Warum die Spannung in der Bundesliga kein Zeichen von Stärke ist
Salzburg gegen Rapid
Die erste Runde der Meistergruppe in der Bundesliga ist absolviert, die ersten fünf Teams liegen nur vier Punkte auseinander. Alles schwärmt von „Spannung pur“. Doch Achtung: Diese Enge ist kein Zeichen von Stärke, sondern das Resultat eines kollektiven Qualitätsabfalls.
Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken: Die Zeiten, in denen Salzburg, LASK und Sturm mit purer Intensität durch Europa gefegt sind, sind vorbei. Wir rühmen uns immer noch als „Pressingliga“, aber das ist längst ein gefährlicher Wahrnehmungsfehler. Eine aktuelle Studie entlarvt uns: Die einstige Pressingmacht Salzburg liegt hinsichtlich ihrer Pressingstärke im internationalen Vergleich von 56 Ligen nur noch auf Rang 114. Unser Alleinstellungsmerkmal ist weg.
Dominik Thalhammer, ehemaliger Frauen-Teamchef und Leiter der ÖFB-Trainerausbildung, analysiert aktuelle Fußballthemen für den KURIER.
Was ist in diesen Jahren des Pressing-Booms passiert? Es kam zu einer massiven Vereinheitlichung des Fußballs. Zu viele Teams setzen auf fast identische Spielideen und Prinzipien. Es hat eine kollektive Anpassung stattgefunden, die auch zu einer einseitigen Ausbildung im Nachwuchs geführt hat.
Kein Gegentrend
Zum Trend des Pressingfußballs hat sich bei uns schlicht kein Gegentrend – wie etwa dominanter Ballbesitzfußball – entwickelt. Die Konsequenz sehen wir jedes Wochenende: Unsere Topklubs haben massive Probleme, Gegner im tiefen Block kontrolliert auszuspielen.
Die Teams in der Liga werden sich immer ähnlicher, was unweigerlich zu einer Nivellierung nach unten führt. Je gleicher die Spielweisen, desto mehr regiert der Zufall – und wir wissen, dass der Zufall ohnehin schon 20 bis 30 Prozent der Ergebnisse beeinflusst.
Dieser Mangel an Innovation hat strukturelle Gründe. Um diesen Abwärtstrend zu stoppen, brauchen wir eine klare Kehrtwende:
- Strategische Autonomie der Vereine Klubs brauchen eine sportliche Identität, die unabhängig vom Trainer definiert ist. Die Vereine müssen endlich klare Leitplanken vorgeben, innerhalb derer sich der Trainer bewegen kann, um Kontinuität über Personen hinaus zu sichern. Wir haben in Österreich eine extreme Trainerzentrierung, bei der dem Coach fast jede sportliche Entscheidung überlassen wird. Selbst Rapid-Trainer Johannes Hoff Thorup hat gesagt, dass Rapid seine Kompetenzen beschneiden sollte. Da viele unserer Trainer unter massivem Druck stehen, wählen sie Sicherheit statt Risiko.
- Ligareform Das Ligaformat verstärkt diese Angst zusätzlich. Wir brauchen ein Format, das mutige, spielerische Lösungen belohnt, statt das nackte Überleben in den Vordergrund zu stellen. Deshalb sollte man neben der Punkteteilung auch die Teilung der Liga in zwei Gruppen abschaffen und aufstocken. Wenn sich in Norwegen mit 5,6 Millionen Einwohnern eine 16er-Liga ausgeht, dann auch bei uns.
- Zentrale sportliche Strategie Während bei uns keine feste Kaderquote existiert, schreibt Norwegen mit der 16/25-Regel strikt vor, dass der Großteil des Kaders aus im Land oder sogar lokal im Verein ausgebildeten Spielern bestehen muss.
Auch beim Anreizsystem ist Norwegen konsequenter: Während der neue Österreichertopf durch die Förderung älterer Profis eher eine allgemeine Inländerquote stützt, fließen die Prämien in Norwegen fast ausschließlich für den Einsatz echter U21-Talente. Das zwingt die Klubs dazu, junge Spieler nicht nur im Kader zu haben, sondern sie tatsächlich einzusetzen. Wohin das führen kann, zeigt Bodø/Glimt in der Champions League – mit einem norwegischen Trainer und fast ausschließlich einheimischen Spielern.
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