eine „Hundertprozentige“ pro Spiel. Kurz gesagt: Objektiv betrachtet erzielt Rapid heute mit deutlich mehr Ballbesitz und höherem Aufwand weniger messbare Torgefahr und weniger Punkte als in der Vergangenheit.
Nach dem 1:1 im Derby gegen die Austria hieß es erneut: „Individuelle Fehler behindern unsere Entwicklung.“ Doch ist das nicht eine bequeme Ausrede für ein hausgemachtes Problem?
Ein Blick auf die Daten zeigt nämlich, wo die Fehler passieren: Unter Thorup finden die Ballverluste massiv im eigenen Drittel statt. Im krassen Gegensatz dazu – auch wenn die Spielanlagen grundverschieden sind – verlor das Team unter Stöger den Ball mehrheitlich erst im Angriffsdrittel.
Das Risiko ist also unter Hoff Thorup gewandert: weg vom gegnerischen Tor, direkt vor das eigene.
Chaos durch Ballverluste
Besonders deutlich wurde das beim 0:2 gegen Sturm, als vier Ballverluste in den ersten vier Minuten in der eigenen Hälfte für Chaos sorgten. Eigentlich soll Ballbesitz den Gegner stressen, doch bei Rapid wirken die eigenen Spieler gestresst. Sie spüren, dass ihre Zirkulation trotz hoher Anteile nicht in torgefährliche Zonen führt.
Der psychologische Druck im Aufbau steigt, weil der Ertrag ausbleibt. Was als „Patzer“ abgetan wird, ist das Resultat einer noch ineffektiven Struktur.
Entscheidend für echte Überlegenheit ist nicht, wie oft man den Ball hat, sondern wo man ihn hat. Während unter Stöger deutlich mehr Aktionen im gegnerischen Drittel stattfanden, hat sich das Spiel unter Hoff Thorup massiv nach hinten verlagert – in den eigenen Strafraum und das Mittelfeld. Rapid spielt oft nur ein „U“ um den gegnerischen Abwehrblock herum.
Man schafft es viel zu selten, in die gefährlichen Räume zwischen zu kommen.
Dazu kommt: Wenn man so viel Wert auf Ballbesitz legt, muss man den Ball nach Fehlern sofort zurückerobern (das berühmte Gegenpressing). Dass Rapid in dieser Statistik nur auf Platz 10 der Bundesliga liegt, ist ein echtes Problem.
Ohne diese schnelle Rückeroberung wird der Ballbesitz zu einer Kontereinladung für den Gegner.
Härtetest Hartberg
Man muss Johannes Hoff Thorup lassen, dass er mutig ist und Rapid eine neue Identität geben will. Das braucht allerdings Zeit.
Aber eine echte Entwicklung sieht man erst dann, wenn die Dominanz auch dort ankommt, wo die Spiele entschieden werden: im gegnerischen Strafraum. Der große Test kommt jetzt im Doppel gegen das Abwehrbollwerk von Hartberg.
Da wird sich zeigen, ob Rapid den Ballbesitz in echte Torgefahr verwandelt – oder ob alles brotlose Kunst bleibt.
Dominik Thalhammer, ehemaliger Frauen-Teamchef und Leiter der ÖFB-Trainerausbildung, analysiert aktuelle Fußballthemen für den KURIER.
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